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People | 04.05.2017

Mädchen mit Namen Nina

Nina Egger hat rund 800 Babys auf die Welt geholfen. Viele davon in den ärmsten Ländern. Ein Gespräch über Not, Leid und die wohl schönste Freude im Leben.

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Nina Egger im Gespräch. © Thomas Luef

Nina Egger hilft, Kinder zur Welt zu bringen. Im LKH Graz genauso wie in armen Ländern und dort, wo Bürgerkrieg herrscht. Sie war in der Zentralafrikanischen Republik, im Kongo und auf Haiti. Sie war in Ländern, in denen bis zu acht Menschen eine Lehmhütte bewohnen, ohne Küche, ohne WC. Wo es, wie sie auf einem großen Marktplatz in einer zen­tralafrikanischen Stadt erlebt hat, nur ein Teehaus mit Radio gibt und der Strom mehrmals am Tag ausfällt. Oder in Haiti, wo viele Frauen aufgrund von Schwangerschaftsvergiftungen ihre Babys verlieren. Und wo man als „behütetes Grazer Mädel“, wie sie selbst über sich sagt, mitunter das Fürchten lernt, wenn draußen geschossen wird. Draußen, das ist außerhalb der Einrichtungen von Ärzte ohne Grenzen, der Organisation, für die Nina Egger als Hebamme ihre Auslandseinsätze durchführte. In der Zentralafrikanischen Republik war sie für die Organisation sieben Monate, im Kongo und auf Haiti jeweils drei. Derzeit arbeitet sie als Hebamme im Grazer LKH. Ihre Auslandseinsätze sind noch nicht abgeschlossen, Sierra Leone oder Bangladesch würden sie reizen.

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Nina Egger hat rund 800 Babys auf die Welt geholfen. © beigestellt

Nie ist sie in ein Land gefahren, ohne zu wissen, worauf sie sich einlässt. Sie weiß, was sie erwartet und welche Armut und Not in den Ländern herrscht. Und dass sie dort nicht nur Hebamme ist, sondern medizinische Supervisorin mit der wichtigen Aufgabe, den Menschen zu erklären, dass sie ihre Gesundheit in die eigene Hand nehmen müssen. Was nicht immer einfach sei, sagt sie. „Viele glauben, dass das Leben von Gott gewollt und Schicksal ist, was passiert, passiert einfach“, sagt Egger, „es ist nicht immer einfach, dagegen argumentieren zu können“. In ihrer täglichen Arbeit geht es auch darum, für HIV- oder Malariatests zu werben und natürlich für Verhütung. Familienplanung ist eines der großen Themen von Ärzte ohne Grenzen, „wir bringen ihnen bei, dass Verhütung nichts Schlimmes ist“, sagt Egger. Die Tradition siegt oft, gilt doch eine Frau mit vielen Kindern noch immer als „wertvoll“. In der Zentralafrikanischen Republik haben Frauen fünf bis sechs Kinder, im Kongo auch acht. Demnach bestimmen Männer vielfach die Familienplanung, Verhütungsmittel werden abgelehnt. So fliegen viele Gratiskondome, die die Organisation verteilt, von Kindern aufgeblasen durch die Luft.

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Ärzte ohne Grenzen leistet in Ländern medizinische Nothilfe, in denen die Gesundheitsversorgung unzureichend oder nach Kata­strophen oder Bürgerkrieg zusammengebrochen ist. Die Organisation ist mit medizinischem Personal vor Ort, sorgt darüber hinaus auch für sauberes Trinkwasser, Unterkünfte, allgemeine Hilfsgüter oder Nahrung, wenn Menschen diese zum Überleben benötigen. © beigestellt

Viele afrikanische Frauen gebären unter dem Beisein sogenannter Matronen, die mit Kräutern und Naturheilmitteln aushelfen. Die Entbindung in Spitälern können sich viele Frauen nicht leisten; vielfach sind Krankenhäuser auch gleichbedeutend mit Kaiserschnitt. Für Nina Egger war das Gebären in diesen Ländern anfangs ungewöhnlich, auch, weil sie an einen höheren Standard gewöhnt war. Nun „macht sie einfach ihren Job“: Kinder in Beckenendlagen kommen vaginal auf die Welt, genauso selbstverständlich wie Mehrlingsgeburten. Es gibt keinen Ultraschall, der Bauch der werdenden Mutter wird abgetastet, mit einem Hörrohr der Herzschlag abgehört. Die Kindersterblichkeit ist in diesen Ländern um ein Vielfaches höher, wenn sie auch dank medizinischer Einrichtungen wie den von Ärzte ohne Grenzen gesunken sind. Dass selten alle Kinder in einer Familie das Erwachsenenalter erreichen, wird auch als Schicksal hingenommen. Es liegt da in der Natur der Dinge, sagt Egger, dass die Beziehung zum Neugeborenen nicht so innig, die Freude nach der Entbindung nicht so groß wie bei uns ist.

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Die wohl schönste Freude des Lebens. © beigestellt

Rund 800 Kindern hat die 30-Jährige bereits auf die Welt geholfen. Persönlich habe sie von ihren Auslandseinsätzen viel gelernt, sagt Egger. Gelassener sei sie geworden und wertschätzender, weniger gestresst. Sie genießt die herzerwärmende Freude der Mütter und Väter bei „ihren“ Geburten im LKH Graz, denkt aber auch gern an die Momente, die sie in Afrika und auf Haiti erleben durfte. Etwa an ihre Entbindungen im Kongo, wo viele Kinder nach den Geburtshelfern benannt werden. Dort heißen heute ein paar Mädchen Nina.

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Nina Egger. © Thomas Luef

Ärzte ohne Grenzen

Nina Egger hat als Hebamme rund 800 Kindern auf die Welt geholfen. Für die Ärzte ohne Grenzen war sie in den ­ärmsten Ländern Afrikas und auf Haiti. Eine Schule auch für das Leben.