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People | 08.11.2017

Thomas Stipsits in der Hauptrolle in „Baumschlager“

Der steirische Südburgenländer über Sexszenen vor der Kamera, seine neu entdeckte schriftstellerische Seite und sein Familienglück.

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© Vanessa Hartmann

Seine Frau ist entzückt. Der Heimkehrer von den Golanhöhen ist plötzlich eine Granate im Bett. Wie sich später herausstellt, soll er seine Friedensmission mit einer Überdosis Leidenschaft ausgeführt haben – und zwar vorrangig hinter verschlossenen Türen. Kaum in der Lederhose angekommen, erreichen den UN-Offizier pikante Erpresserfotos; er muss in den Nahen Osten zurück. Dicht auf seinen Fersen: die argwöhnische Ehefrau … Thomas Stipsits mit nacktem Popsch auf der Kinoleinwand. Mit „Baut’s ein Freibad für Stinatz“ sang er sich als Junger in die Herzen des Kabarett-Publikums, nun ist er in einer Hauptrolle seines Jugendidols angekommen: in Harald Sicheritz’ schwarzer Komödie „Baumschlager“. Und ein Buch hat er außerdem geschrieben: „Das Glück hat einen Vogel“. Verflogen ist die Zeit beim Interview im Wiener Café Ritter – mit einem sympathischen, sehr in Frau und Familie verliebten „Frauenhelden“ …

Du hast nachher noch eine Vorstellung – stört dich da ein Interview vorher gar nicht? Kein Lampenfieber mehr?

Thomas Stipsits: Wir spielen heute die 200. Vorstellung; für das Programm könnte man mich schon in der Nacht wecken (schmunzelt). Wobei: Es ist ja jedes Publikum anders, Lampenfieber habe ich.

Und wie macht sich das bemerkbar?

Ich gehe nervös auf und ab, früher habe ich Kette geraucht.

Wie hast du aufgehört?

Schon drei Mal! Einmal mit Allen Carrs Buch „Endlich Nichtraucher“; ich werde es auch noch mit Hypnose versuchen. Ich bin „Tante-Hermi-Syndrom“-gefährdet: Die Tante Hermi ist gestorben, da kann ich eine rauchen. Ich bin in Griechenland, da kann ich eine rauchen. Man findet immer Ausreden. Jetzt sind wir aber leider damit konfrontiert, dass Opa Lungenkrebs hat. Er selbst geht damit gut um, aber wenn es die unmittelbare Familie betrifft, ist es schon noch mal etwas anderes. Es ist absurd: Würde ein Arzt sagen, wenn du heute eine rauchst, müssen wir dir den Fuß abnehmen, würde jeder Raucher sofort aufhören. Aber das Problem ist ja, dass dich eine Zigarette nicht umbringt.

HELDINNEN. Offizier Baumschlager – genial gespielt von Thomas Stipsits – kriegts nicht auf die Reihe, die Frauen entwickeln sich weiter (Meyrav Feldman, Moran Rosenblatt, Sólveig Arnarsdóttir).

© Dor Film

„Baumschlager“, eine Komödie über den Nahost-Konflikt: ein mutiges Unterfangen?

Eine Satire sollte sich herausnehmen dürfen, das Haus auf einem ernsten Fundament zu bauen. Die Idee stammt von Micha Shagrir, einem Österreicher, der vor den Nazis geflüchtet war und den israelischen Film revolutioniert hat. Er hat einige Filme über den Nahost-Konflikt gemacht, er wollte ihn einmal auf den Sockel der Lächerlichkeit heben. Geschrieben hat das Drehbuch eine seiner Musterschülerinnen: Maayan Oz. Er hat das leider nicht mehr erlebt.

Hast du je Skrupel gehabt, die Rolle zu übernehmen?

Nein! Das ist doch das Spannende am darstellerischen Beruf, dass man sich Figuren anzieht, die auch nichts mit meinem Befinden zu tun haben. In dem Fall ist es eben der Baumschlager, der es eh gut meint, aber nicht allzu weit über seinen Horizont denkt; wenn er versucht, das eine Problem zu lösen, wird das andere noch größer.

War es für dich spürbar, dass das Buch eine Frau geschrieben hat?

Absolut. Die Frauenfiguren sind wahnsinnig stark; banal formuliert: Die Trotteln sind die Männer.

 

Gibt es Parallelen zwischen Baumschlager und Stipsits?

(lacht) Er kann schwer Nein sagen, das deckt sich mit meiner Vita. Auch die Sehnsucht, es allen recht machen zu wollen. Es gibt Leute, die streiten gerne und auch gesittet. Ich nicht, weil mich das dann lang beschäftigt. Wobei ich es sehr schade finde, dass wir allmählich die Fähigkeit zu diskutieren verlieren. Plötzlich ist es so, dass Menschen ei--nan-der nicht mehr mögen, wenn sie politisch unterschiedliche Sichtweisen haben. Wir sind da schon so vergiftet – auch durch den Social-Media-Wahnsinn.

Du nutzt Facebook vorrangig für berufliche Zwecke, das Private klammert ihr aus?

Ja, wenn mir etwas Lustiges dort gelingt, kommt vielleicht mehr Pu-blikum in die Vorstellung. Aber mein Privatleben rolle ich dort nicht auf. Wen interessiert das schon?

Sehr viele, in eurem Fall.

