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People | 17.05.2019

Friedberg rules

Anna F. ist zurück: Sie hat eine Frauenband gegründet, pendelt zwischen London, Berlin, L. A. und Friedberg und erzählt über wilde Nächte in der Wüste, die Liebe zu rauen Tönen und Heimaturlaub.

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© MaxParovsky

Alles nahm seinen Neuanfang auf einer Promotour in Paris. Dort lernte Anna F. den französischen Musiker Benjamin Biolay kennen, der als Verteter des Nouvelle Chansons gilt. Sie buchte ihren Flug kurzerhand um, blieb in Frankreich und schrieb gemeinsam mit ihm gleich vier Songs in einer Nacht. „Dieser wahnsinnige Output war echt krass.“ Die Songs blieben bislang noch unveröffentlicht, Anna wollte es jetzt aber erst recht wissen.

Sie suchte nach einem neuen Sound für ein Soloprojekt und wollte die Welt der Möglichkeiten einfach einmal ganz beiseiteschieben. „Es war in den vergangenen Jahren so laut um mich herum, ich konnte gar nicht mehr hören, wohin ich selbst will.“  Daher zog es Anna F. in die Wüste. Den Joshua-Tree-Nationalpark hatte die Singer-Songwriterin bereits während der Dreharbeiten zur Arte-Doku auf den Spuren von Jack Kerouacs Roman „On the Road“ kennen und die kalifornischen Winter lieben gelernt. „Es ist einfach magisch da in der Wüste.“

Mit geborgten, schon etwas in Mitleidenschaft gezogenen Instrumenten brach sie zu einem Roadtrip auf.  Zuerst noch allein. „Allerdings war es vor allem nachts doch recht unheimlich“, erinnert sie sich lachend, „einmal ging zu später Stunde die Alarmanlage meines geparkten Autos los, alle Türen öffneten sich ganz plötzlich von selbst.“ Sie setzte die Fahrt dann mit Verstärkung des Produzententeams fort, die im Februar veröffentlichte Single „Boom“ ist ein Ergebnis der Wüsten-Session, auf der viel kreative Energie frei geworden ist. Inhaltlich geht es in „Boom“ um einen Menschen, der über Leichen geht. Jede Ähnlichkeit mit einer lebenden Person ist dabei nicht rein zufällig.

 

Es war so laut um mich herum, ich konnte
gar nicht mehr hören, wohin ich selbst will.

Anna F.

 

Neuer Stil. „Rough“, so beschreibt Anna ihren neuen Stil. Und so minimalistisch soll er auch bleiben, „meine vergangenen Songs sind schlussendlich glatter geworden als gedacht, einfach zu überpoduziert“. Schubladen für ihre Stilrichtung braucht sie keine, „ich habe mir schon immer selbst schwer damit getan, meine Richtung in Worte zu fassen“. Mit dem Etikett Indie-Rock kann sie sich nicht so richtig identifizieren, die britische Klassizifierung „Alternative Indie Outfit“ gefällt ihr aber ganz gut. London wurde  nämlich vor rund einem Jahr zur neuen  Wahlheimat, Berlin ist seit 2012 und auch nach wie vor einer ihrer Lebensmittelpunkte.
Warum jetzt London? „Ich finde die Stadt extrem inspirierend. Es ist unfassbar, wie viele Konzerte, Ausstellungen und Theaterstücke man jeden Tag besuchen kann. Die Energie der Stadt ist unglaublich und hat sich sofort auf mich übertragen und mich angespornt, produktiv zu sein. In Berlin ist mir das nicht so gut gelungen, da habe ich immer eine gewisse Unruhe verspürt.“

Ohne Masterplan.  Das Band-Projekt „Friedberg“ war fast eine logische Folge dieser Energie. Dass es durch Bassistin Cheryl Pinero, Gitarristin Emily Linden und Drummerin Laura Williams eine reine Frauenband wurde, war nicht vorsätzlich geplant, hat sich aber als perfekte Lösung erwiesen, schwärmt die Musikerin. Auf der Suche nach Bandmitgliedern brachte das Plattenlabel Anna mit der Gitarristin zusammen, die mit der Schlagzeugerin in einer WG gelebt hat. Die ersten Sessions von zwei Britinnen, einer Österreicherin und einer Halb-Philippinin-Halb-Deutschen erwiesen sich als Glücksfall ohne Masterplan:  „Ich bin eigentlich ziemlich picky, vor allem beim Schlagzeug“, gibt Anna zu, „aber wir mussten nicht lange probieren, wir hatten sofort einen guten Sound.“ Das erste Konzert in einem Londoner Pub war so etwas wie eine Feuerprobe, „wir wussten nicht, wie das Publikum reagiert. Aber die Leute sind vom Essen aufgesprungen und waren gleich voll unterstützend dabei.“

