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People | 03.01.2019

Mehr Mut zur Selbstliebe

Zeit zum Aufbruch: Coach und Unternehmensberaterin Sabine Pelzmann gibt in ihrem ersten populärwissenschaftlichen Buch „In meinem Ich“ das Credo vor, sich selbst ernster zu nehmen.

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© Thomas Luef

Veränderungs- und Formungsprozesse haben  Sabine Pelzmann schon seit jeher fasziniert. Aufgewachsen auf einem Bauernhof, war sie schon früh mit natürlichen Rhythmen und Kreisläufen  vertraut. Im Studium der Landwirtschaft auf der Universität für Bodenkultur in Wien hat sich die gebürtige Kärntnerin intensiv mit Humifizierungsvorgängen beschäftigt. Das Interesse für die Entwicklung von Organisationen und entsprechende fachliche Ausbildungen kamen im Laufe der Arbeitsjahre gewissermaßen als logische Folge  hinzu.
Mittlerweile berät die Wahl-Grazerin mit internationaler Erfahrung seit mehr als 15 Jahren Führungskräfte und Organisationen bei der Konzeption und Umsetzung von Wandelprozessen. Sie leitet den Lehrgang für Integrative Organisationsberatung an der Donau-Universität Krems und hat Schulungsprogramme für Aufsichtsrätinnen konzipiert, um mehr Frauen für diese Funktionen fit zu machen, „in der Steiermark startet im Jänner der vierte Durchgang“.
Wie man gute Entscheidungen treffen kann, das ist nicht nur in ihren Coachings ein Thema, sondern auch in ihrem aktuellen Buch, in dem sie Wege zur Selbstliebe beschreibt. „Im Prinzip geht es darum, der eigenen Sehnsucht zu folgen und den persönlichen Kern immer mehr herauszuschälen, um ihn zu entfalten.“

 

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Der Mondsichelfänger und die Dirigentin. © Thmoas Luef

Suchen und Finden. „Wir leben in einer sehr dynamischen Welt. Ich glaube, es ist daher immer stärker notwendig, dass wir uns gut verwurzeln. Wir sollten uns mehr spüren, mehr auf unseren Körper und unsere innere Stimme hören“, sagt Pelzmann. Die Unternehmensberaterin selbst ist vor sechs Jahren dem intensiven Gefühl und Wunsch gefolgt, bildhauerisch tätig zu werden, und absolvierte einen entsprechenden Kurs bei Künstler Christian Koller. Seitdem gestaltet sie Skulpturen „ganz intuitiv, ohne jegliche Intention, ich spüre nur einfach, dass ich es tun muss.“ Dazu inspiriert hat sie eine Ausstellung mit Werken aus Simbabwe im Museum of Modern Art in San Francisco, die sie während eines Lehrauftrags zu „Management and Organizational Behaviour“ oftmals besuchte.
Nach Versuchen mit Sandstein und Marmor entschied sich Pelzmann schlussendlich für Bronze. Ihr gefiel auch der Aspekt, dass das Material nach Beendingung des kreativen Schaffensprozesses weiter in Transformation begriffen ist. „Bronze verändert sich mit der Zeit, reagiert auf menschlichen Schweiß. Wenn man später als Besitzer oder Besitzerin einer Skulptur diese immer an derselben Stelle berührt, tritt man quasi in einen gemeinsamen Formungsprozess. -Außerdem komme ich väterlicherseits aus einer alten Kärntner Schmiedefamilie, vielleicht ist Metall einfach deshalb mein Material“, schmunzelte sie. Namen gibt sie den Werken intuitiv, manchmal entstehen zudem Texte. „Da folge ich meinen inneren Prozessen, ich habe da eigentlich ein ganz gutes Vertrauen.“ Gedichte geschrieben hat Pelzmann bereits als Jugendliche und dafür auch Preise eingeheimst, ihre Bildhauerarbeiten wurden mittlerweile mehrfach ausgestellt. „Seitdem ich bildhauere, fühle ich mich mehr geerdet, einfach ganzer. Es ist schön, handwerklich zu arbeiten und ein haptisches Ergebnis zu haben. Beruflich habe ich ja vor allem mit sozialen Formungsprozessen zu tun und begleite Menschen und Teams in einer Aufbruchstimmung.“    

