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People | 08.03.2016

Unruhefrau Franziska Hatz

Die steirische Madame 100.000 Volt leitet ihre Energie sehr erfolgreich um: in ihr Großmütterchen Hatz Salon Orkestar, das mittlerweile auf großen Jazz-Festivals daheim ist. Und, und, und …

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Fotos ©Oliver Wolf

Still sitzen kann sie nicht so recht. Franziska Hatz ist ein Springginkerl. Sie kann Traktorfahren, weiß, wie man Weinreben schneidet, sie kocht, wenn sie nicht gerade singt und Akkordeon spielt. Mit Letzterem hat es die 36-jährige Klöcherin schon weit gebracht: Gemeinsam mit Ehemann Richie Winkler und ihrem Großmütterchen Hatz Salon Orkestar bespielt sie nur wenige Jahre nach Gründung des Ensembles große Weltmusik-Festivals. Sie ist zudem Programmkuratorin beim Akkordeonfestival in Wien und steht ab April mit ihrer Kabaretttruppe Karat Apart auf der Bühne. Das sind nur drei von vielen anderen Projekten. Immer mit dabei: das früher als „Schweineorgel“ geschmähte und mittlerweile wieder sehr trendige Akkordeon. 

Musik war schon in ihrer Familie groß geschrieben. Jedes der fünf Hatz-Kinder sollte ein Instrument lernen können, bestimmte der Vater. Für Franziska war es das Akkordeon, das die Oma in die Familie brachte. Der Vater und besonders die Oma, die leidenschaftlich gern musizierte, sang und tanzte, prägten das quirlige Kind. Schon im Kindesalter wurde Franziskas überschüssige Energie – „nach heutiger Beurteilung wäre ich ein ADHS-Kind gewesen“ – über die Musik in kreative Bahnen gelenkt. Mit sechs Jahren spielte sie Akkordeon und sang, als Jugendliche leitete sie Chöre. 

Zweites Standbein: die Arbeit mit Menschen

Genauso, wie sie Musik liebt, liebt Franziska Hatz den Umgang mit Menschen. Beides gehört bei ihr unweigerlich zusammen. Nur, wer sich auf Menschen einlässt, hat auch Spaß und Freude, für sie Musik zu machen, behauptet Hatz. Dennoch beschloss sie nach der Matura, einen Sozialberuf zu ergreifen. Die Musik ruhte derweil. Hatz studierte an der Sozial­akademie, bekam einen Job im Grazer Jugendamt, der sie oft mehr einnahm, als ihr lieb war. Je mehr Grenzen nötig waren – etwa als sie in einer Obdachlosen­einrichtung arbeitete – desto mehr wurde die Musik wieder aktuell. Sie war ihr Ventil, eine Möglichkeit, in eine Welt ohne Konflikte abzutauchen. Der Wunsch, musikalisch zu arbeiten, wuchs immer mehr. Zu dieser Zeit lernt sie ihren späteren Ehemann kennen, Richie Winkler, Saxofonist, Klarinettist und fixer Bestandteil auf den heimischen Jazz- und Weltmusikbühnen. Er erkennt ihre Energie, ihre Lust an der Musik und ihre Bühnenpräsenz, er wundert sich, wie einfach das ohne Musikstudium klappt und beschließt, mit seiner Partnerin auch Musik zu machen. 

Dem Schicksal einfach mal die Türe aufhalten 

Dem Schicksal machte die Quereinsteigerin dabei immer wieder die Türe auf. Etwa als sie für ihr Sozialstudium noch Unterrichtseinheiten brauchte und einen Singkurs fand, der ihr auf das Studium angerechnet wurde. Dessen Leiterin übergab nach wenigen Stunden den Kurs an die begabte Studentin Hatz, diese Verbindung führte sie wiederum zu den Wiener Sängerknaben, die mit Caritas und Konzerthaus das Kindersingprojekt „Vorlaut“ ins Leben gerufen hatten. Eineinhalb Jahre sang und musizierte Hatz mit Kindern aus Brennpunktschulen. Ihr persönliches Déjà-vu: Musik als Ventil funktioniert noch immer. Gerade für Kinder mit Lernschwächen sei es sehr hilfreich gewesen, sich mithilfe von Musik ausdrücken zu können, ohne getadelt oder benotet zu werden. Franziska Hatz, die immer gerne zur Schule gegangen ist, erinnert sich nicht gern daran zurück, als negative Bewertungen sie traurig machten. Was ist mit Musik, fragte sie sich schon damals, zählt das nichts?