Dass ein Neustart in Großbritannien kein Spaziergang ist, ist der 33-Jährigen bewusst, „natürlich ist das schwierig, aber jene, die dranbleiben, halten auch durch“, zeigt sie sich kämpferisch. Die Vibrations in der Band sind gut, bekräftigt sie, „wir haben Spaß, alle sind witzig drauf, wir kochen gemeinsam, wir gehen auf Partys. Jede gibt ihr Bestes. Eventuell machen wir im Sommer in Österreich sogar einen Miniurlaub an einem See.“

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© MaxParovsky

Go Wild. Die zweite Single, sie trägt den Titel „Go Wild“, kommt Ende Mai raus, am Album wird gearbeitet, eine EP wird noch heuer erscheinen. Im Juli kann man Friedberg in Österreich erleben, die steirischen Fans müssen ein bisschen weiter reisen: Beim Poolbar-Festival am 21. Juli in Feldkirch in Vorarlberg und beim Beserlpark-Festival am 26. Juli in Mank in Niederösterreich steht das Quartett auf der Bühne. Für das nächste Jahr ist eine Mini-Club-Tour geplant, eventuell mit  einem Graz-Termin, erzählt Anna. Ihr Freund, mit dem sie eine mehrjährige Beziehung hat, ist ebenfalls Musiker: „Jeder macht grundsätzlich sein eigenes Ding, aber wir haben durchaus auch Überschneidungen. Er hat bei meinem letzten Album mitproduziert, ich bin auf seinem Album gefeatured.“

Annas allererster Song „Time Stands Still“, den sie mit dem Musikproduzenten und Schlagzeuger Alex Deutsch in New York aufgenommen hatte, war bereits ein Ticket für die großen Bühnen. Von der Werbung ging der Track damals direkt in die Charts, im Sommer 2009 lud kein geringerer als Lenny Kravitz himself Anna F. als Opening-Act auf seine Europa-Konzerttour ein. Da war sie 24 Jahre jung und hatte noch keinen einzigen Tonträger veröffentlicht.

Abgesehen von der musikalischen Ader hat die Friedbergerin auch eine schauspielerische: Im deutsch-österreichischen, preisgekrönten Streifen „Invasion“ spielte Anna genauso eine Rolle wie in  „Der Mann aus dem Eis“ an der Seite von Ötzi-Darsteller Jürgen Vogel und Western-Legende Franco Nero. Hält sie nach weiteren Angeboten in dieser Richtung Ausschau? „Bislang wurde ich nach Konzerten einfach von Regisseuren angesprochen und zum Casting eingeladen. Ich möchte das aber gerne noch proaktiver betreiben, ich habe wirklich Lust da­rauf.“ 

Family-Business. Wie präsent ist der bandnamengebende Heimatort in ihrem Leben? „Ich bin zwar nicht so  häufig in der Steiermark, neben den vielen Terminen geht sich kaum eine Woche aus. Aber wenn doch, dann fast ausschließlich in Friedberg, um meine Familie und meine Schwester zu besuchen. Ich genieße das sehr.“

Als Ausgleich zum Musikerinnenleben ist Anna auch einmal allein unterwegs, verbringt Tage auf einer Hütte oder an einem See, um zu lesen, zu schreiben, zu kochen. „Es ist für mich immer inspirierend, mein normales Umfeld zu verlassen. Ich reise wahnsinnig gerne, ich mag es, in Bewegung zu sein. Zugfahrten eignen sich beispielsweise hervorragend dafür, um Liedtexte zu schreiben.“ 

Und Lenny Kravitz? Mit ihm hat Anna F. nach wie vor Kontakt. Sie hat ihm auch die Biolay-Songs als Erstes vorgespielt, er hat ein Haus in Paris. Gefallen hat es ihm. „Vielleicht ergibt sich da ja wieder etwas.“

Von Anna F. zu Friedberg

Background. Mit „Time Stands Still“ wurde Anna F. 2009 bekannt, im selben Jahr fungierte sie mit Band als Vorgruppe auf der Europa-Tournee von Lenny Kravitz und bei den Austrian Music Awards siegte sie in der Kategorie „Pop“. 2010 wurde ihr Debütalbum „… for real“ veröffentlicht, bei den Amadeus Awards gewann sie in den Kategorien „Album des Jahres“ und „Pop/Rock“. 2014 erschien ihr Album „King in the Mirror“ und sie spielte im Vorprogramm der Tournee von James Blunt. 2018 formierte sich die Singer-Songwriterin in London mit drei Musikerinnen zur Band Friedberg.

www.friedbergmusic.com