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People | 12.03.2018

Kunst nach Art des Hauses

Die Haut als Leinwand, die Fassade als Kunstfläche, die Vision einer bunteren Welt: Carola und Sabrina Deutsch verbinden Tattookunst, Malerei und Grafik von Barcelona bis New York. Homebase: Graz. Was hier unter die Haut geht, lässt auch emotionale Hüllen fallen.

Fotos Stella Kager, beigestellt

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Kunst und Grafik im Duett: Sabrina und Carola Deutsch.

Die Liegeposition gibt den reizvollen Blick frei auf das Grazer Glockenspiel. Hier, im Herzen von Graz, setzt Carola Deutsch die Nadel an und lässt für die Dauer der Sitzung Handwerk und Kunst mit einer – je nach Empfinden – größeren oder kleineren Portion Schmerz miteinander verschmelzen. Das Studio der Tattoo-Künstlerin und ihrer Schwester Sabrina Deutsch, die für Grafik, Dokumentation und Marketing verantwortlich zeichnet, ist ganz frisch bezogen.

Lange haben die beiden nach einer neuen, größeren urbanen Location für ihr 2012 gegründetes Kreativ-Atelier Decasa gesucht. Der schmucke Altstadtbau mit schweren Türen, antikem Kachelofen und lieblichem Erker hat sie schließlich überzeugt. Mit den Schwestern zog Coolness in die altehrwürdigen Mauern. Von dieser neuen Homebase aus macht das Duo „nach Art des Hauses“ die Welt ein bisschen bunter – mit Tattookunst im Graphic-Art-Style, Malerei und Grafik. „Die Welt“ ist dabei durchaus im Wortsinn gemeint. Ein New Yorker Loft in einer ehemaligen Kirche in Williamsburg trägt dank großflächiger Wandmalerei ebenso die künstlerische Handschrift von Carola Deutsch wie die Galerie „Cage“ in Barcelona.

Kunden pilgern aus Dänemark, Portugal und den USA nach Graz. Für einen Termin im Tattoo-Studio muss man sich aufgrund des großen Interesses allerdings bewerben, „wir können nur rund 20 Prozent der Anfragen annehmen, das machen wir nach Bauchgefühl und Intuition“, sagen die beiden. Es soll genug Zeit für Sorgfalt, Kreativität und künstlerische Projekte bleiben. Für acht von zehn Auserwählten ist es übrigens das allererste Tattoo, zumeist großflächig. „Sie stellen mir den kompletten Oberkörper oder Rücken als Leinwand zur Verfügung. Das ist ein Privileg, das ich sehr zu schätzen weiß“, sagt Carola Deutsch.

Gin bis Flamingo. Eigene Welten kreieren zu können, das schätzen die Schwestern sehr. Dabei ergänzen sie sich in ihren Wirkungsfeldern optimal – den künstlerischen Part übernimmt Carola Deutsch, den grafischen und organisatorischen Part Sabrina Deutsch. Gemalte Chilis, Avocados und Sellerie zieren die Verpackungen der steirischen Bio-Naturkosmetiklinie „Hands on Veggies“, die pflanzliche Wirkstoffe auf Gemüsebasis enthält. Der steirischen Bio-Gin-Marke Rick hat Carola ein Gesicht verliehen, Elemente aus dem Porträt des Testimonials hat Sabrina in Etiketten und Corporate Design verarbeitet. Umgesetzt wurden auch eine Fashion-Kollektion in Zusammenarbeit mit der Reync & Schoene Design-
werkstatt, Dirndlschürzen-Design für den Duftpflanzen-Wettbewerb „the scented drop“, Flamingo-Shirts für den Citybeach Graz und Taschen-Design für das Tätowier Magazin Deutschland.

Im April nehmen Carola Deutsch und ein niederländischer Künstler mit asiatischen Wurzeln ein Projekt in dessen Amsterdamer Studio in Angriff: „Ein Bild wird gemalt und gleichzeitig auf den Körper tätowiert, um zu zeigen, wie Kunst am Körper funktioniert“, sagt Carola Deutsch. „Die Menschen sind in Bezug auf Tattoos viel offener geworden“, konstatiert Sabrina Deutsch, „unlängst hat sich sogar eine Mutter mit ihrer 13-jährigen Tochter mit Berufswunsch Tattookünstlerin bei uns über den Ausbildungsweg erkundigt“.

Der Untergrund für Kunst und Design sei nebensächlich geworden „das kann Haut, Papier, eine Leinwand oder eine Verpackung sein. Die Frage ist heute nicht mehr, ob man ein Tattoo hat oder nicht, das regt niemanden mehr auf, sondern wie hochwertig und konzeptlastig es ist.“

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Dalí lässt grüßen: Wandmalerei-Projekt „Enter the Dream“ in der Galerie Cage in Barcelona.

