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People | 20.05.2020

Die Krise als Chance

Philosophin Lisz Hirn über Corona – diktierte Entschleunigung, Social Distancing, Hamsterkäufe und den Traum von einer besseren Welt.

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Philosophin Lisz Hirn. © Harald Eisenberger

Ein Neubeginn mit neuen Chancen in einer besseren Welt – das sind die Hoffnungen vieler für die Zeit nach der Coronakrise. Mehr Zusammenhalt, mehr Empathie, anhaltende Entschleunigung. Warum man das Leben nicht auf die Zeit danach verschieben sollte und wie selbstbestimmte Entschleunigung gelingen kann, erklärt die gebürtige Steirerin und Philosophin Lisz Hirn.

Die Autorin und Vortragende studierte Philosophie und Gesang in Graz, Paris, Wien und Kathmandu. Sie arbeitet als Publizistin und Philosophin in der Jugend- und Erwachsenenbildung, u. a. am Universitätslehrgang „Philosophische Praxis“ der Universität Wien. Eben ist ihr neues Buch erschienen: „Wer braucht Superhelden. Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten“. Darin widmet sich Lisz Hirn der Tatsache, dass unsere verweichlichte Gesellschaft Superhelden braucht, die uns aus dem Schlamassel retten, in das wir uns durch unser Komfortdenken hineingeritten haben. Doch eigentlich sollten wir uns eher auf die Superkraft verlassen, die wir alle besitzen: die Vernunft – wie eben auch in der aktuellen schwierigen Situation. Das Interview zur Coronakrise.

Gibt es nach der Corona-Pandemie ein „neues Leben“ oder leben wir weiter wie davor?
Lisz Hirn: Man sollte das Leben nicht auf die Zeit danach verschieben, diese Zeit ist Teil unseres Lebens.

Was finden Sie persönlich bemerkenswert an der Coronakrise?
Wir sind alle von dieser Krise betroffen. Nicht im gleichen Ausmaß, aber jeder bekommt die Einschränkungen zu spüren, nicht nur die sozialen, sondern auch die körperlichen. Kann ich jemanden infizieren? Könnte jemand in meiner Familie daran sterben? Durch diese Betroffenheit sind die Solidarität und die Empathie größer. Aus dem Enthusiasmus kann aber schnell eine große Frustration werden, wenn die Pandemie sehr lange andauert. Für einen langen Atem ist es wichtig, zu kommunizieren, dass es hier nicht um den Schutz von „Opa und Oma“ geht, sondern dass wir das Gesundheitssystem nicht überlasten wollen – ein System, das wir alle brauchen können, weil wir auch Unfälle haben, viele Menschen immunschwach oder an Vorerkrankungen leiden, weil noch andere ungeplante Ereignisse eintreten könnten.

Schaffen wir durch das diktierte Social Distancing auf Dauer eine Entschleunigung, die Besinnung auf das Wesentliche? – Raus aus dem Hamsterrad, mehr Freizeit, weniger Stress & Druck …
Ich möchte jetzt nicht die Pessimistin vom Dienst spielen, aber wir erleben gerade eine Entschleunigung, für die wir uns nicht aktiv entschieden haben, sondern die uns aufgrund einer bedrohlichen Pandemie politisch „verordnet“ wurde. Entschleunigung bedeutet, die Geschwindigkeit nicht weiter zu erhöhen, das bedeutet aber nicht notwendigerweise, dass sie sinkt. Stichwort: Homeoffice in der freiwilligen Quarantäne. Mir scheint eher, wir versuchen, Normalität so gut wie möglich zu faken. Dabei weiß wahrscheinlich seit der letzten Woche jeder, dass Home­office mehr Fluch als Segen ist. Zumindest wenn diese Person mit Familie in Isolation ist.

Wie erreicht man selbstbestimmte Entschleunigung?
Indem man sich bewusst entschließt, gewisse Sachen nicht mehr zu tun, kann man entschleunigen. Zum Beispiel nicht mehr rund um die Uhr erreichbar zu sein oder dem gesellschaftlichen Druck zu trotzen, der so tut, als ob man Homeoffice und Homeschooling unter einen Hut bringen könnte.

