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People | 08.09.2019

Manchmal verfischt man sich halt

In seinem Winzerstöckl in Deutschlandsberg findet der Schauspieler Andreas Kiendl die nötige Ruhe. Dort hat er nun seinen Debütroman über die Abgründe einer ganz normalen Familie geschrieben.

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Andreas Kiendl war Kommissar in SOKO Donau und zeigte mit seinen Rollen in „Was hat uns nur so ruiniert“ und „Die unglaubliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ sein komödiantisches Talent. © Thomas Luef

Leibnitz, so heißt das Erstlingswerk des steirischen Schauspielers Andreas Kien­dl, ist eine lebensnahe Erzählung über ein Familienleben auf dem Land, über Selbstlüge, Enttarnung und das Zusammenbrechen von Fassaden. 

STEIRERIN: Warum Leibnitz?
Kiendl: Leibnitz ist Platzhalter, ich habe mir die Plätze des Geschehens über Google Maps zurechtgebastelt. Der Roman könnte in jeder Stadt spielen.

Die Geschichte der Protagonisten ist sehr lebensnah. Vermutlich kennt jeder von uns Paare, die sich in Lebenslügen verstrickt haben.
Das war mein Plan. Es handelt sich um normale Menschen mit legitimen Hoffnungen, die halt scheitern.

Der Mann etwa, der für seine Alkoholkrankheit immer wieder Gründe im Außen sucht: Siehst du deinen Roman als Gesellschaftskritik?
Ich sehe es als Stück Zeitgeschichte. Ich denke, dass das Problem Alkohol in der Gesellschaft peu à peu besser wird. Junge Menschen sind reflektierter, zu meiner Jugendzeit in den 1980ern war es am Land einfach fad, und aus dieser Fadesse heraus haben viele getrunken. Ich komme aus einer bäuerlichen Familie mit Weinbau. Ich kenne das Totschweigen von Alkoholproblemen.

Macht es dich traurig?
Es ist ambivalent. Letztlich ist jeder selbst für sein Schicksal verantwortlich. Das ist auch meine Erfahrung mit Sucht, Sucht ist eine Ausrede. Im Buch geht es viel um Flucht, deshalb fahren die Protagonisten auch immer auf Urlaub, etwa nach Ägypten, ein für mich sehr unwirklicher Ort. In meinem Roman gibt es zwei Erzähler, es war mir wichtig, dass die Leserin den Protagonisten in die Karten schauen kann, wie sie sich ihr Leben zurechtlügen.

Ein Leben auf dem Land kann sehr dogmatisch sein, mit starren sozialen Regeln. Wie kann man da ausbrechen, seinen Weg finden, ohne wegzuziehen?   
Das ist oft Glückssache und hängt stark vom Elternhaus ab, vom offenen Umgang miteinander, von Zivilcourage, ohne Konfliktscheue. So lässt es sich auch auf dem Land gut leben. Ich selbst kann mich gut über Konventionen hinwegsetzen, und als Dorforiginal lebt es sich auch nicht schlecht (lacht).

Du bist als bekannter Schauspieler aber auch in einer anderen Position.
Das stimmt schon. Ich habe viel über dieses Thema nachgedacht, eigentlich will doch jeder raus, egal ob aus Land oder Stadt, in unserer Ellbogengesellschaft will sich jeder die Rosinen herauspicken. Im Mittelalter war es die schlimmste Strafe, ausgeschlossen zu sein, heute schließt man sich selbst aus, versinkt im Netz. Das schadet der Struktur am Land.

Sind wir entwurzelter?
Eher sinnentleert, die Solidarität in der Gesellschaft sinkt, die Basis des Zusammenhaltens verschwindet. Heute bestätigt jeder auf Facebook nur seine Meinung und jeder Anders­denkende wird weggeklickt.

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Andreas Kiendl beim Gespräch in einem Café in Frauenthal. © Thomas Luef

Ertappst du dich auch manchmal bei dem Gedanken, dass früher vieles besser war?
Es war einfacher und es hat die Illusion gegeben, dass sich alles ausgehen wird, finanziell, ökologisch. In meinem Roman spielt die Kirche eine große Rolle, ich war selbst Ministrant und bin katholisch erzogen, auch wenn ich heute ein ambivalentes Verhältnis zu diesem System habe. Aber die Kirche stiftet nun einmal Geborgenheit. Ich bin mit dem Wissen aufgewachsen, dass dir nichts passiert, wenn du keinen Blödsinn machst. Wir mussten uns nach der Schule auch keine Sorgen machen, dass wir keinen Job bekommen könnten. Es gibt aber auch Dinge, die heute besser sind. Dass man ausbrechen kann, mit 40 eine Tischlerlehre beginnen etwa, jungen Menschen stehen so viele Türen offen.

Hast du ein schlechtes Gewissen, wenn „Friday for Future“-Demons­tranten sagen, unsere Generation hätte den Planeten zerstört?
Ich sehe das nicht als Verschulden unserer Generation. Fritjof Capra hat in seinem Roman Wendezeit schon 1982 alle Themen auf den Tisch gelegt, die Politiker hätten nur umsetzen müssen. Jetzt das Plastiksackerlthema dem kleinen Mann umzuhängen, ist nicht okay. Wir entscheiden diese Dinge nicht. Genausowenig müssen sich unsere Großeltern entschuldigen, dass die Nazis da waren. Wenn man Kinder hat, hat man eine Vorbildfunktion. Da bemühe ich mich schon, einen Diskurs zu führen. Auch wenn man sich selbst bei der einen oder anderen Bequemlichkeit erwischt.