 

Das „Heiligste“. Funktioniert die Landeshauptstadt denn gut als Homebase? „Ja, unser Herz gehört Graz, die Stadt hat die ideale Größe. Man kann sich hier relativ schnell einen Namen machen, Netzwerke erschließen, es tut sich viel im Design-
bereich.“ Wichtig sei jedoch der stete Blick über die Stadt- und Landesgrenzen hinaus. Inspiration finden die beiden auf Reisen, „das können auch ganz gewöhnliche Dinge sein, zum Beispiel das Essen oder Alltagsleben vor Ort“. Carola Deutsch erhält zudem laufend Einladungen in renommierte Tattoostudios von Frankreich bis Brasilien. Ihr jüngstes Tattoo hat ihr französisches Idol Xoil gefertigt. Sie gab nur das Thema Rosen vor, ließ ihm freie Hand und überließ ihm dafür „das Heiligste“, das Dekolleté, als Leinwand.

Ein echtes Herzensprojekt von Carola Deutsch ist ihre Einzelausstellung im Mai, für die die 28-Jährige 25 bis 30 neue Werke entstehen lässt. Ort des Geschehens ist die Grazer Bakerhouse Gallery. Wann ist ein Bild fertig, ist der Schlusspunkt da schwierig? „Doch, ja. Ich bin sehr selbstkritisch und übermale immer wieder einmal etwas. Ich denke, das ist klassisch für Künstler, das treibt uns auch an. Aber es gibt auch Phasen, in denen ich sehr zufrieden bin.“ Ihr erstes Street-Art-Projekt war übrigens die Bemalung einer 15 Meter langen Wand im Grazer Hotel Süd, mittlerweile zieren großflächige Kunstwerke auch die Fassade des Netzwerkhauses der Jungen Wirtschaft Steiermark und der Roth-Liegenschaftsverwaltung, für den City Beach hat sie die Flamingoworld entworfen. Gerade hat sie „Streets“, das neue Lokal des Gross-
auer-Clans, optisch in Szene gesetzt. „Ich finde es gut, wenn Kunst nach draußen geht. Graz würde noch viel mehr Street Art und Surrealität vertragen. Kunst einfach Kunst sein zu lassen, das ist gut.“

 

Der Schlüssel zum ganz persönlichen Stil ihrer Schwester liegt für Sabrina Deutsch in der Kindheit verborgen. „Unsere Mama hat Kreativität sehr gefördert, Carola hat schon als Kind Monet abgemalt und durfte die Fenster der Volksschule verzieren. Wir hatten sämtliche Mal- und Nähutensilien, haben für Barbies Kollektionen angefertigt und Magazine designt.“ Jahre später brachte ein Freund der Familie alte Tattoo-Hefte mit und die jugendlichen Schwestern begannen, Tattoos zu entwerfen, ohne groß darüber nachzudenken. Die ersten Tattoos am eigenen Körper erfolgten mit 17 und 20, es sollten noch viele folgen. Vor der Mutter hat Carola Deutsch die ersten Monate der Ausbildung zur Tattookünstlerin verschwiegen, diese war anfangs auch wenig begeistert, heute trägt sie selbst ein Tattoo: zwei Kirschblüten, die die beiden Töchter symbolisieren.

 

Emotionales Band. Wie man das Tattoo findet, das zu einem passt? „Man sollte sich so gut es geht auf ein Thema beschränken und nicht versuchen, das ganze Leben mit vielen ganz unerschiedlichen Details in einem Bild darzustellen. Wesentlich ist darüber hinaus, sich nicht nur über das Studio, sondern auch über den Künstler und seinen Stil ausführlich zu informieren.“ Dass ihre Arbeit so nah am Körper stattfindet, ist für Carola Deutsch „schon eine Barriere, die ich überschreiten muss. Bei vielen fallen emotional die Hüllen, sie erzählen mir sehr persönliche Sachen, oft auch traurige Geschichten und Schicksalsschläge“. Welches emotionale Band verbindet die zwei? „Natürlich fliegen hin und wieder die Fetzen“, schmunzeln sie, „aber niemand versteht Ängste und Sorgen so gut wie die eigene Schwester.“   

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Inspiration von Chili bis Avocado: Arbeiten zum Produktdesign für eine Biokosmetik-Linie.

Nach Art des Hauses

Carola Deutsch, 28
HTL Ortweinschule für Kunst und Design,
Zweig Produktdesign, Meisterklasse für Malerei.
Vor der Selbstständigkeit: Dekoration und Storedesign bei Lena Hoschek
Schwerpunkt: Figurative Darstellungen und expressive Porträtmalerei, Tattookunst im Graphic-Art-Style

Sabrina Deutsch, 31
HTL Ortweinschule für Kunst und Design,
Zweig Grafik und Kommunikationsdesign
Vor der Selbstständigkeit: Art Director in der Werbeagentur Intouch

Das Kreativ-Atelier Decasa für Tattookunst, Malerei und Grafik haben die Schwestern im Jahr 2012 gegründet.
Projekte: Produkt-Design, Street-Art und Wandmalereien sowie im Bereich Fashion Designs für Shirts, Dirndlschürzen, Taschen und mehr.