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People | 26.08.2020

Voitsberger Frauenpower

Gudrun Pressler ist Bäuerin, Kabarettistin, Moderatorin und Netzwerkerin – alles aus ganzem Herzen. Sie holt Frauen vom Land vor den Vorhang und hat sich zum Ziel gesetzt, das Bild der Bäuerin zu verändern.

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Gudrun Pressler (ganz rechts) gründete vor 15 Jahren den Voitsberger Bäuerinnenchor. Die acht Damen haben mit ihren einzigartigen Kabarettprogrammen inzwischen Kultstatus. © beigestellt

Von wegen ruhiges Landleben! Gudrun Pressler wirbelt mit dem Voitsberger Bäuerinnenchor seit 15 Jahren die Steiermark auf, ist Gemeindebäuerin und Mitglied im Bäuerinnenbeirat, Obfrau des Vereins „Genuss und Brauchtum in der Lipizzanerheimat“ und Initiatorin der beliebten Veranstaltungsreihe „KochKunst und Kabarett“. „In erster Linie bin ich aber Bäuerin, Oma und Mama!“, betont sie. „Daraus ist im Laufe der Zeit vieles entstanden, aber zufällig! Ich bin eigentlich kein Mensch, der unbedingt irgendwo vorne stehen muss, aber jeder hat gesagt: Mach du das! Du kannst das!“ Das war früher nicht anders, als Pressler zu Hause im von ihrer Mutter geführten Gasthof Leitner in Graden aufwuchs. „Ich war immer schon diejenige, die Leute fangen konnte. Wenn es zum Beispiel bei einer Hochzeit nicht lustig war, musste ich mich verkleiden und die Leute zum Tanzen bringen – mit 14 oder 15 Jahren! Das war nicht immer lustig, aber es ist mir immer gelungen!“

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© Thomas Luef

Pressler ist gelernte Fotografin und kam durch ihre Hochzeit im Jahr 1988 zu ihrer Berufung: Bäuerin sein. Der Voitsberger Bäuerinnenchor begann mit einem einfachen von Pressler moderierten Liederabend. „Die Leute haben Tränen gelacht“, erinnert sich Pressler. „Das ist so gut angekommen, dass wir mit der Zeit nur noch lustige Sachen gemacht haben. Irgendwann habe ich gesagt: Wir könnten doch ein Kabarett machen!“ Eine große Portion Mut gehörte da freilich dazu, aber daran mangelt es den acht Bäuerinnen keineswegs. Inzwischen genießen sie Kultstatus und sind mit ihren Kabarettprogrammen immer gebucht. „Wir waren immer ein Geheimtipp und waren selbst überrascht, dass man damit Geld machen kann. Bäuerinnen leben ja in einer anderen Welt.“ Diese Welt beleuchten die Kabarettprogramme mit Selbstironie, Unverblümtheit und gnadenloser Ehrlichkeit. Die Inhalte stammen allesamt aus der Feder von Pressler. Spätestens seit der Voitsberger Bäuerinnenchor 2015 bei der „Großen Chance der Chöre“ zu hören und zu sehen war, sind die acht Sängerinnen im Dirndl über die Grenzen der Steiermark hinaus bekannt. Für die Veranstaltungsreihe „KochKunst und Kabarett“ schloss sich der Chor mit den Dorfwirten zusammen. „Die servieren ein regionales Drei- oder Vier-Gänge-Menü und wir machen zwischen den Gängen Kabarett“, erklärt Pressler. „Die Veranstaltungen sind immer ausverkauft! Das ist eine Win-win-Situation für den Wirt und für uns.“

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© Thomas Luef

Das Feuer entfachen. Bei allem Humor hat Presslers vielseitiges Engagement aber auch einen sehr ernsten Hintergrund: Sie will das festgefahrene Bild der Bäuerin verändern. „Was mich immer bewegt hat, war, dass die Bäuerin immer im Hintergrund stand. Man wusste, die können arbeiten, gut kochen, handarbeiten, mit Blumen umgehen und so weiter. Dass eine Bäuerin auch etwas anderes kann, ein Leben hat, Wünsche und andere Talente, das hat sich bei den Leuten ganz schwer durchgesetzt. Als ich damals Bäuerin wurde, hatte eine Bäuerin keinen eigenen Willen zu haben. Wenn ich mich in einer Diskussion eingebracht habe, wurde ich oft gefragt: Und du bist wirklich Bäuerin?“ Damit wollte sich Pressler nicht abfinden. Sie wollte Bäuerinnen vor den Vorhang holen, ihre Stärken und Talente zeigen – und das, was sie alles leisten. „Wir müssen oft den Stall machen und gehen dann noch zu einer Veranstaltung!“, sagt sie über ihre Chor-Kolleginnen. „Diese Frauen sind enorm stark, ich bin so begeistert von ihnen! Da sind eine tiefe Freundschaft und Solidarität entstanden. Frauensolidarität entsteht nur bei sehr starken Frauen!“

 

Begeisterung zu wecken
und das Feuer zu entfachen,
das war schon immer meins.

Gudrun Pressler

 

Ihre Überzeugungen brachte Pressler auch im Bäuerinnenbeirat ein und initiierte dort das Köflacher Volkskulturfest „späch’n, los’n und kost’n“, das ganze vier Mal unter ihrer Leitung stattfand und aus dem sich der Verein „Genuss und Brauchtum in der Lipizzanerheimat“ entwickelte. Dieser wiederum setzt sich auch für die Bewahrung von Kulturgut ein, etwa mit einer eigenen Trachtenbroschüre. „Ich mag es, wenn etwas entsteht – von der Idee bis hin zur Ausführung. Ich mag es, wenn Menschen sich entfalten können. Frauen sind so stark und haben so viele Talente. Wenn man ihre Stärken bündeln kann, kommt Großartiges heraus“, so Pressler. „Mir ist das Endprodukt gar nicht so wichtig wie der Weg dorthin, weil auf diesem Weg eine unglaubliche Energie entsteht. Begeisterung zu wecken und das Feuer zu entfachen, das war schon immer meins.“

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© Thomas Luef