Loading…
Du befindest dich hier: Home | People

People | 27.04.2019

Miteinander, mit Gespür und Begeisterung

Was wir uns von Michelle Obama abschauen könnten und warum es mehr Unternehmerinnen bräuchte: Ein Gespräch mit der neuen Landesvorsitzenden von Frau in der Wirtschaft, Gabriele Lechner.

Bild 1904_ST_LE_Lechner-8.jpg
© Thomas Luef

Nicht lange herumreden, sondern tun. So ließe sich das Motto von Gabriele Lechner umschreiben, die seit Kurzem neue Landesvorsitzende von Frau in der Wirtschaft Steiermark ist. Den Stab übernommen hat sie von Adelheid Moretti, die lange Zeit das Restaurant und Feinkostgeschäft Laufke führte und fast 20 Jahre lang als Kammervertreterin für bessere Rahmenbedingungen für Unternehmerinnen eingetreten ist. Was es bedeutet, ein Unternehmen zu führen, weiß auch die Nachfolgerin Lechner: Seit 2007 hat sie ihre Firma Werbelechner, geprägt hat sie ihr Vater, der selbst Unternehmer war.

Der Vater führte einen Verlag, in dem sie und ihre beiden Brüder schon früh mitgeholfen hatten. Sie waren damals Models im Prospekt, sie falteten Broschüren und verpackten Bücher für den Versand. Ihr Vater war es auch, der ihr die ersten Lektionen in puncto Marketing mitgegeben hat. Statt auf klassischen Verkauf zu setzen, verschickte er die Kinderbücher seines Verlages – für damalige Zeit mehr als ungewöhnlich – mit Empfehlungstext und Erlagschein an Schulen und Kindergärten zur Ansicht.

Schon früh träumte Lechner von einem kleinen, feinen Unternehmen, obwohl sie zunächst gar nicht wusste, in welche Richtung es gehen sollte. Während des Studiums jobbte sie in Buchverlagen, eigentlich wollte sie dort auch bleiben. Über die Werbeabteilung eines Verlages landete sie in „ihrer“ Branche. Sie arbeitete in verschiedenen Agenturen, bis Tag X kam und damit die Erkenntnis, dass sie gewisse Dinge anders und besser machen wollte. Was ihr missfiel: Werbekunden hatten kaum Mitspracherecht, was Designer vorlegten, war Gesetz. Das war nicht ihr Ansinnen, nach ihrer Vorstellung sollten sich die Kunden wohlfühlen mit dem, was werbetechnisch für sie konzipiert wurde.

Ihr unternehmerischer Start vor zwölf Jahren erfolgte aus einer bloßen Idee und gänzlich ohne Kundenstock. Von genauen Businessplänen hält Lechner auch heute nicht viel. Die Idee muss gut sein, das Herz da und vor allem die Bereitschaft, anzupacken. Es war ein früherer Kunde aus der Agentur, in der sie zuletzt gearbeitet hatte, der sie mit ihrem ersten Auftrag versorgte und ihr noch immer die Treue hält. Das erste Büro hatte sie in ihrem Privathaus in Hart bei Graz, in einem kleinen Erker stand ihr erster Apple-­Computer, vor dem sie nicht selten im Pyjama saß. In dem Aufzug führte sie auch Kundengespräche und hängte die Wäsche auf, bis dieses Setting für sie nicht mehr passte. Über Vermittlung ihres Bruders bezog sie ihr erstes „richtiges“ Büro in Graz-Straßgang, „hier fühlte ich mich zum ersten Mal wie eine Unternehmerin“, seit 2013 werkt sie mit ihren acht Mitarbeitern und einem Hund im neuen Büro, einer großzügigen Altbauwohnung am Glacis.

Bild 1904_ST_LE_Lechner-2.jpg
© Thomas Luef
Bild 1904_ST_LE_Lechner-5.jpg
© Thomas Luef
Bild 1904_ST_LE_Lechner-3.jpg
© Thomas Luef
Bild 1904_ST_LE_Lechner-1.jpg
 

Was hat sie angetrieben, Mut, Visionen? „Visionärin bin ich erst als Unternehmerin geworden. Du bist die, die weiterdenkt, jede neue Idee aufsaugt.“ Entscheidungen von oben hat die Macherin nie besonders geliebt, auch wenn sie sie stets mitgetragen hat. Mit dem Herzen dabei zu sein, ist nicht nur ihr Credo, das verlangt sie auch von ihren Mitarbeitern. Ihre erste Mitarbeiterin, die ihr beim Aufbau geholfen hat, holte sie aus der ZAM-Stiftung. Sie sei stets findig beim Lukrieren von Förderungen gewesen („das ist eine Holschuld“) sowie beim Netzwerken. Bei der Gründung behilflich waren ihr die Wirtschaftskammer und die damalige Wirtschafts- und Tourismusabteilung beim Land Steiermark. „Zu Beginn dachte ich, viele Menschen zu kennen. Doch man merkt schnell, dass das nicht so einfach ist und man sich um alles selbst kümmern muss“, betont Lechner und zitiert Michelle Obama, deren Biografie sie mit Begeisterung gelesen hat: Frauen bräuchten einfach mehr Mentoring, um andere Frauen zu stärken.

Genau das hat sie in ihrer neuen Funktion bei Frau in der Wirtschaft vor. Mit einem Mentoringprogramm sollen Neugründerinnen unterstützt und gestärkt werden, um ihre unternehmerischen Ideen optimal verwirklichen zu können – vorzugsweise von Frauen, aber auch von Männern. Ein weiteres Thema, um das sich die neue Landesvorsitzende bemühen will, sind die Lohnnebenkosten, „nicht nur zu meinen Gunsten, sondern auch zugunsten der Mitarbeiter“, wie sie betont. Gehaltserhöhungen dürften nicht weiter ein Kraftakt sein, der immer wieder mit schlechtem Gewissen einhergehe, weil man sie letztlich nicht wie gewünscht umgesetzt konnte.
Lechner ist überzeugt, dass Frauen genügend Potenzial zum Unternehmertum haben. Sie hinterfragten Dinge kritischer und könnten theoretisch in allen Branchen bestehen. Manchmal stehe Frauen ihre eigene Bescheidenheit im Weg, und Ehrgeiz sei in unserer Gesellschaft ohnehin nicht unbedingt weiblich, findet Lechner. Wie geht es ihr selbst mit Gegenwind? „Wenn er direkt kommt, kann ich gut damit. Nur das ,Hintenrum‘ mag ich nicht.“ Schon in der Schule trat sie für Kollegen auf, die ungerecht behandelt wurden, „wenn ich es mir auch schulisch nicht immer leisten konnte“, betont sie schmunzelnd. Genügend „Watschen“ habe sie dafür geerntet und daraus gelernt: Wichtige Entscheidungen sollte man erst einmal überschlafen.

Gemeinsam mit ihren Stellvertreterinnen Anna Harrer, Katharina Lang und Michaela Stradner hat Gabriele Lechner einiges vor. Sie ist nun für 28.213 steirische Unternehmerinnen zuständig und auf die Unterstützung der Bezirke angewiesen, damit dort weiterhin und gezielt Unterstützungsarbeit an der Basis erfolgen kann. Ihr Wunsch für die Zukunft? „Dass es irgendwann keine ,Frau in der Wirtschaft‘ mehr braucht“, sondern dass Unternehmerin sein einfach selbstverständlich wird.


© Thomas Luef

Ich wusste schon früh, dass ich einmal ein
kleines, feines Unternehmen haben möchte.

Gabriele Lechner