 

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Sabine Pelzmann hat vor sechs Jahren die Leidenschaft zur Bildhauerei entdeckt. Formungsprozesse beschäftigen sie seit ihrer Kindheit. © Thomas Luef

Kollektiv und individuell. Ins Einzelcoaching kommen viele, die gerade in einer Phase der Veränderung feststecken. Und genau diese oft unbefriedigende Situation thematisiert die Mutter von zwei Töchtern in ihrem Buch: „Was kann man tun, um innere Prozesse stärker wahrzunehmen und die für einen selbst wichtigen und notwendigen Entscheidungen zu treffen?“ Wir stehen uns immer wieder nicht nur selbst im Weg, es sind manchmal auch vertraute Menschen um uns: „Sie unterstützen uns nicht immer in unseren Entscheidungen, weil sie zum Beispiel Sorge haben, dass wir uns durch diese ein Stück weit von ihnen entfernen.“ Das Buch soll bestärken, mehr dem inneren Ruf zu folgen. Die Bereitschaft, das loszulassen, was eigentlich halbwegs gut läuft, sei nicht so einfach zu erlangen. „Vertrautes gibt uns viel Sicherheit, auch wenn es uns nicht ganz glücklich macht.“
Berufliche Troubles, Partnerschaftskonflikte, Probleme mit den Kindern – das alles kann eine gute Möglichkeit sein, Dinge zu hinterfragen. „Große und kleine Krisen bringen uns dazu, mutiger zu sein, weil durch die Schwierigkeiten bereits ohnehin einiges bröckelt“, analysiert die Expertin. Aber auch grundsätzlich sich formierendes Unbehagen gilt es ernst zu nehmen. „Sehnsüchte sollte man nicht einfach wegschieben, sondern vielmehr genauer darüber nachenken, was da überhaupt so mit einem flirtet“, plädiert Pelzmann dafür, sich Zeit zu nehmen und beispielsweise ein Tagebuch mit entsprechenden Gedanken zu führen. Irgendwann kommt man an den Punkt, an dem man eine Entscheidung treffen will, ja muss. „Man tut sich ja auch Gutes damit, einen nächsten Schritt zu setzen, weil der Körper ja sonst ständig in einer Stresssituation ist. Jeder hat schon die Erfahrung gemacht: Trifft man eine Entscheidung, geht eine Art Atemzug durch den Körper, man fühlt sich frei und wieder voller Kraft.“ Ob die Wahl für oder gegen etwas richtig oder falsch ist, wird sich freilich erst später weisen, „aber dieser wichtige Schritt ermöglicht ein Weitergehen – für mich und für andere“.

Was jetzt vielfach folgt, ist nicht unbedingt das, was man sich erhofft hat: Chaos. „Es ist aber wichtig zu wissen: Wenn die Chaosphase da ist, bin ich auf dem richtigen Weg, weil sich das Neue erst ordnen muss.“ Das sei bei Einzelpersonen, in Organisationen und in der Gesellschaft auch so. Nach einer erfolgreichen Veränderung hält Pelzmann Selbstsorge für ganz wesentlich, das nächste Unbehagen mit einer Ist-Situation formiert sich bestimmt. „Wir sollten zumindest eine Viertelstunde jeden Tag mit uns selbst verbringen und uns damit beschäftigen, was wir brauchen, damit unsere Seele genährt ist. Ob mit dem Blick ins Grüne oder in der Badewanne, das ist gleich.“   


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Beispiele aus der Coaching-Praxis für die Auseinandersetzung mit dem Selbst. © Verlag