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People | 11.01.2019

Trans NORMAL

Bei Transsexualität steht die Identität und nicht die sexuelle Vorliebe im Mittelpunkt. Klingt kompliziert – und beweist doch nur die Vielseitigkeit. Die STEIRERIN im Gespräch mit Transfrau Sandra.

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© Shutterstock

Normal ist nicht immer gewollt. Weil das Normale für jeden anders aussieht und dann erst wieder nicht ganz ins Gesellschaftsbild passt. So war es auch für die Grazer Transfrau Sandra. Geboren als Mann, im Herzen und in der Seele schon immer eine Frau. Frau zu sein, war für sie aber viel normaler, schon seit ihrem fünften Lebensjahr. Ihr Weg zum Körper, der endlich auch zum eigentlichen Ich passt, war nicht einfach – medizinisch sowie gesellschaftlich gesehen. Heute lebt sie ihre wahre Persönlichkeit und gibt zusammen mit einem Transmann seit 17 Jahren den Mut, die Erfahrungen und Ratschläge in der Selbsthilfegruppe „Transgender Graz“ (Kontakt über [email protected]) als Gruppenleiterin weiter. Und uns einen vagen Einblick, wie es überhaupt ist, Transgender zu sein.


M
ein Körper passt nicht zu mir. Was geht da über die Jahre in einem vor?

Lass es mich anhand eines Beispiels erklären: Stell dir vor, du musst dich für die Gesellschaft, in der du lebst, ständig in einer bestimmten Art und Weise herrichten und stylen, die dir nicht wirklich gefällt. Du verkleidest dich, jeden Tag. Das hältst du eine Zeit lang aus, aber dann fängt sich das zum Reiben an, weil du weißt: Das ist nicht richtig! Je länger dieser Zustand anhält, desto größer wird der Leidensdruck. Es ist ein Kampf mit dir selbst – der kann das ganze Leben anhalten oder man zieht den Wechsel durch.


Wie äußert sich das nach außen?

Sobald du dir eingestehst, dass du trans bist, weißt du, dass es ein neuer Bereich ist, der sich dir erschließen kann. Man ertastet und erforscht diesen also. Das führt dazu, dass Transmänner in dieser Zeit etwas ruppiger werden, weil sie ihre männliche Seite stärker nach außen leben. Transfrauen hingegen werden emotionaler, weil sie die Frau leben. Dann kommt das Umfeld hinzu. Je nach Arbeitsumfeld gibt man sich auch dementsprechend – eine Transfrau wird in einem männerdominierten Betrieb, wo es etwas rauer zugeht, sicherlich weiterhin etwas härter wirken als eine in einem softem Umfeld. Optik kommt erst später und beginnt oft bei den Haaren.


In Niederösterreich verweigerte eine Montessori-Schule einem Transmädchen die Aufnahme. Ist Transgender oft ein Thema bei Kindern?

Wir haben in der Selbsthilfegruppe in letzter Zeit überraschend viele junge Transmänner. Das war ein unvorhersehbarer Trend. Die Aufweichung der geschlechtlichen Rollen hat sicher etwas damit zu tun, dass Frauen sich nach vorne wagen und sich zu ihrer männlichen Persönlichkeit bekennen. In den Kinderjahren wird noch immer geschlechtsspezifisch erzogen. Dass ein Junge mit Puppen und ein Mädchen mit Autos spielt, ist ganz normal und nur eine Phase. Erst in der Pubertät, wo die eigene Rolle gesucht wird, erkennt das Kind, ob es trans ist. Manche wissen es früher, ich selbst war so ein Fall.


U
nd wie reagiere ich als Elternteil dann richtig?

Zwischen acht und 14 Jahren weiß es die Person meist selbst. In der Entwicklungsphase sollten Eltern ihre Kinder mit den Geschlechtern spielen lassen. Wenn sich ein Mädchen wie ein Junge gibt, dann wird sie später normalerweise immer  noch ein Mädchen sein wollen. Sie lebt bloß ihre maskulinen Anteile etwas stärker. Umso stärker die Vertrauensbasis zu den Eltern, desto eher kommt das Kind und spricht darüber.


Wie sehen dann erste Schritte zur Transformation aus? Kommt dann gleich mal die Geschlechtsangleichung mit Operationen?

Nach weiteren Diagnosen kann die Personenstands- und Namensänderung durchgeführt und mit der Hormonänderung begonnen werden. Nach einem OGH-Urteil muss keine körperlich medizinische Anpassung für die Namensänderung erfolgen. Nach rund einem Jahr mit veränderten Hormonen und weiteren Diagnosen kann die geschlechtsanpassende Operation vorgenommen werden. Abschließend gilt es noch, sich mit dem neuen Körper anzufreunden, das ist ganz normal und braucht ebenfalls seine Zeit.


Was hilft letztendlich wirklich, um diesen harten Weg durchzuhalten?

Das sind Freundschaften, Familie und es kann die Selbsthilfegruppe sein. Bei mir sind sehr viele Personen während der Anpassung weggebrochen, auch in der Familie hat es Konflikte gegeben. Beim externen Outing kann man die Reaktionen nicht abschätzen. Wichtig ist aber, dass man mit jemandem reden kann und sich unter Gleichgesinnten bewegt.


Und dein ganz persönlicher Ratschlag?

Ich habe zwei: Bau ein soziales Netz mit Freunden auf, die zu dir stehen. Und bleib du selbst und lass dich nicht von der Gesellschaft verbiegen. Wer ein Transmann ist und eine etwas ruppigere Art nach außen hin hat – dann ist das eben so.


G
eboren im falschen Körper: Welche Erklärung gibt es dazu?

Reinkarnation ist eine spirituelle Erklärung, wenn man daran glaubt. Eine medizinische Erklärung wäre, dass es während der Schwangerschaft und nach der Geburt drei bis vier Phasen gibt, wo der Körper mit Hormonen überschwemmt wird. Bei Buben sollen das sogar mehrere Testosteronschübe sein; wenn da einer ausbleibt, kommt die Entwicklung im Kopf nicht mehr mit und das Gehirn stellt auf kein eindeutiges Geschlecht um.


Welche Anlaufstellen in der Steiermark gibt es?

Die Erstberatungen sind kostenlos, die anschließende Betreuung meist nicht, bis auf die Selbsthilfegruppen. Anlaufstellen findet man im Internet oder über die Selbsthilfegruppe bei den RosaLila PantherInnen.