Noch heute will sie mit ihrem Instrument etwas bewirken, sie will Geschichten erzählen. Ihr Partner, mit dem sie sich vor wenigen Jahren in Wien niedergelassen hat, brachte sie zum Jazz und zum jüdischen Klezmer, sie grub sich durch seine Eigenkompositionen und war hellauf begeistert. 2009 gründete das Paar in liebevoller Erinnerung an die 1998 verstorbene Oma das Großmütterchen Hatz Salon Orkestar und spielte sich mit alten Weisen und Winklers Kompositionen schnell in die Oberliga der Weltmusik. Auftritte führten sie bis zum Kairoer Jazzfest, heuer gewannen sie den Publikumspreis der Austrian World Music Awards. Zwei CDs haben die beiden bereits veröffentlicht, ihrer Formation gehören zwei weitere Musiker an. 

 

"Musik ist mein Ventil!"
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Musikalisches Duo. Für den gemeinsamen Erfolg federführend verantwortlich: Ehemann Richie Winkler.
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• geboren am 31. Juli 1979 in Graz • aufgewachsen mit vier Geschwistern in Klöch in der Südoststeiermark • verheiratet mit dem Musiker Richie Winkler • wohnhaft in Wien • begann als Kind zu Musizieren, leitete später Chöre • musikalische Projekte: Großmütterchen Hatz Salon Orkester, Kombinat Alpenrösli (Schweizerisch-österreichische Musiktheatergruppe) • im Aufbau: Franziska Hatz & Friends • Auftritte bei Otto Lechners „Wiener Ziehharmonikern“ • Kabarett­truppe Karat Apart

Franziska Hatz ist überdies ein kritischer Kopf. Ihre Devise ist: Nicht alles glauben, besser, Dinge zu hinterfragen. Ein Anliegen ist ihr das Thema Feminismus: Es braucht auch weiterhin den Kampf für Gleichstellung, gegen Unterdrückung, Gewalt und Sexismus. Für die kämpferische Steirerin ist es nicht tragbar, dass Frauen nach wie vor weniger verdienen, durch Kinder einen Karriere­einbruch erleiden, gleichzeitig gebe es Unternehmen, die Männern mit Rauswurf drohten, wenn sie Kinderbetreuungszeiten in Anspruch nehmen wollen, kritisiert sie. Wenn Hatz Kleidung kauft – was ohnehin nicht ihre Lieblingsbeschäftigung ist – tut sie das mit größtmöglicher Verantwortung. „Wir kaufen billige Klamotten und verdrängen, dass Frauen und Kinder diese unter schrecklichen Bedingungen herstellen.“ Selbst geht sie gern zum Schneider um die Ecke, der ein persönliches Lieblingsstück für sie näht. Denn, fügt sie ironisch hinzu: „Irgendwie ist es komisch, wenn Frauen durch das Tragen von massenhaft produzierter Kleidung glauben, individuell zu sein.“ Ziemlich auf die Nerven geht der Musikerin der „Schönheits- und Schlankheitswahn“, auch wenn sie selbst in Gewichtsfragen streng zu sich ist. 

Insgesamt wünscht sich Franziska Hatz mehr Solidarität untereinander. „Veränderung passiert immer nur mit Respekt und Wertschätzung aller Geschlechter.“ Hatz ist bekennende Feministin, weil es ihrer Meinung noch viel zu tun gibt in puncto Gleichstellung. Schade findet die Künstlerin, dass Feminismus hierzulande so negativ besetzt ist. „Trotzdem unterschreibe ich nicht alles, was in diesem Bereich diskutiert wird und passiert.“ 

 

Die gesamte Story findest du in der März-Ausgabe der Steirerin!