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People | 10.01.2019

Cultural Exchange

Neues Land – neue Sprache – neues Leben. Auszuwandern bedeutet Veränderung, in allen Lebensbereichen. Drei mutige Neustarter im Porträt.

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© Thomas Luef

Schnee-Premiere

Text Lissi Stoimaier

Zum ersten Mal Schnee sehen, das erste Wiener Schnitzel genießen und das erste Mal überhaupt in Europa sein – für Harish Kadam, seine Frau Ashwini und die beiden Kinder Soham (10) und Vritika (6) aus Indien war 2016 das Jahr der Abenteuer. Seit 2008 im Bereich Material Control für Magna Steyr in Indien tätig, bekam Harish das Angebot, beruflich zum Mutterkonzern nach Graz zu wechseln. Über YouTube-Videos versuchte sich die Familie ein Bild von Stadt, Land und Leuten zu machen. Und was man sah, schien zu gefallen. Denn die Entscheidung fiel für die Murmetropole.

So siedelte man von der für indische Verhältnisse mit drei Millionen Einwohnern kleinen Stadt Pune im Bundesstaat Maharashtra nach Graz in der Grünen Mark. „Anfangs gab es schon viele Fragezeichen. Wie löse ich ein Bim-Ticket? Wie mache ich eine Steuererklärung? Und wo finde ich einen guten Arzt? Ich konnte zwar durch meine Arbeit etwas Deutsch, meine Frau und meine Kinder konnten sich anfangs aber nur auf English verständigen.“ Große Unterstützung bekam die Familie durch den Verein CINT, dem Club International. Das ist eine Servicestelle für internationale Facharbeitskräfte und deren Familien in Graz und der Steiermark. „All unsere Fragen wurden immer geduldig beantwortet und Workshops zu speziellen Themen erleichterten uns die Orientierung im uns so neuen Land.“

Und neu war wirklich alles: die Sprache, das Wetter, die Kultur und das Essen. Aber vor allem das Letztere möchte die Familie nicht mehr missen. „Wir lieben Wiener Schnitzel. Wir haben sogar schon zwei Mal probiert, selbst Schnitzel zu machen, aber so ganz ist uns das noch nicht gelungen. Da brauchen wir wohl noch etwas Übung.“ Und auch sonst fühlt sich die Familie angekommen im Steirerland. „Die Leute sind sehr freundlich und hilfsbereit.“ Wir haben viele österreichische Freunde, gehen gerne in den wunderschönen Bergen Österreichs wandern und Aufsteirern ist ein Fixpunkt für die ganze Familie.“ Dafür wurden natürlich auch schon die passenden Dirndln und Lederhosen besorgt.

Nur die Sehnsucht nach der Familie daheim in Indien ist oft groß. „Familienleben ist in Indien von großer Bedeutung, da geht uns unsere Großfamilie schon ab.“ Aber dank moderner Technik werden Eltern und Co. regelmäßig via Skype ganz einfach nach Graz geholt.


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© Angelika Hold

ときどき‭ ‬„Lost in Translation“

Text Elke Jauk-Offner

Genau genommen ist die Grazer Lehrerin Angelika Hold heuer im Februar nach Japan zurückgekehrt. Denn schon von 2013 bis 2016 hatte die 36-Jährige ihren Lebensmittelpunkt mit ihrem bei der AVL beschäftigten Mann Michael nach Tokio verlegt. Die Vielfalt des Landes hat sie von Anfang an fasziniert. Dieses Mal sind sie zu dritt: Der zweieinhalbjährige Sohn Theodor besucht den internationalen Kindergarten, „wir wollten vor seiner Einschulung einfach noch länger im Ausland leben. Trotz der kulturellen Unterschiede fühlt man sich hier schnell wohl.“  In den Kindergarten bringt sie ihn mit dem ,mamachari‘, einem weit verbreiteten, mit Kindersitzen ausgestatteten E-Bike, das sie allerorts unversperrt abstellen kann. „Diebstahl existiert hier kaum. Man kann auch die Tasche im Café unbeaufsichtigt lassen, wenn man auf die Toilette geht.“ Als sie ihr Handy in der Metro verlor, bekam sie es umgehend zurück, weil ein ehrlicher Finder es abgegeben hatte.

