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People | 05.09.2018

Geistesblitz

Unwetter sind sein Metier: Fotograf Clemens Humeniuk ist mit seiner Kamera stets auf der Jagd nach bildgewaltigen Blitzen und Stürmen. Über eine zeitintensive Passion, die Liebe zum Risiko und den Besuch der Intensivstation.

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© Clemens Humeniuk

Grundsätzlich findet er das Wetter ja relativ langweilig. Wenn sich jedoch so ein richtig heftiges Gewitter anbahnt, dann ist Clemens Humeniuk in seinem Element. Wie sich seine Leidenschaft entwickelt hat, das weiß der Grazer heute eigentlich gar nicht mehr so genau, sagt er. Jedenfalls aber geht er ihr bereits seit 17 Jahren nach, weil er die Kraft, die ein derartiges Unwetter generiert, absolut faszinierend findet. Die Jagd nach den besten Bildern bedeutet eine intensive Vorbereitung im Vorfeld und kaum Zeit vor Ort.

Den ganzen Sommer über brütet Humeniuk über den Wetterkarten, meteorologische Kenntnisse verstehen sich da von selbst. Kündigt sich etwas Großes an, geht das stundenlange Warten los und der gesamte Tag ist für das Fotoprojekt reserviert. Denn trotz der genauen Beobachtung des Wetterradars bleibt die Jagd ein Pokerspiel: „Es gilt, die Gewitterzelle zu finden, die die schönsten Strukturen bietet. Meistens rauschen ja mehrere Gewitter durch. Oft ändert sich der Ort des Geschehens kurzfristig. Gewitterfronten können mit bis zu 100 Kilometern pro Stunde dahinziehen. Wärmegewitter sind unspannend, mich interessieren Kaltfrontenunwetter. Die gibt es, wenn ein Wetterumschwung bevorsteht.“ Das Einsatzgebiet: die Steiermark, die angrenzenden Bundesländer sowie das benachbarte Ausland.

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„Faszination ja, Verherrlichung nein“, betont Clemens Humeniuk, der sich auf Blitzfotografie spezialisiert hat. © Clemens Humeniuk

Hektisch. Steht ein derartiges Ereignis unmittelbar bevor, fährt Clemens Humeniuk zum bereits bewährten Aussichtspunkt. „Es bleiben nur zehn bis fünfzehn Minuten Zeit. Dann fegt das Gewitter schon über dich hinweg. Man lässt sich überrollen und schaut, dass man es schnell wieder vor das Gewitter schafft. Eine Chance hat man nur, wenn man die Autobahn nutzen kann.“ Auf seinen Routen sind auch die möglichen Unterstände wie Autobahnbrücken oder Tankstellen schon gecheckt, um sich vor schwerem Hagel zu schützen. Das gelingt nicht immer: „Vor zwei Jahren hat es mein Auto total zusammengehagelt, auch die Windschutzscheibe ist gesprungen.“

Was treibt ihn an? „Es ist ein Adrenalinkick, ja. Aber das Faszinierendste ist, dass man nie weiß, was auf einen zukommt. Von zehn Mal Ausfahren gehen sieben Mal in die Hose, weil das Gewitter keine schönen Strukturen hat oder weil es vorher bereits stirbt. Man fährt Tausende leere Kilometer im Jahr.“ Humeniuk kennt aber freilich die Bahnen, in denen Gewitter für gewöhnlich verlaufen, und die Hotspots: „Die Weizer Gegend hat die höchste Gewitterdichte Österreichs.“ Es sind bloß vier bis fünf Gewitter im Jahr, die spektakuläre Fotos möglich machen. Böenfronten reizen ihn besonders, für nächtliche Blitzfotos eignen sich aber auch Wärmegewitter ganz gut. Vor zehn Jahren war man mit einer Leidenschaft wie der Blitzfotografie noch ein „Nerd“, konstatiert Humeniuk, heute ist die Fangemeinde groß. Als „Kooky on Tour“ kann man ihm neuerdings auch auf Instagram folgen, dort berichtet er zudem von seinen Vanlife-­Abenteuern.

