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People | 01.07.2019

Sie hat noch viel vor

Katarina Posch wurde bei den STEIRERIN AWARDS 2019 als „Die Kämpferin“ ausgezeichnet. Die Professorin für Designgeschichte ist im eigenen Körper gefangen, aber lebensfroh wie zuvor.

Die Stimme, mit der Katarina Posch Fragen beantwortet, klingt etwas hölzern, denn ein Computer generiert sie. Aber die Worte haben großes Gewicht und gehen unter die Haut: „Der Sinn des Lebens, ein großes Wort. Ich möchte sagen, dass man etwas Vernünftiges an andere weitergeben sollte. Das muss man sich zuerst aneignen, wenn man es nicht hat. Und man sollte es so gut tun, wie man nur kann. Ich habe viel studiert, um etwas zu haben, das ich weitergeben kann. Ich hatte viele Studenten und ich werde schon einige Leser gefunden haben mit Artikeln und Katalogbeiträgen. Den Rest meines Wissens will ich noch aufschreiben. Ich kann nicht mehr alles machen, aber es geht mir gut.“

Katarina Posch hat das Studium an der Universität für angewandte Kunst in Wien mit 22 Jahren abgeschlossen, war am Centre Pompidou in Paris, im Vitra Design Museum in Weil am Rhein und in der Arena di Verona tätig, schrieb ihre Dissertation in Tokio und forschte zuletzt an der renommierten Pratt University in New York. Das Leben der Universitätsprofessorin für Design-Geschichte hat sich im Jahr 2015 durch eine Gehirntumor-Operation in den USA schlagartig geändert. Seitdem ist die Grazerin gewissermaßen im eigenen Körper gefangen. Locked-­in-Syndrom nennt sich das in der Fachsprache, verursacht durch einen Stammhirn-Infarkt. Das bedeutet: Katarina Posch ist bei vollem Bewusstsein, aber von der Nase abwärts gelähmt.

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Mama Elke, Schwester Sophie und Katarina Posch bei der STEIRERIN-AWARDS-Gala. © Mia's Photoart

Disziplin.  Seit vier Jahren lebt sie nun im Haus der Barmherzigkeit in Wien, ihre Familie hat sie aus den USA zurück nach Österreich geholt und kämpft nun an ihrer Seite. Denn dass die heute 53-Jährige eine Kämpferin ist, daran besteht kein Zweifel. „Katarina beißt sich da wirklich beispielhaft durch diese Situation und diszipliniert sich jeden Tag aufs Neue, weil wir alle wissen: Es wird besser“, sagt ihre Schwester Sophie, die sie für die STEIRERIN AWARDS vorgeschlagen und das Redaktionsteam sofort überzeugt hat.

Katarina Posch konnte anfangs nur ein Auge öffnen. Inzwischen hat sie sich wieder eine Mimik erarbeitet, sie hat gelernt, den Sprachcomputer mit den Augen zu bedienen, sie steuert den elektrischen Rollstuhl mit dem Kopf. Und sie arbeitet. Derzeit schreibt die Wissenschaftlerin ihre Vorlesungsreihe „Aspects of Japanese Design“ auf. „Konkret ist das eine Gegenüberstellung von kontemporärem Design aller Sparten mit historischen Kreationen, die die Entwicklung verschiedener Ästhetiken und Geisteshaltungen repräsentieren“, erzählt sie.

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Erinnerungen an früher: die Schwestern in der Toskana. © privat

Verlust. Womit hadert sie in ihrem neuen Leben am meisten? „Die direkte Kommunikation fehlt mir sehr. Dass man nicht schnell etwas sagen kann, nervt einfach. Es fühlt sich schrecklich an, wenn man zum Kommunizieren immer von anderen abhängig ist – vor allem für mich, die ich beruflich und privat meistens selbstbestimmt war.“ Mit ihrer Schwester Sophie verwendet sie für Gespräche eine Buchstabentafel. Die Buchstaben sind darauf in fünf Zeilen in ihrer Häufigkeit aufgereiht, die Geschwister beherrschen die Auflistung längst auswendig. Buchstabe für Buchstabe wird durch Fragen von Sophie und Mimiken von Katarina erarbeitet, was sie sagen will. Das sieht nicht nur mühsam aus, manchmal fehlt die Geduld, manchmal bleiben Botschaften in der Luft hängen.