Tokio ist sehr sauber, obwohl es auf den Straßen kaum Mistkübel gibt, „Japaner sind es gewohnt, ihren Müll mitzunehmen und fein säuberlich zu trennen.“ An ihrer Wahlheimat mag Hold den respektvollen Umgang miteinander und die Wertschätzung kleinster Dinge im Alltag. Zurückhaltung ist eine wichtige Verhaltensregel, in der Öffentlichkeit wird Naseputzen oder Telefonieren nicht gerne gesehen, Gefühlsregungen werden nur sehr diskret gezeigt.

Was sind die Herausforderungen? „Das komplexe System an Schriftzeichen, bestehend aus den chinesischen Bildzeichen Kanji und den japanischen Silbenschriften Hiragana und Katakana, macht das rasche Erlernen der Sprache, aber auch das Zurechtfinden im Alltag machmal etwas schwierig.“ Da kann es schon passieren, dass man irrtümlich rohe Hühnerleber bestellt. Nicht so einfach ist auch die Orientierung: „Es gibt keine Straßennamen und keine ersichtlichen Hausnummern, manchmal findet nicht einmal der Taxifahrer das gewünschte Ziel.“ Lost in Translation? „Tokidoki“, schmunzelt sie. Das bedeutet: manchmal. In Hiragana: ときどき. Gewöhnen musste sich die Grazerin auch an Extremerfahrungen wie Erdbeben, Taifune und U-Bahn-Fahrten: „Stopfer mit weißen Handschuhen drücken Fahrgäste zur Stoßzeit in völlig überfüllte Züge und pressen damit die letzten paar Liter Atemluft aus den Waggons.“


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© Thomas Luef

London? Mailand? Graz!

Text Daniela Müller

Simon Peter Maghanoy Wilson ist auf den Philippinen geboren, in Japan und den USA aufgewachsen. Sein Vater war Missionar aus Texas, die Mutter, eine Philippina, war Krankenschwester. 1999, gleich nach dem Krieg, kam er im Zuge eines Sozialprojektes nach Bosnien und in den Kosovo. In Budapest traf er seine spätere Frau, Eftoxia, eine Griechin. Gemeinsam eröffneten sie in Novi Sad ein Social Business und eher über Zufall kamen sie dabei zum Thema Fahrrad. Sie eröffneten ein Repair-Café, in dem an Fahrrädern gebastelt, gleichzeitig gegessen und getrunken werden konnte. Nach drei Jahren stand ein Ortswechsel bevor, zur Auswahl standen London, Mailand und Graz. Graz bekam den Zuschlag, weil es von den Lebenskosten am günstigsten war. Hier lebt er nun mit Eftoxia und seinen mittlerweile 7, 9 und 12 Jahre alten Kindern und demselben Geschäftsmodell wie in Novi Sad: Eftoxia kümmert sich vor allem um das Café Cultural Exchange, Simon um Bikes und neuerdings um seine Rucksäcke. Auf die Idee kam er, weil ihm die Radrucksäcke, die er in seinem Sortiment hatte, nicht gut genug waren. Über die Crowdfunding-Plattform Kickstarter sammelte er Geld für den Start, kaufte sich eine Nähmaschine und Stoffe. Er näht selbst in seinem Keller-Atelier. Der Anfang in Graz sei holprig gewesen, auf die Genehmigung für sein Café in der Grazbachgasse musste er eineinhalb Jahre warten, manchmal kam er sich vor wie in einem Kafka-Stück, erzählt er. Sonst ist er mit seiner neuen Heimat zufrieden, Graz sei wie Bayern, gemütlich und südlich. Mit einer Sache kommt er nicht immer klar: Einerseits gebe es strenge Regeln, die aber letztlich dann doch da sind, um gebrochen zu werden.

Leben passiert ihm, betont Simon, nichts von dem, was kam, war so geplant gewesen. Es werde ohnehin zu viel geplant, findet er, gerade was das Leben von Kindern betrifft. „Let the kids live“, sagt er. Ihn selbst hat sein Elternhaus geprägt, auch und vor allem mit dem Aspekt, der Gesellschaft etwas zurückzugeben. Wenn er aus Kapazitätsgründen seine Rucksack-Produktion in das EU-Ausland verlegen müsste, käme für ihn nur ein soziales Geschäftsmodell infrage. Veränderung bräuchte es nach seiner Meinung woanders: Zu erkennen, dass Qualität seinen Preis haben muss. Und dass auch kleine Veränderungen große Dinge bewirken können.