Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 05.10.2019

Alles, was zählt

Über den hochgelobten Debütroman, die Lust am Schreiben und Berlin als Wahlheimat: Marie Gamillscheg, Gewinnerin des STEIRERIN AWARDS 2019 in der Kategorie „Die Entertainerin“.

Bild 1910_ST_FR_Marie-1.jpg
Autorin Marie Gamillscheg mit dem STEIRERIN AWARD 2019 in der Kategorie „Die Entertainerin“. © Thomas Luef

Der Spiegel schrieb über sie: „Zu Recht gilt Gamillscheg als eine der aufregendsten jungen Stimmen der deutschsprachigen Literatur.“ Für ihren Debütroman „Alles was glänzt“ hat Marie Gamillscheg beste Kritiken bekommen. Sie erzählt darin vielschichtig von einer kleinen Schicksalsgemeinschaft in einem fiktiven Ort im Schatten eines großen Berges, Parallelen zu Eisenerz und dem Erzberg liegen nahe.

Worte waren schon immer die Welt, in der sie sich am liebsten bewegt hat. „Es mag romantisch klingen, aber seit ich schreiben kann, habe ich Lust am Erfinden und am Erzählen.“ Davon zeugt auch die Vielfalt an Kurzgeschichten, die die Grazerin bereits seit jungen Jahren verfasst hat. Damals trugen sie so klingende Namen wie „John, der sprechende Computer“ oder „Jim, das sprechende Bett“.

In der Jugendliteraturwerkstatt in Graz konnte sie sich weiter an Texten erproben, ihr für das Alter noch ungewöhnliches Hobby verlor etwas an Exotik, als sie auf Gleichgesinnte traf. Da waren auch andere junge Menschen, die sich gerne in Wortspielereien verloren. Die Auseinandersetzung mit dem Geschriebenen, das Überarbeiten von Texten, der Umgang mit Literaturkritik stattete sie mit einer soliden Grundausstattung für den späteren Schaffensprozess von „Alles was glänzt“ aus.

 

Die Erkenntnis, dass man nicht
alleine ist, macht mutig.

Marie Gamillscheg

 

Berlin rief. Mit dem Roman begann sie im Jahr 2014, zeitgleich als sie ihr Masterstudium für Osteuropastudien an der freien Universität Berlin aufnahm. Den Bachelor für „Transkulturelle Kommunikation“ mit den Fächern Französisch und Russisch hatte sie da schon in der Tasche. Im späten Teenageralter waren die Blätter weiß geblieben, Zeit und Muße anderweitig vergeben.

Berlin, das war gleich ein guter Boden für die Grazerin. „Ich habe mich sofort wohlgefühlt und ich war neugierig, in einer Großstadt zu leben.“ Und für junge Literaten bot die Stadt reizvolle Möglichkeiten, „es gab verschiedene Bühnen, ein gutes Netzwerk und die Erkenntnis, dass man nicht alleine ist. Das macht mutig.“ Marie Gamillscheg beteiligte sich an Wettbewerben, schrieb Beiträge für Literaturzeitschriften und entwickelte die Figuren zu ihrem belletristischen Erstlingswerk. „Absurderweise habe ich plötzlich begonnen, mich sehr für den Bergbau zu interessieren“, erzählt die Autorin, „und für die Menschen, die ein solcher Berg nährt, der sie eventuell aber auch umbringen kann. Dieses Spannungsfeld fand ich sehr spannend.“ Gamillscheg interessierte sich für Stollensysteme in Bolivien, für den Ruhrbergbau, für den Erzberg, für die Auswirkungen des Bergbaus auf Orte und soziale Strukturen. Allerdings empfand sie kein zufriedenstellendes Vorankommen beim Schreiben, „die Perspektiven und Figuren haben sich überwuchert“, ein Lektor vom Luchterhand Verlag hat sie dann bis zum druckreifen Werk begleitet, „er hat mir einfach die richtigen kritischen Fragen gestellt, das fand ich sehr hilfreich und wertvoll“.

Bild 1910_ST_FR_Marie-2.jpg
© privat/beigestellt

Impulsiv und intuitiv. Wie muss man sich das überhaupt vorstellen, wenn Marie Gamillscheg schreibt? „Ich arbeite sehr impulsiv, intuitiv und unstrukturiert. Ich muss die Figuren selbst erst kennenlernen genauso wie der Text für mich die Frage aufwirft, was das überhaupt für eine Welt ist, die da gerade entsteht“, erzählt sie über den Prozess des Schreibens und Verwerfens, der sich ständig wiederholt. „Ich bin sehr oft unzufrieden und sehr kritisch. Aber man spürt es auch einfach, wenn es nicht stimmig ist, der Text sagt einem das schon selbst. Plötzlich macht eine Figur etwas, das nicht zu ihr passt. Das merkt man.“ Und wie findet man dann den Schlusspunkt? „Eigentlich ist ein Text nie ganz fertig. Aber ich sehe ihn auch einfach als Zeitdokument, mit dem ich mich eine Zeit lang beschäftigt habe.“

Schreiben ist für Marie Gamillscheg – Liebhaberin von Handke- und Bachmann-Texten – ein Grundbedürfnis, zugleich aber auch immer etwas Anstrengendes, „ohne dass ich aber nicht sein kann. Ich werde ganz unruhig, wenn ich es eine Zeit lang nicht mache.“ Die 27-Jährige, die schon mehrere Auszeichnungen erhalten hat und für ihr Debüt den Österreichischen Literaturpreis bekam, arbeitet auch als freie Journalistin für „Die Zeit“ und „Zeit Campus“. Der STEIRERIN AWARD 2019 in der Kategorie „Die Entertainerin“, den sie heuer im Mai verliehen bekam, hat einen Ehrenplatz auf dem Berliner Regal neben den Büchern erhalten. Derzeit arbeitet sie an einem neuen Romanprojekt. Was genau sich da entwickeln wird, will sie zwar noch nicht verraten, „aber es wird etwas ganz anderes als mein erstes Buch, ich habe Lust, mich dieses Mal ganz in eine Person zu vertiefen“. Darüber hinaus entwirft Gamillscheg derzeit eine Theaterfassung zu „Alles was glänzt“. Man darf also gespannt bleiben.