Warum bist du Schauspieler geworden und kein Politiker?
Da ich meiner eigenen Meinung misstraue, traue ich mir nicht, sie anderen nahezubringen (lacht).

Inwiefern?
Naja, sie ändert sich eben öfter, aber ich finde das Recht auf Meinungsänderung sehr wichtig. Ich habe keinen missiona­rischen Drang. Durch das Großwerden auf dem Land bin ich zum Büchermenschen geworden, das Schauspiel kam rein zufällig. Ich zog nach Graz, wo ich auf der TU studiert hatte, und habe in einem Off-Theater Scheinwerfer aufgehängt und Theatermusik geschrieben. Alles andere kam von selbst.

Weißt du noch, was deine Vorstellung der ersten großen Rolle war?
Ich habe mit Soloprogrammen begonnen, von daher hat sich die Frage nach der großen Rolle erledigt. Mit 17 habe ich 70 Mal ein Soloprogramm gegen Rechtsradikalismus gespielt. Ich kam dann bald in die Komödie, dazu stehe ich, denn ich habe immer gern vor Leuten gespielt, die gern lachen.

 

Ich finde es nicht okay, das
Plastiksackerlthema jetzt
dem kleinen Mann umzuhängen.

Andreas Kiendl

 

Wie kamst du zum Film?
Es kam ein Angebot, die Hauptrolle im Film Antaris von Götz Spielmann. Der Film hat intern für Aufregungen gesorgt, da waren die Türen offen.

Welche Rolle hast du gehasst?
Der Bauer als Millionär von Ferdinand Raimund in meiner Zeit am Landestheater Linz. Das war eine schreckliche Inszenierung. Da ich das dramatische Œuvre ziemlich gut draufhabe, bin ich sehr kritisch, was Regisseure aus einem Stück machen. Es ist fürchterlich, wenn man ein Kostüm angezogen bekommt, das man hasst, die Interpretation der Rolle nicht mag, und das im schlimmsten Fall das Publikum auch noch gut findet.

Du bist ja bald neuer Kommissar in der Serie SOKO Donau. Freust du dich schon?
Ich freue mich sehr, die Rolle kam sehr überraschend. In der Filmszene ist man ja schnell vergessen. Da wird nach einem Schauspieler gegoogelt und wenn man gleichzeitig bei Schnell ermittelt und den Vorstadtweibern mitspielt, ist man gleich gesperrt, auch wenn ich nur einen Drehtag pro Jahr habe.

Ich habe deine Rolle im Film „Was hat uns bloß so ruiniert“ geliebt.
Danke, ich auch. Und das Lustige ist: Solche Typen gibt es wirklich! Wir waren in der Probenarbeit in unseren Figuren in einem Bobo-Lokal essen, um die Rollen auszuprobieren. Das war herrlich. Ich habe das Glück, sowohl die Guten als auch die Bösen spielen zu dürfen. Letztes Jahr verkörperte ich im Landkrimi Grenzland einen Kinderschändervater, diese Rolle war sehr finster! Auf Dauer ist es jedoch angenehmer, eine positive Rolle zu spielen. Das sind doch sehr viele Stunden, die man darin verbringt.

Hattet ihr beim Drehen des Filmes „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ auch so viel Spaß wie ich beim Zusehen?
Ja. Das war so ein Low-Budget-Film, den keiner machen wollte, der Produzent war bis zuletzt der Meinung, „die Ott“ kenne niemand. Es war sehr lustig, aber auch anstrengend. Ich lag mit Frau Ott tagelang im Bett, mit Sturzhelm und Hunderl unter der Decke. Was wir nicht gewusst haben, dass Frau Ott in Wirklichkeit auch einen Neffen hatte, dem sie nun alles vermacht hat.

Du bewohnst mit deiner Lebensgefährtin und den sechs und zehn Jahre alten Kindern ein Winzerstöckl in Deutschlandsberg und lebst in Wien. Hast du manchmal den Wunsch, ganz hierherzuziehen?
Als Altersoption ja, wenn die Kinder aus der Schule sind. Wien ist super, meine Lebensgefährtin kommt aus Tschechien, wo auch noch ihre Eltern wohnen und wir uns auch oft aufhalten. Wien finde ich nicht mehr so spannend, ich bin aus dem Fortgeh­alter draußen, es ist eine Stadt der Milieus, und ich passe in keines so richtig rein. Bei uns in Deutschlandsberg heißen die Touristen noch Fremde, das finde ich super. Den Leuten ist egal, wer ich bin. Das rennt ganz angenehm.

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© Thomas Luef

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Leibnitz. Ein Ehepaar in Leibnitz, das seine Paarprobleme nicht ernst nimmt, wird unter anderem durch einen Verkehrsunfall vor große Herausforderungen gestellt. Bald hält die Fassade nicht mehr stand. Der Roman erscheint Mitte September.