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People | 01.07.2020

Gedanken als Medizin

Wie wir mit unseren Gedanken maßgeblich zu unserer Gesundheit beitragen können, darüber sprachen wir mit dem Neurobiologen Marcus Täuber und besuchten ihn dazu in seiner zweiten Heimat im Mittelburgenland.

Bild 2004_B_EM_Taeuber.jpg
© Shutterstock

Im elterlichen Bauernbetrieb seiner Lebensgefährtin Verena in Bubendorf (Mittelburgenland) sitzen wir bereits Ende Februar mit dem Hirnforscher Marcus Täuber am Esstisch seiner Schwiegermutter in spe. Dort diskutieren wir über sein neues Buch und die Veränderung seines Lebens mithilfe einer Methode, durch die die Kraft der Gedanken zur Selbstheilung genutzt wird.


Sie sind Neurobiologe und kommen aus der Hirnforschung. Wann haben Sie sich das erste Mal mit dem Thema Selbstheilung beschäftigt?

Ich war auch in der pharmazeutischen Industrie tätig und habe mich mit Medikamentenstudien beschäftigt. Da ist mir der Placebo-Effekt zum ersten Mal aufgefallen. Und dass dabei sehr viele physiologische Veränderungen im Gehirn und im Körper stattfinden. Viele Studien haben gezeigt, dass das mehr als Einbildung ist. Das hat mich so fasziniert, dass ich Ausbildungen in diesem Bereich gemacht habe: Mentaltraining, Hypnose, Meditation.


Wie hat sich das auf Ihre persönliche Gesundheit ausgewirkt?

Ich hatte einen hartnäckigen Tinnitus. Das war nervig und hat mich eingeschränkt. Dann habe ich mir eine Methode zurechtgelegt, die ich nun auch unterrichte. Der erste Schritt ist das Akzeptieren und nicht dagegen anzukämpfen. Ich habe genau hingehört, welche Tonhöhe, welche Lautstärke hat der Tinnitus. Im zweiten Schritt habe ich mir eine Lösung vorgestellt. Ich habe mir mein rechtes Ohr als Lautsprecher einer Stereo-Anlage vorgestellt, die ich Stufe für Stufe in Gedanken leiser gedreht habe. Immer wenn ich diese Übung gemacht habe, ging er weg, kam dann wieder, ging wieder weg. Das ist eine Zeit lang so hin und her gegangen, aber immer wenn er kam, war er leiser und dann immer länger weg. Irgendwann blieb er ganz aus. Das war ein Prozess von rund einem halben Jahr.


Bei welchen Beschwerden hilft eine derartige Behandlung durch Akzeptanz, Entspannung und Visualisierung?

Ich arbeite viel mit Migränepatienten, aber auch mit Menschen mit Rückenbeschwerden oder sonstigen Schmerzen. Der erste Schritt ist immer Entspannung durch Akzeptanz. Dann die Visualisierung. Bei Schmerzen arbeite ich gerne mit Farben. Man stellt sich den Schmerz als Farbe vor, gibt ihm eine Form, eine Größe, visualisiert ihn als Gebilde/Figur, gibt ihm eine Oberfläche, man schreibt ihm Eigenschaften zu wie kalt, heiß, rau, glatt etc. Durch diesen Trick lerne ich beobachten, ohne zu bewerten. Dann kommt die Lösung: Man malt in Gedanken weiße Farbe da­rüber. Weiß gilt als Farbe der Heilung, Reinigung. Damit verbindet das Gehirn viele Ressourcen der Entspannung. Das funktioniert sehr gut. Dann stellt man sich die eigenen Selbstheilungskräfte personalisiert vor. Mi­grä­nepatienten können sich zum Beispiel kleine Maxerl vorstellen, die die Schläfenarterie zusammenschnüren, oder einen großen Eiswürfel, durch den sich die Blutgefäße wieder zusammenziehen.