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Familie Posch und Pfleger Marco mit STEIRERIN-Redakteurin Elke Jauk-Offner. © Thomas Luef

Therapiealltag. Es braucht unglaublich viel Durchhaltevermögen für die Herausforderungen, die das Leben Katarina Posch nun stellt, aber ihre positive Einstellung ist ungebrochen. „Ich habe mir schon mehrmals bewiesen, dass ich Stärke habe – damals auf der Universität in Japan mit 12- bis 16-Stunden-Arbeitstagen oder als ich meine Krebserkrankung mit Chemotherapie und Bestrahlung überstanden habe.“ Das war Anfang der 2000er-Jahre.
Tägliche Gymnastik für die Muskeln, die sie bewegen kann, Sprachübungen, mehrmals wöchentliche Logo-, Physio- und Ergotherapiestunden sowie Neurofeedback – der Alltag ist mit vielen Einheiten gefüllt. Das Durchhaltevermögen ist für Katarina Posch normal, „was soll ich denn sonst auch tun?“.

Gute Laune. Mit der Familie und mit Freunden lebt sie ein Stück weit Normalität im Alltag, so gut es eben möglich ist: Immer wieder stehen Ausflüge ins Theater, in die Oper, in Museen auf dem Programm.  Man trinkt gemeinsam Prosecco – für Katarina Posch in verdickter Form, um das Schlucken zu erleichtern –, man macht Späße und lacht miteinander.
Mit der Teilnahme an der Gala zu den STEIRERIN AWARDS 2019 im Mai war Katarina Posch übrigens erstmals seit der fatalen Gehirntumor-OP wieder in ihrer Heimatstadt Graz und trat damit auch die bislang weiteste Reise an. Die Grenzen des Möglichen werden immer aufs Neue ausgelotet, die ganze Familie – Katarina Posch hat drei Geschwister, ihre zweite Schwester Elisabeth ist übrigens Ärztin – zeigt sich da hochmotiviert.

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Ausflüge mit der Familie stehen immer wieder auf dem Programm. © privat

Reisen würde Katarina Posch ohnehin sehr gerne: Buenos Aires, Montevideo, eine Nilkreuzfahrt und Thailand stehen da ganz oben auf der Liste der ehemals passionierten Tangotänzerin. Wann ist derzeit ein Tag ein guter Tag? „Ein erfüllter Tag bedeutet heute für mich, möglichst ausgewogen meinen Agenden nachkommen zu können: Interessantes im Radio oder von Hörbüchern zu hören, und im Fernsehen oder im Theater zu sehen. Intelligentes zu denken und zu schreiben und eine gute Zeit mit lieben Menschen zu verbringen – mit Pflegern, Therapeuten, mit Freunden oder mit der Familie.“
Katarina Posch sieht die derzeitige Situation als eine Phase ihres Lebens, „ich hatte schon etliche Länder, in denen ich gelebt habe, verschiedene Sprachen, in denen ich agiert habe, verschiedene Beziehungen und Berufe, die ich immer mit voller Hingabe ausgefüllt habe. Es kann sein, dass das meine letzte Phase ist. Aber irgendeine muss es ja sein. Jetzt ist die Phase des Nachdenkens und des Schreibens.“

Zukunft. Für die Zukunft wünscht sich die Design-Expertin, „dass ich noch viele Menschen von den verschiedenen Dingen, die ich kann, überzeuge. Konkret wäre das: ein paar Bücher zu publizieren und in den Medien präsent zu sein, um so anderen viel Mut zu machen. Ich möchte den Menschen mitgeben, dass sie nichts aufschieben sollen: Wenn man etwas vorhat, soll man es gleich machen! Das Leben kann sich so schnell ändern.“

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Die Preisträgerin mit Laudatorin Energie-Steiermark-­Vorständin Barbara Muhr. © Thomas Luef