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Buchautorin Lisz Hirn. © Harald Eisenberger

Geld, Gier, Globalisierung, Flüchtlingselend, Klimawandel, „Fleischfabriken“ und unendliches Tierleid – kann Corona der Auslöser für ein Umdenken sein, ein Auslöser dafür, dass die Menschheit kapiert, dass es nicht so weitergehen kann?
Das sind multikomplexe Problem­situationen. Und diese stellen uns, Länder wie Menschen, vor Herausforderungen. Salopp gesagt: Wir haben viele Baustellen. Dieser Überforderung begegnen wir dann mit Abschottung. Die Prioritäten, die gesetzt werden, sind dabei sehr selten als gerecht zu bezeichnen.

Von der Coronakrise werden uns auch die Hamsterkäufe – vor allem von Toilettenpapier – im Gedächtnis bleiben. Warum kam’s dazu?
Die Hamsterkäufe zeigen mir, dass es viele Menschen nicht mehr gewohnt sind, vorzusorgen. Dieses Bewusstsein dafür, was Knappheit ist und sich etwas ökonomisch einteilen zu müssen, ist nicht da. Ich bin auch nicht dafür, von nun an in einem ständigen Alarmismus zu leben. Aber dass wir bisher unter sehr, sehr guten Bedingungen gelebt haben mit sehr, sehr guten Versorgungsmechanismen, das hat uns möglicherweise ein bisschen unvorsichtig oder leichtsinnig werden lassen. Vor allem aber empfanden wir unseren Lebensstandard als selbstverständlich. Das ist er aber nicht. Und dass er das nicht ist, hat Folgen, nicht nur für uns, sondern auch für andere.

Im Web generieren Blogger Millionen Klicks, wenn sie auf rührselige Weise von einer neuen Gesellschaft fabulieren, die in Frieden und Freude leben wird. Tatsache ist aber, dass den Menschen etwa bei ihren Hamsterkäufen völlig egal ist, ob der nächste leere Regale vorfindet. Klaffen Traum und Wirklichkeit tatsächlich so weit auseinander?
Es scheint, als ob aus unserem Traum ein Albtraum geworden ist: Obwohl wir in einer hochoptimierten Welt leben, sind wir als Menschen verletzlich. Dieses Virus ist eine große Ego-Kränkung und eine enorme Herausforderung für uns alle. Im Laufe der Menschheitsgeschichte hat es etliche Gesundheitskrisen gegeben, die uns – mehr oder minder – überrascht haben. Diese könnte eine große Chance sein, aber wie gesagt, ich bin da nicht so optimistisch.

Musizierende Italiener auf ihren Balkonen, Satellitenbilder, die Chinas Industriegebiete smogfrei zeigen, sinkender CO2-Ausstoß – wird dies etwas in uns auslösen oder sind es einfach Bilder und Tatsachen, die in der Erinnerung irgendwann wieder verblassen?
Dass wir uns so anders verhalten, weil es um ein Virus geht, aber eine Klimakrise war uns nicht bedrohlich genug, ist interessant. Die Angst vor der Rezession, vor Jobverlust, vor Einbußen im gewohnten Lebensstil – ich fürchte, dass es im Leben nach der Krise zu einer eher noch größeren Beschleunigung kommen könnte, indem wir alle versuchen, so schnell wie möglich wieder an den Punkt von vor der Krise zurückzukommen.

Wird Donald Trump am Coronavirus scheitern?
Totgesagte leben länger. Im Moment zeigt sich, wie hilflos und unvernünftig Populisten im Angesicht solcher Krisen agieren. Jedoch könnte es ein böses Erwachen nach der Krise geben. Eine bedrohliche ökonomische Situation, Unzufriedenheit und Unsicherheit könnten diesen „starken“ Männern und ihren Interessengruppen wieder Auftrieb geben.

Lisz Hirn: Buch & Podcast
Neues Buch: „Wer braucht Superhelden. Was wirklich nötig ist, um unsere Welt zu retten“ – Lisz Hirn über die Tatsache, dass wir uns besser auf unsere Vernunft verlassen sollten als auf sogenannte starke Männer (Verlag Molden, € 22,–).
Podcast: „Philosophieren mit Hirn“ (u. a. Spotify, iTunes).