 

Mit Spaziergängen in der Natur sorgt Marcus Täuber für den Ausgleich zu seiner herausfordernden Tätigkeit. © Vanessa Hartmann

 

Meditieren ist auch ein essenzieller Aspekt Ihrer Empfehlungen für Entspannung. Das fällt nicht jedem leicht. Viele Menschen sind im Alltag so eingespannt, dass sich 20 Minuten Ruhe für sich selbst da nur schwer ausgehen.
Da sollte man unverkrampft an die Sache herangehen. Nicht glauben, man darf jetzt an nichts denken. Das ist schon wieder ein zu hoher Anspruch. Da entsteht dann Frustration. Es ist vollkommen okay, wenn man mal mit drei oder fünf Minuten beginnt und einfach mal schaut, was passiert, wenn man sich nur ein paar Sekunden oder Minuten auf seinen eigenen Atem konzentriert. Und wenn Gedanken kommen, ist das okay, dann kann man versuchen, diese wegzu­schieben wie Wolken. Das kann man auch in den Alltag einbauen, wenn man in einer Schlange wartet oder im Stau steht. Einfach in den Körper reinspüren, innehalten, bewusst atmen. So kommt man Schritt für Schritt rein und kann das ausbauen. Bei mir hat es ca. einen Monat gedauert, bis ich da so richtig drin war.

 

Kann dieser Entspannungs-Zustand auch ohne Meditation erreicht werden?

Meditation ist das effektivste Mittel. Progressive Muskelentspannung ist nicht so effektiv wie Meditation. Die Gedanken werden dabei gestoppt. Wir alle sind Single-Tasker – auch Frauen (lacht) – Multi-Tasking ist eine Utopie. Aber Single-Tasking hat seine Vorteile. Wenn ich mich auf eine Sache – z. B. auf den Atem – konzentriere, gehen die Gedanken automatisch weg, wenn ich konzentriert bin. Das wirkt sich dann auch positiv auf das ganze Leben aus. Man behält in sämtlichen Lebenslagen einen ruhigen Kopf, wird nicht panisch, sieht die Dinge klarer. Unser Kopf liebt Horrorszenarien. Wer Flug­angst hat, sieht sich schon am Felsen zerschellen, bevor der Flieger noch abgehoben ist. Aber das kann man stoppen mit Meditation.

 

Kann jeder seine Selbstheilungskräfte aktivieren?

In allen Kulturen gibt es das Phänomen der Selbstheilung. Jeder Mensch erfährt es. Du schneidest dir in den Finger, es fließt Blut, die Keime werden herausgespült. Dann beginnt das Blut zu stoppen, die Blutgerinnung funktioniert. Dann verschließt sich die Wunde. Dann kribbelt sie, wenn sie verheilt. All das macht unser Körper von alleine. Das sind unsere Selbstheilungskräfte. Es hilft auch sehr, diese zu personalisieren. Manche stellen sich einen Indianer vor, der in ihrem Körper all das repariert, andere sehen kleine Maxerl, die da drin arbeiten. Der Klient soll sich dann vorstellen, was würden diese Maxerl jetzt tun, was würden sie fühlen, wenn sie für einen die Arbeit tun. Das ist auch ein Perspektivenwechsel, der dem Klienten sehr gut tut.

 

„Das richtige Denken gehört zu einem gesunden Lebensstil wie Ernährung und Bewegung.“

 

Das Problem bzw. den Schmerz also nur ansehen und beschreiben, nicht bewerten, sondern akzeptieren.

Ich zeige das immer an einem Seil mit einem Knoten in der Mitte. Wenn ich an beiden Enden ziehe, wird der Knoten immer fester. Wenn ich meine Aufmerksamkeit auf ein Problem richte und es beurteile, mache ich es größer, fixiere ich es. Stecke ich Energie und Emotionen rein, speichert sich das noch mehr im Gehirn ab. Wenn ich es jedoch akzeptiere – das hat nichts damit zu tun, dass ich sage, das Problem ist gut und soll bleiben – und nur beschreibe, dann geht die Anspannung schon immens runter. Das gilt für alle Bereiche des Lebens.


Welche Botschaft möchten Sie den Menschen mit Ihrem Buch mit auf den Weg geben?

Du kannst über deine Gedanken, Gefühle Einfluss gewinnen und etwas für deine Gesundheit tun. Für mich gehört das richtige Denken zu einem gesunden Lebensstil dazu wie Ernährung und Bewegung. Es ist eine Gesundheitsmaßnahme. Nutze deine Gedanken! Die meisten lassen ihre Gedanken einfach passieren, wie wenn sie vor dem Fernseher sitzen und einen Spielfilm schauen. Aber in Wirklichkeit sind wir die Schauspieler, ja sogar die Regisseure dieses Films. Das braucht ein bisschen Training, aber es wirkt und verändert das Leben massiv.

 

Das vierte Buch des Neurobiologen bietet Hilfe zur Selbsthilfe.

 

Wir verlosen 3 Mal das Buch „Gedanken als Medizin: Wie Sie mit den Erkenntnissen der Hirnforschung die mentale Selbstheilung aktivieren“ von Marcus Täuber. HIER mitspielen!