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People | 16.04.2018

Schwermetall aus Eisenerz

Vom Sofa aus die Musikwelt erobert: Napalm Records zieht weite Heavy-Metal-Kreise. Und mehr.

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© Marija Kanizaj

Napalm Records. Hauptsitz Eisenerz, Außenstellen in Berlin und New York. Das rockt. Ein Plattenlabel mit dem Schwerpunkt Heavy Metal im Epizentrum des Schwermetalls. Hier im beschaulichen obersteirischen Dorf, genau genommen im Wohnzimmer des Großvaters mit klassischer Erzberg-Karriere, hat Markus Riegler sein Plattenlabel in den 1990er-Jahren aus der Taufe gehoben.

Noch in der Schulzeit gründete er vom Sofa aus einen Versandhandel und legte den Fokus auf Black und Death Metal. Der Erfolg gab ihm recht. Mehr als 600 Alben wurden seither veröffentlicht, mehr als 300 Bands hatte Napalm Records seitdem unter Vertrag, aktuell sind es „100 bis 150“. Dazu zählen und zählten Namen wie Abigor, Summoning, Saltatio Mortis, Powerwolf, Hammerfall und Russkaja.

Die Genres haben sich seit den Anfängen im Laufe der Jahre deutlich erweitert: „Wir sind mittlerweile sehr breit aufgestellt“, verweist Riegler auf Künstler wie Alter Bridge mit Myles Kennedy und Hoobastank. Ein düsteres Image? Das ist am Firmensitz auf dem bezeichnenden Hammerplatz nur in homöopathischen Dosen vorhanden. Die Musik und die Tonträger sind natürlich omnipräsent, im Lager werden gerne härtere Töne angeschlagen, das motiviert.

„Hier, in dieser Umgebung, war schon alles immer sehr metalträchtig. Mit 13 Jahren bin ich mit der Musikrichtung zum ersten Mal in Berührung gekommen. Da musste das Nena-Poster relativ schnell weichen“, schmunzelt Riegler. Er wurde vom Fan zum Fanclubleiter, importierte erste Tonträger, verfasste mit der elektrischen Schreibmaschine Verkaufsfolder. Und rief schließlich Napalm Records ins Leben. „Wir sind für den Namen auch kritisiert worden, aber ich wollte einfach etwas mit einem hohen Wiedererkennungswert, das etwas Martialisches hat.“ Groß prangt das Label-Logo mit Doppelkopfadler und den NR-Initialen hinter Rieglers Schreibtisch. Die stattlichen Landesgrenzen der damaligen Zeit haben den geborenen Eisenerzer nachhaltig beeindruckt, er hatte ein Rock- und Metal-Imperium vor Augen.

 

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homebase. Plattenlabel-Chef Markus Riegler und Prokuristin Diana Graf im gar nicht düsteren Büro. Bezeichnenderweise auf dem Hammerplatz. © Marija Kanizaj

Unter seinen Fittichen brachte die Kärntner Band Desastrous Murmur ihre erste CD heraus. „Sie hat sich viel besser verkauft als erwartet.“ Schritt für Schritt wurde ein Vertriebsnetzwerk aufgebaut. „Labelmanager ist einfach ,learning by doing‘ “, sagt Riegler, „das hat mich schon viele Jahre gekostet. Wir haben Künstler auch an andere Firmen verloren, weil wir Verträge im guten Glauben und auf freundschaftlicher Basis aufgesetzt haben“, beschreibt er den Lernprozess.

Die Skandinavier waren stets ein Aushängeschild der Szene. Fanatische Auswüchse, ungeklärte Morde unter Musikern und brennende Kirchen nährten ein dunkles Image, das sich auch gut verkaufen ließ. Der Import von CDs einer holländischen Band brachte ihm sogar die Polizei ins Haus, die überprüfte, ob es sich um eine Sekte handle. Mit der zunehmenden Vertiefung ins Business brauchte es mehr Seriosität, „man hat ja viel mit Musikmanagern zu tun und muss den Künstlern auch Service bieten“. Mit dem Mittelalterrock von Saltatio Mortis hat man das klassische Metal-Thema erstmals verlassen, „mit der Band gelang auch unser erster Nummer-Eins-Charteinstieg in Deutschland“. Das war 2013.

 

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hoch im kurs. Diana Graf und Markus Riegler wissen, was Fans wollen – Produkte mit exklusivem Charakter, etwa von Myles Kennedy. © Marija Kanizaj

In Eisenerz zählt das Label heute 19 Mitarbeiter, international sind es 35. Seit 2011 ist Diana Graf im Unternehmen, „mit der Musik konnte ich zu Beginn gar nichts anfangen“, lacht sie, „aber das war vor langer, langer Zeit.“ Mittlerweile ist die zweifache Mama, Herrin über die Zahlen und Prokuristin fast schon zum Metal-Fan geworden. Die Bands kommen heute von überallher – aus dem Norden und Osten Europas, den USA, Australien, Neuseeland. Ein paar heimische Bands sind auch dabei, Russkaja beispielsweise. Beobachtete Riegler in den 1990ern hierzulande eine hohe Aktivität im Metal-Rock-Bereich, so sieht er heute wenig Entwicklung: „Österreich ist so wienzentriert. Durschnittskünstler versucht man nach oben zu pushen, das gelingt aber ohnehin nicht.“

Weltweit 200.000 bis 300.000 Kunden zählt der Onlineshop, mit dem Verkauf von Tonträgern und Merchandising erreichte Napalm Records im Vorjahr einen Umsatz von zehn Millionen Euro. Ist die Zukunft der CD angezählt? „Sie wird eher eine Beigabe werden. Wir machen beispielsweise auch exklusive Editionen in Holzboxen mit limitierten Stückzahlen, zum Beispiel auch in silbernem oder goldenem Vinyl. Für die Fans muss man da einfach kreativ werden.“

 

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© Marija Kanizaj

Wie exzessiv ist das Leben als Plattenlabelboss? Der Alltag ist eher ein Bürojob, beteuert Riegler. „Auch viele Künstler trinken nicht einmal Alkohol. Schließlich spielen sie bis zu 200 Shows im Jahr. Myles Kennedy lässt den Gitarristen Interviews geben, damit seine Stimme nicht zusätzlich strapaziert wird.“ Die Musikmanager, mit denen verhandelt wird, sind zumeist „nett und höflich, aber beinharte Geschäftsleute. Natürlich kann man auch Party machen, aber es bleibt ein knallhartes Business“, so Riegler. Eine gute Chartsperformance ist essenziell, „das spiegelt ja die Verkaufszahlen wider und ist ein Zeichen für das Set-up, dass man einen Künstler wirklich voranbringen kann“.

Nach Eisenerz kommen Bandmitglieder heute nur selten, das war in den Anfangszeiten des Unternehmens noch öfter der Fall, damals im Wohnzimmer des Großvaters. „Mein Opa war da eigentlich immer sehr interessiert und hat sich gerne mit den Musikern unterhalten.“ Schwermetall und Schwermetall, das schafft eben doch eine spezielle Verbindung.

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© Marija Kanizaj

Metal & Rock: Mehr als 700 Alben

Artist-Roster. 1995 hat Markus Riegler Napalm Records in Eisenerz gegründet. Mit Saltatio Mortis und Powerwolf gelangen 2013 zwei Nummer-1-Alben in Deutschland. Heute sind beispielsweise Alter Bridge und Hoobastank unter Vertrag. Napalm Records veranstaltet auch das Festival „Metal On The Hill“ in Graz (17./18.8.2018).
www.napalmrecords.com

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© Marija Kanizaj