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People | 28.11.2019

Medizin nach Maß

STEIRERIN-AWARD-Gewinnerin Charlotte Ohonin forscht an Stammzellen und will so Medikamente künftig präzise auf Patienten abstimmen.

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So sehen die Chips aus, mit denen man „Mini- Organe“ kultiviert und Medikamente testet. © Thomas Luef

Es ist nicht gerade das einfachste Fachgebiet, das sich Charlotte Ohonin für ihre Forschung ausgesucht hat: Gehirnerkrankungen wie Alzheimer, Demenz, Parkin-son, aber auch Epilepsie sollen künftig auf Basis ihrer Stammzellenforschung individuell behandelt werden. Das könnte die Lebensqualität von Millionen von Menschen, vor allem im Alter, entscheidend verbessern. Aus diesem Grund hat sie im Jänner das Start-up „Norganoid“ gegründet. Und dieses Engagement brachte ihr auch den
STEIRERIN AWARD in der Kategorie „Die Visionärin“ ein. „Über die Auszeichnung bin ich immer noch sprachlos – ich stehe ja sonst nicht in der Öffentlichkeit und durch den Preis und die Bekanntheit, die er mit sich bringt, hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass die Leute mitbekommen, was wir vorhaben“, so die 32-Jährige.

Maßgeschneiderte Medizin. Ihr Ziel ist, mithilfe von Stammzellen, die zum Beispiel aus den Blutzellen von Patienten gewonnen werden können, Gewebe zu züchten und an diesem Medikamente zu erproben. Stammzellen können alle möglichen Zellen des Körpers nachbilden, von der Hautzelle bis zur Hirnzelle. Und das Gewebe reagiert dann genau so wie jenes im Erkrankten. „Das liegt daran, dass die gewonnenen Stammzellen ein genetisches Gedächtnis haben“, so die Forscherin. Epigenetik lautet der Fachbegriff dafür – das bedeutet, dass die Zellen gespeichert haben, wie sich die Krankheit im Körper ausgeprägt hat. Somit können die gewonnenen Stammzellen die Erkrankung exakt imitieren und die Wirkung einzelner Präparate auf den jeweiligen Menschen kann genau überpüft werden.
„Alzheimer prägt sich zum Beispiel bei verschiedenen Menschen ganz unterschiedlich aus. Derzeit bekommen diese verschiedenen Menschen aber  die gleichen Präparate – künftig soll es aber in Richtung personalisierter Medizin gehen, damit wird man Erkrankungen viel besser und vor allem individuell behandeln und diesen irgendwann vielleicht sogar vorbeugen können.“  Gerade weil durch die demografischen Veränderungen künftig immer mehr Menschen von Demenz und Alzheimer betroffen sein werden, ist die Forschung an entsprechenden Medikamenten so wichtig.

 

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Stolze Preisträgerin: Der STEIRERIN AWARD brachte viel Aufmerksamkeit für Charlotte Ohonins Forschung. © Mia's Photoart

Diese Form der personalisierten Medizin sei aber noch Zukunftsmusik. „Aber ich wage zu sagen, dass wir in 20 bis 30 Jahren so weit sein werden“, prophezeit Ohonin. Die Krebsforschung wird voraussichtlich Vorreiter auf diesem Gebiet werden, „beim Gehirn wird es wahrscheinlich am längsten dauern, weil dort alles sehr kompliziert ist und wir viele Vorgänge noch nicht verstehen“. Natürlich sei es aufwendig, Medikamente für einzelne Patienten maßzuschneidern. So dauert es Monate, um Gehirngewebe wachsen zu lassen. „Doch ich bin mir sicher, dass sich das gerade in einem Sozialstaat wie Österreich schneller etablieren wird als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten.“

Durchbruch. Erst vor Kurzem habe die Forschung in diesem Bereich einen Durchbruch geschafft. „Es gab eine Art Revolution in Richtung komplexer Zellkulturen. Das heißt, man kann nun das Gehirngewebe, das sich aus den Stammzellen bildet, zum Beispiel mit Leber- und mit Fettgewebe zusammenschließen“, erklärt die Molekularbiologin. Diese „Mini--Organe“ werden auf spezielle Plastikchips aufgebracht. So sei es möglich, die Wirkung, aber auch die Nebenwirkungen von einzelnen Präparaten genau aufzuzeigen. Wie man herausgefunden hat, spielt neben der Leber auch das Fettgewebe eine wichtige Rolle bei der Verstoffwechselung von Medikamenten.

 

Personalisierte
Medizin ist die
Zukunft, davon
bin ich ganz
fest überzeugt.

Charlotte Ohonin

Weniger Tierversuche. Wie revolutionär diese Methoden sind, zeigt der Vergleich mit derzeit üblichen Tests. So werden Präparate meist im Tierversuch getestet – an Mäusen, Ratten oder Affen. „Allerdings sind Tier und Mensch nicht gleich, darum erhält man oft verfälschte Ergebnisse, bevor das Medikament in klinischen Studien am Menschen erprobt wird. Die Durchfallquote ist dramatisch“, weiß Ohonin. Gerade einmal ein Prozent der getesteten Präparate gegen Gehirnerkrankungen kommen auf den Markt! Mehr als ineffizient, wenn man bedenkt, dass in ein einziges Präparat oft Milliarden Euro investiert werden. „Wir wollen durch den Test am Gewebe erreichen, dass die Medikamente eine höhere Erfolgschance haben, wenn sie in die klinische Studie gehen.“ Positiver Nebeneffekt: Tierversuche können so massiv reduziert werden.

Intuition. Dass Ohonin ausgerechnet bei der Stammzellenforschung gelandet ist, beschreibt sie als Zufall. „Aber offenbar war das irgendwie meine Intuition.“ Geboren in Ghana, ist sie als Kind mit ihren Eltern nach Deutschland ausgewandert und hat dort ihr Abitur gemacht. Das Studium der Molekularbiologie führte sie nach Graz. „Das Studium habe ich aber immer noch nicht abgeschlossen, weil die Arbeit immer dazwischengekommen ist“, lacht sie. Schon während des Studiums begann sie bei einer Firma zu arbeiten, die sich darauf spezialisiert hatte, Stammzellen aus dem Nabelschnurblut Neugeborener einzulagern.
Später ging sie nach Holland, um dort als Erste Netzhaut aus Stammzellen zu züchten. Und seit 2019 ist sie mit ihrem eigenen Unternehmen, das sich im Science Park an der Technischen Universität angesiedelt hat, auf der Überholspur.

Wie sieht sie die Chancen für Frauen im Wissenschaftsbetrieb? „Gerade in meinem Bereich gibt es mehr Frauen als Männer, in anderen technischen Fächern ist es ja oft umgekehrt – aber ich habe schon das Gefühl, dass im wissenschaftlichen Betrieb Chancengleichheit herrscht“, so Ohonin. Jungen Frauen, die in die Forschung gehen wollen, rät sie vor allem eines: „Augen zu und durch! Wenn man sich ein Fachgebiet aussucht, für das man brennt, ist man auch nicht zu bremsen.“ Und wie geht es nun mit ihrer Forschung weiter? „Ich denke, dass ich bald noch viel mehr zu berichten haben werde – denn die Zukunft sieht eigentlich ziemlich rosig aus.“

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© Thomas Luef