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People | 23.01.2019

Indien

Gemeinsam stärker werden: Das Projekt Mittika, unterstützt von der Katholischen Frauenbewegung, will die Gewaltspirale gegen indische Frauen stoppen. Ein Gespräch mit der Leiterin, Durba Ghose.

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© Thomas Luef

Einladung von der Katholischen Frauenbewegung, Durba Ghose, eine Kämpferin für Chancengleichheit aus Indien, ist in Graz. Indien, diese Riesennation mit 1,5 Milliarden Einwohnern, in der Gewalt gegen Frauen auf der Tagesordnung steht, Gleichstellung vielfach kein Thema ist und in der weibliche Föten abgetrieben werden, weil die Mitgift, die für Mädchen zu zahlen ist, für viele Familien den finanziellen Ruin bedeutet. Das Journalistenherz in mir wittert eine Geschichte, „Unterdrückt in Indien“, eine Schicksalsstory. Doch es kommt anders. Durba Ghose hält mir den Spiegel vor.

 „Was ist los mit den Männern einer Gesellschaft, die Frauen unterdrücken, schlagen, ermorden?“, frage ich. Ghose blickt mich eindringlich an und antwortet mit einer Gegenfrage: „Gibt es in Ihrer Gesellschaft keine Übergriffe? Was ist mit ‚Me too‘?“ Das sitzt. „Aber“, schießt es mir durch den Kopf, weiter komme ich nicht. Ghose, die in Indien zur gut ausgebildeten Gesellschaft gehört und viele Regionen der Welt kennengelernt hat, fasst zusammen: Unterdrückung, Gewalt, das sei in Indien wohl ein großes Thema. Doch indische Männer haben dieselben Hormone wie westeuropäische. Ihrer Meinung nach lässt sich das Thema weniger an den Tätern festmachen, sondern an der gesamten Gesellschaft. „Ein Kind, das häusliche Gewalt erlebt, hat statistisch gesehen später eher einen Partner, der auch zuschlägt. Da und dort.“ In Indien ist das eben ein ausgeprägtes Patriachat, das vielerorts Frauen nicht als ebenbürtige Gesellschaftsmitglieder erachtet – wobei schon viel geschehen sei, betont Ghose: Es gibt seit Kurzem ein Gesetz gegen häusliche Gewalt, gleichgeschlechtliche Ehe ist erlaubt. Nur wissen viele Frauen nicht, was ihre Rechte sind. Noch ein kleiner Seitenhieb: „Bei Ihnen ist es doch auch so, dass Frauen überwiegend die unbezahlte Arbeit leisten?“

Wie ist es möglich, in einer Nation wie Indien eine Movement-Bewegung zu erreichen? Gerade für jene Frauen, die schwer Zugang zu Bildung und Information haben? Ghose schmunzelt und drückt mir ein Blatt Papier in die Hand. „Versuchen Sie, dieses Papier zum Stehen zu bringen.“ Ich überlege, nehme ein Wasserglas, forme aus dem Papier eine Rolle und schiebe es leicht unter den Boden des Glases. Es hält. Ghose: „Und, was ist Ihre Antwort?“ – „Es geht nicht alleine.“ Sie schmunzelt. „So funktioniert auch unser Projekt Mittika.“ Durba Ghose, die eigentlich ein Consulting-unternehmen führt, ist Leiterin des Projektes, bei dem es darum geht, die herrschenden Verhältnisse zu hinterfragen, im Idealfall mit spielerischen Methoden. In Rollenspielen etwa können Frauen, die Gewalt ausgesetzt sind, Strategien erarbeiten, um Nein sagen zu können. Andere wiederum erzählen ihre Geschichten und ihre Erfahrungen mit Gewalt und machen damit anderen Frauen Mut zum Ausstieg aus der Gewaltspirale. Genauso aber nehmen an Workshops Männer teil, die aus dem patriachalen System aussteigen wollen, und das sind immer mehr. Auch hier verweist die Beraterin auf die westliche Lebensweise. „Bei Ihnen haben Männer ja auch Angst vor Machtverlust und sehen vielfach nicht die Chancen, die sich bieten, etwa nicht alleine für das Geldverdienen verantwortlich sein zu müssen und mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen zu können.“ „Das System stärken“ ist ihre Devise, mit dem Multiplikatorprinzip („wir bilden Trainer aus“) wollen sie Frauen auch in den abgelegensten Regionen erreichen und aufklären, was Menschenrechte, was die Rechte der Frauen sind. Letztlich sind es immer die Menschen an der Macht, die eine Gesellschaft prägen. Oder um es mit den Worten von Dhurba Ghose zu formulieren: „Wenn ein Polizist nicht möchte, dass Frauen selbstbestimmt sind, wird er anders handeln als einer, der Frauen beschützen möchte.“ Hier und dort.

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Lydia Lieskonig, Vorsitzende der Katholischen Frauen- bewegung, Bernadette Weber, Organisations- und Bildungsreferentin der kfb, Durba Ghose und Cornelia Gruber, Projektreferentin für Entwicklungszusammenarbeit. © Thomas Luef

Ein Interview mit Lydia Lieskonig von der Katholischen Frauenbewegung

Frau Lieskonig, wie unterstützt die Katholische Frauenbewegung solche Projekte?

Die Aktion Fastentag entstand aus einem Solidaritätsgedanken, der bis in die entbehrungsreiche Nachkriegszeit zurückreicht. In den ersten Jahren wurden vor allem Projekte in Korea unterstützt, was aber bald auf weite Teile Asiens ausgeweitet wurde. Heute unterstützt die Aktion Familienfasttag mit einem Spendenaufkommen von ca. 2,5 Millionen Euro jährlich 100 Projekte in Asien, Lateinamerika und Afrika. Wir begegnen unseren Partnerinnen auf Augenhöhe und wir kennen sie als Expertinnen in ihrer jeweiligen Thematik an. Die Projektideen stammen immer von Frauen vor Ort, die ihre eigenen Bedürfnisse und Problemfelder erkennen und dagegen etwas tun wollen. So unter anderem auch Durba Ghose von Mittika, die selbst erkannt hat, dass Diskriminierung in der Gesellschaft ein großes Problem darstellt.

Warum sollten sich steirische Frauen für dieses Projekt starkmachen?

Der Blick über den klassischen Tellerrand, raus aus unserer kleinen steirischen Welt, hält viel Neues, Spannendes und auch Überraschendes bereit, jedes ein neues Land, eine neue Kultur, Kulinarik und auch Problemfelder. Auch wenn die Besuche meist kurz sind, verbindet uns doch ein stetiger Bund, da wir gemeinsam an denselben Thematiken arbeiten. Das Schönste am Engagement für die Aktion Familienfasttag ist aber, wenn man sieht, welche Veränderungen durch das eigene Engagement im Leben von zahlreichen Frauen in unseren Projektländern passieren. Durch vermeitlich kleine Taten, wie zum Beispiel Suppen kochen in der Pfarre zur Aktion Familienfasttag oder eine Spende, können große Wirkungen in unseren Projekten erzielt werden.

 

Spendenkonto: IBAN AT83 2011 1800 8086 0000, Katholische Frauenbewegung Graz-Seckau