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Mit Exklusivinformationen aus dem Auge des Sturms versorgt er die Facebook-Seite „Aktuelle Wetterwarnungen für Österreich“, die ein Freund gegründet hat und die bereits mehr als 260.000 Likes zählt. „Ich gebe Infos für Wetterwarnungen auch an die Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik weiter. So leiste ich meinen Beitrag“, will der Berufsfotograf Kritikern, die ihm eine Verherrlichung dessen vorwerfen, was großen Schaden anrichten kann, den Wind aus den Segeln nehmen.  

Stormchasing ist gerade in den USA stark verbreitet, einen Tornado zu  jagen ist für Humeniuk allerdings keine Attraktion. „Da stehen dann 400 Autos auf einem Feld in Oklahoma, die nächste Stadt ist 50 Kilometer entfernt. Und alle machen ein Foto von der fetten Gewitterzelle, das sofort viral um die Welt geht. Dort bist du einer von vielen, bei uns betreiben das nur wenige.“ Aufgrund der großen Entfernungen wäre auch ein Zeitbudget von einem Monat nötig – mit ungewissem Erfolg. Die Superlative reichen als Reiz nicht aus. „Die Gewitterdichte ist bei uns weitaus höher, in Slowenien hatten wir zudem zuletzt Hagelkörner in Tennisballgröße.“ Schwere Unwetter sind seiner Beobachtung nach in den letzten Jahren bei uns aber nicht verstärkt aufgetreten, durch die sozialen Medien nehmen wir sie nur stärker wahr, so sein Eindruck.

Die Poebene in Norditalien ist ein europäischer Hotspot, „die warme Mittelmeerluft trifft hier auf die kalte Alpenluft. Heuer war es sehr ruhig dort, bei uns auch.“ Das verheerendste Wetterereignis in Österreich war übrigens ein Tornado, der 1916 über Wiener Neustadt gefegt ist. In der Steiermark hat man es im Jahr mit rund drei bis vier Tornado-Verdachtsfällen zu tun.

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© Clemens Humeniuk

Auf offenem Feld. Wie kalkuliert Humeniuk das Risiko da draußen im Sturm? „Ich halte mich von Wäldern fern und bin meistens auf dem offenen Feld, wenn schwere Sturmböen angesagt sind. Die Hauptgefahr besteht im Blitzschlag.“ Vor zwei Monaten wurde ihm das in Leibnitz drastisch vor Augen geführt. „Bei Kaltfrontgewittern halten sich die Blitze im Niederschlagskern. Ich habe dort mit einem Freund fotografiert und wir haben übersehen, dass 300 bis 400 Meter hinter uns ein neues Gewitter entstanden ist. Der erste Blitz fuhr ein paar Meter neben uns in den Boden. Das war wie eine Explosion. Der Körper schmeißt sich automatisch auf den Boden.“ Die Euphorie ob des Naturgewaltenerlebnisses verflog schnell. „Ich hatte nach ein paar Minuten extreme Brustschmerzen und Übelkeit und bin dann zum Check ins LKH Wagna gefahren.“ Eine Nacht auf der Intensivstation mit Dauer-EKG ergab, dass die Beschwerden von einem schweren Schock rührten. „Also alles halb so wild“, beschwichtigt Humeniuk und wirft selbst die Frage auf: „Lernt man daraus? Nein. Für gute Fotos muss man ein Risiko eingehen, man blendet es bei der Arbeit einfach aus.“

Davon zeugen auch seine „Goldenen Regeln“, darunter: „Fahr immer dorthin, wo es am schlimmsten unwettert. Wenn es die besten Blitze gibt, stell dich für die besten Fotos auf ein offenes Feld. Hagelkörner sind die perfekten Eiswürfel. Regenschirme sind etwas für Weicheier. Solltest du doch einen brauchen, fotografiere in Zukunft Blumen.“ Noch Fragen?

Bild 1809_ST_FR_Stormchaser-10.jpg
© Clemens Humeniuk

Es ist mörderstressig.
Man opfert den ganzen
Tag, hat aber für
die Fotos nur wenige
Minuten Zeit.

Clemens Humeniuk


© Clemens Humeniuk