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People | 08.10.2019

Mein Leben 2.0

Es gibt ein Leben nach dem Krebs. Davon möchte Stefanie Simetsberger sprechen. Wie die Steirerin nach der Krankheit wieder stark wurde und wie sie mit ganz viel Self Care ihr zweites, neues Leben fand ...

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Stefanie Simetsberger: "Der Krebs selbst hat mich von der Angst vor ihm therapiert." © Thomas Luef

Der Krebs hat mich therapiert.“ Wenn ein Gespräch schon so anfängt, hängt die Erinnerung überwundener Tiefen und der glückselige Jetzt-Genuss wahrlich spürbar in der Luft. Sie lacht und mit ihr noch mehr ihre Augen. Jene Fenster zur Seele, die eigentlich wirklich zeigen, wie Mensch sich fühlt. Aber ihr Lachen ist echt. Mehr noch: Es steckt an und plötzlich erahnt man greifbare Hoffnung, wenn es um das Thema Brustkrebs geht. „Krebs ist für uns gleich sterben. Mit diesem Thema wollte ich mich daher nie auseinandersetzen, besonders weil meine Mutter erst vor sechs Jahren daran gestorben ist“, fängt Stefanie Simetsberger irgendwo an. Den perfekten Anfang dieser Krankengeschichte gibt es nämlich nicht. „Und dann trifft es dich selbst“, so Simetsberger. „Wenn dir durch die Therapie Kopf- wie Gesichtshaare ausfallen, steht dir die Diagnose noch dazu auf die Stirn geschrieben. Für alle sichtbar gemacht.“ Das sei das Schlimmste. Und der Verlust des Vertrauens in den eigenen Körper, abhängig von Hilfe zu sein sowie körperliche Dauerschmerzen. Aber das sei laut der Steirerin, die 2017 die Dia­gnose Brustkrebs (ein hormonabhängiger Tumor) erhalten hat, nur eine Seite der Medaille. Die andere ist ein neues Leben. Eines, das nach dem Krebs beginnt, auch, wenn der Weg dorthin ein Kampf ums Überleben ist. Und auch, wenn der Krebs jederzeit wieder zurückkehren kann. Davon möchte Stefanie viel lieber sprechen. Etwa wie Frauen in dieser Zeit Frauen bleiben und wie der Brustkrebs irgendwie reinigend zu einem bewussteren Alltag verhelfen kann. Wiedergeburt nach der Entfernung von 22 Lymphknoten, 14 abgeschlossenen Chemotherapien und den Antihormonbehandlungen, die noch fünf Jahre weitergehen? Irgendwie schon: „Das bringt den Körper auf null. Danach heißt es Schritt für Schritt sein Leben wieder aufbauen“, erzählt Stefanie. „Dabei sind täglich kleine Ziele, die man sich setzt und schaffen kann, das Geheimnis der Motivation.“ An einem Tag ist es ein Spaziergang mit dem Hund, an einem anderen ein Einkauf im Alleingang und wieder an anderen Tagen bleibt man eben doch lieber auf der Couch liegen

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Partnerschafts-Tattoo: Der Brustkrebs ist besiegt und hat das Ehepaar noch mehr zusammen­geschweißt. Stefanie und ihr Mann tragen ihre Initialen seither als Tattoo am Finger. © Shutterstock

Ein Leben im Wandel. Wie ein Haus, das durch die Renovierung erst zur kompletten Baustelle wird, um anschließend im ganz neuen Glanz erneut zu erstrahlen – so wirkt Stefanie Simetsberger. Seit einem Jahr hat sie den Brustkrebs überwunden. Im Kopf ist er noch geblieben, seine Stimme wird aber mit jedem Tag leiser. „Man lebt mit dem Bewusstsein weiter, dass man jederzeit wieder rückfällig werden kann; Krebs ist nämlich ein Arschloch. Man gilt daher als chronisch krank.“ Natürlich habe es ihr mit der Diagnose zunächst den Boden unter den Füßen weggezogen und mit dem Verlust der Haare, der körperlichen Talfahrt und der Gewichtszunahme durch Medikamente fühlt frau sich eben nicht mehr richtig als Frau. „Das war der erste Tiefschlag, dann habe ich angefangen, Haarteile mit schicken Kopftüchern zu kombinieren, mich ausdrucksstärker zu schminken und feminine Kleider zu tragen. Styling musste früher eher praktisch sein. Später wurde auf beiden Seiten das Brustgewebe komplett entfernt und mit Silikon ersetzt; eine Brust musste sogar rekonstruiert werden“, so Simetsberger, die in dieser Zeit ihre Weiblichkeit bis heute neu für sich entdeckt hat. Mit dem letzten Eingriff konnte das Brustkrebsrisiko weiter auf zehn bis 15 Prozent minimiert werden. Damit könne frau leben, wie sie selbst sagt. Als Brustkrebspatientin macht sie sich natürlich auch über die Gesundheit ihrer Tochter Gedanken, schließlich liegt der Krebs in ihrer Familie. „Ich möchte, dass meine Tochter mit 18 Jahren einen Gentest macht, der Gendefekte, die Krebs verursachen können, erkennt. Vorsorgeuntersuchungen für die Früherkennung sollten einfach so früh wie möglich ein Thema sein.“

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Stefanie Simetsberger startet nach ihrer Brustkrebstherapie neu durch. © Thomas Luef

Positiv in die Zukunft. „Klar habe ich bleibende Schmerzen durch die Behandlungen – Nervenschäden, die Konzentration lässt sich schwer halten und die Ausdauer fehlt. Aber ich habe gelernt Prioritäten zu setzen, das zu machen, was ich körperlich schaffen kann.“ Dann wird der Haushalt auch einmal hintangestellt, wenn das Wetter draußen schön ist, und Aufgaben an ihren Mann oder ihre 15-jährige Tochter abgegeben, die sie seit jeher unterstützen. Die gewonnene Kraft investiert sie gerade in das Praktikum zur Diplomierten Krankenschwester, das sie nun endlich seit der Diagnose abschließen möchte und kann. Und mit Vorträgen, die sie bald initiieren möchte, soll das Krankenpflegepersonal im Umgang mit Krebspatienten geschult werden. Schließlich gibt es Dinge, die wollen KrebspatientInnen einfach nicht hören: „,Sei stark, du schaffst das‘ wirken in dieser Zeit wie emotionslose Floskeln. Das will keiner hören. Viel besser wäre ,Ich bin für dich da. Du kannst mit mir reden.‘ Oder einfach nur zusammen weinen“, rät Stefanie. Manche Menschen entfernen sich in dieser Zeit von einem und mit wieder anderen wachse man näher zusammen. Was beständig bleibe, sei laut Simetsberger die Liebe – zu sich selbst, dem Leben (so wie es gerade ist) und zu seinen Herzensmenschen. „Und wenn ich an einem schlechteren Tag wieder etwas Motivation brauche, schaue ich mir meine Familien- und Urlaubsfotos an. Für jedes Ereignis, das ich mit meiner Tochter oder meinem Mann erleben darf, bin ich dankbar. Ich lebe und genieße nun bewusster.“ Positives Denken, Dankbarkeit für das Hier und Jetzt und schlechte Tage nehmen wie sie sind, das macht das Leben 2.0 eben erst recht zu einem schönen. Mit, aber auch ohne Diagnose.