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People | 12.02.2018

Den Schweinen in die Augen geschaut

Nicht einmal Gelsen werden bei Familie Schillinger erschlagen. Die faszinierende Geschichte eines Traditionswirtshauses, das zu Weltruhm gelangte, weil man Schnitzel ohne Fleisch serviert. Mit seiner Swing Kitchen hat es vor Kurzem Graz erobert.

Text: Viktória Kery-Erdélyi, Fotos: Luiza Puiu, Emma Dunlavey

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Seit mehr als 20 Jahren ein Paar – und in gemeinsamer Mission für den Tierschutz unterwegs: Irene und Karl Schillinger.

Tief und lang sah er den Schweinen in die Augen und fasste einen Entschluss. Auch seine Mama, die nicht weniger unter Schock stand, schüttelte beherzt den Kopf. „Wir wussten, nach dem Tod meines Vaters können wir keine Tiere mehr auf dem Hof schlachten“, erinnert sich Karl Schillinger. 19 Jahre jung war er und seine Schwestern 14 und 12, als der Papa eines Tages mit Kopfweh vom Feld heimkehrte und reglos am Boden liegen blieb. Schlaganfall mit erst 47 Jahren. Zum Schmerz kam unweigerlich die Frage: Wie soll es weitergehen, mit Hof und Lokal in Großmugl?

In sechster Generation hatte sein Vater das Landgasthaus im Weinviertel geführt; bis zu 125 Durstige und Hungrige hatten dort Platz, auch Taufen und Hochzeiten wurden zelebriert. Als er starb, servierte die Familie noch eine Weile halbherzig Hausmannskost aus zugekauftem Fleisch. Karl Schillinger und seine Mama waren bereits längst zu Vegetariern geworden. „Zuerst mochte ich kein Schweinefleisch mehr und innerhalb von nur zwei Wochen hatte ich alle Tiere bis zum Fisch durch“, verrät er. Sehr bald verschwanden Schweinsbraten und Gulasch auch von der Speisekarte. Wem der Magen knurrte, der bekam Eierspeis’ und Käse-toast.

Als die Schwestern erwachsen waren und das Wirtshaus auch ohne sein Zutun lief, zog Karl Schillinger los – und eroberte in Windeseile die Finanzwelt. Er spekulierte, ging als selbstständiger Daytrader („Wertpapierhändler“) mit „tier-ethischem“ Auftrag nach Chicago, legte dort Diplome ab und war zuletzt Fondsmanager einer amerikanischen Großbank. Doch er wollte mehr: die Welt verändern, sie verbessern.

Karl, der Bodyguard.

Zunächst aber rettete er gewieft – er gab sich für den Bodyguard des Ex-Kanzlers Vranitzky aus – eine leidenschaftliche Tierschützerin vor den Fängen der Polizei. Irene hatte soeben auf der Bühne eines großen Modeevents das Plakat „Pelz ist Mord“ entrollt.
Heute sind Irene und Karl Schillinger Eltern von Amelie, 13, und Attila, neun. Gemeinsam beschritt das Duo den Weg zum veganen Leben, gemeinsam übernahmen sie das Landgasthaus in Großmugl, als Karls Mutter an Brustkrebs erkrankte …
Und weil man am Land mit Bulgur-Auflauf nicht weit hupft, experimentierten sie bis zur geschmacklichen Vollendung an veganem Cordon Bleu und Co. Das Konzept schlug voll ein; der stattliche Wirt und seine Gattin avancierten zu Stars (nicht nur) der veganen Szene. „Logik und Gerechtigkeit sind mir wichtig im Leben; die Rechnung geht für mich nicht auf: so viel Leiden für eine Mahlzeit“, erklärt Karl Schillinger. Die Familie ist konsequent: Selbst ihr Hund – er war vor sieben Jahren auf einer Autobahn ausgesetzt worden – wird vegan gefüttert, im Haushalt gibt es nirgendwo Leder und sie schlüpfen auch in keine Wollpullover.

Einblicke
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Freundin Pamela Anderson in der „Swing Kitchen“.
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Enthält diverse Geheimnisse zum fleischlosen Kochen: Schillingers Buch 'Schwein ohne Schwein'.

Im Fanclub: Pamela Anderson.

Bestärkt durch den Erfolg, taten die Schillingers vor gut einem Jahr einen weiteren Schritt: Im Beisein von Superstar und Freundin Pamela Anderson, mit der sie sich gemeinsam in der Tierschutzorganisation PETA engagieren, eröffneten sie die erste Filiale ihrer „Swing Kitchen“ – mit veganen Burgern, Pommes und Salaten. Mittlerweile gibt es drei in Wien, eine in Vösendorf und seit Kurzem eine in Graz. Schillinger träumt auch von einem veganen Hotel. Nicht, um reich zu werden, betont er. „Wir fahren zwei schäbige Autos, wohnen in einer kleinen Wohnung.“ Alles werde stets reinvestiert. Für eine bessere Welt mit weniger Tierleid. Dafür lüftet das Paar die Geheimnisse, wie sie selbst eingefleischten Schnitzelfans mit ihren pflanzlichen Versionen den Kopf verdrehen: im Buch „Schwein ohne Schwein – Das Tierliebekochbuch“ (Verlag Edition a).

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