Das stimmt schon: Als wir unseren Sohn gekriegt haben, bekamen wir so viele Interviewanfragen wie nie zuvor. Wir machen das aber nicht: Ich will doch nicht meinen Sohn vorschieben, damit ich eine Geschichte habe.

FAMILIENMENSCH. Dass er die Dinge hinterfragt und mit offenem Herzen durch die Welt geht, wünscht er sich für seinen Sohn Emil, sagt Thomas Stipsits im Interview. © Vanessa Hartmann

Hast du mit Social Media auch negative Erfahrungen gemacht?

Erst vor Kurzem, als ich vor der Wahl rein zu Unterhaltungszwecken als Prohaska fünf Videos zu den Spitzenkandidaten auf Facebook gepostet habe, hat man mir unterstellt, das Sebastian-Kurz-Video hätte die SPÖ bezahlt. Da denke ich mir: Kinder, wie weit geht’s denn noch? Da kommt dann auch so etwas wie: „Wir gehen nie wieder in deine Vorstellung, du Arschloch.“

Hat dich das getroffen?

Ja. Ich dachte mir: Wie hasszerfressen sind die Menschen? Wo kommt das her? Wir leben in einem wunderschönen Land mit einem funktionierenden Sozialsystem. Die Lösung kann nur sein: miteinander reden, nicht gleich verurteilen. 

Wie bist du aufgewachsen?

Mein Bruder und ich, wir hatten eine super Kindheit. Der Papa war Spengler, die Mama arbeitete am Gericht – sie haben uns alles ermöglicht, waren sehr wachsam für unsere Interessen. Schon mit zwölf durfte ich ins Kabarett mit und sogar als ich gesagt habe, ich studiere jetzt doch nicht, sondern werde Kabarettist, haben sie mich unterstützt.

Und umgekehrt: Wie ist das Elternsein?

Ich habe das erste Mal das Gefühl: Jetzt hat mein Handeln wirklich Konsequenzen. Vorher war das ein bisschen Rock ’n’ Roll, wir sind um die Häuser gezogen; aus dem sind wir herausgewachsen. Wir genießen jetzt oft einfach einen Abend gemeinsam daheim. Emil (3 Jahre, Anm.) relativiert auch unser Schaffen: Wir versuchen Leute zwei Stunden in unsere Welt zu entführen, in Wahrheit sind wir Unterhaltungsindustrielle. Natürlich muss ich von etwas leben und wir machen das mit großer Leidenschaft, aber man darf sich selbst nicht zu wichtig nehmen.

Was magst du Emil als Papa mitgeben?

Dass er ein selbstständig denkender Mensch wird, Dinge hinterfragt – und mit offenem Herzen durch die Welt geht.

Wie hat deine Frau (Schauspielerin Katharina Straßer, Anm.) auf den Film „Baumschlager“ reagiert?

Sie hat im Spaß gesagt: Das ist ja ein Porno! Neeein, es hat ihr schon sehr gut gefallen!

Da sind aber tatsächlich einige Sexszenen; Neuland für dich?

Ja, so viel Porno hab’ ich noch nie gemacht. Privat vielleicht (lacht). Als wir zum Casten in Israel waren, war bei der Kollegin Meyrav Feldman von Anfang an eine Grundsympathie da. Das ist wichtig; schließlich kennt man sich ja nicht und zieht sich gleich voreinander aus. Aber: Das ist das Unromantischste, Unaufregendste, das es gibt. Es stehen zehn Leute um einen herum – und dann muss es auf Knopfdruck leidenschaftlich wirken.

Dein Buch „Das Glück hat einen Vogel“ steckt voller berührender und witziger Geschichten; magst du uns sagen: Schaut’s, wie viel Glück wir haben?

Eher so: Schaut’s, wie interessant die Menschen sind. Viele dieser Geschichten habe ich erlebt, andere gehört und ein bissl dazu erfunden. Ich empfinde es so, wie es Christine Nöstlinger beschrieben hat: Das Glück ist für Augenblicke. Wenn man das akzeptieren kann, geht es einem schon besser. Mit dem Glück ist es wie mit der Karriere: Ehrgeiz ist gut, aber man darf es nicht krampfhaft wollen. Meine Laufbahn vergleiche ich mit einer Mount-Everest-Besteigung: Ich sehe mich im zweiten Basislager, vier wären es noch bis zum Gipfel. Aber dort ist die Todeszone und beim Abstieg passieren die meisten Todesfälle. Im zweiten Basislager bin ich zufrieden. Immer wieder erlebt man Leute, die urplötzlich sehr viel Erfolg haben. Aber wenn das aufhört, musst du schon eine gefestigte Persönlichkeit sein, dass du damit umgehen kannst.

Gehört da der Glaube für dich dazu?

Ich kann nicht sagen, ob das jetzt DER Gott ist. Aber ich habe den festen Glauben, dass es jemanden gibt, der es gut mit mir meint. Und wenn ich auf Tour bin, da kommt es schon vor, dass ich in eine Kirche gehe, ein Kerzerl anzünde und an meine Familie denke. Das würde ich als Gebet erachten …

 

 

Wordrap

Der schönste Moment am Tag … wenn ich aufwache und meine Frau und meinen Sohn sehe.
An diesem Film kann ich mich nicht sattsehen … Der Pate
Humor ist … wenn man trotzdem lacht. Humor darf dort weitergehen, wo andere stehenbleiben – wenn’s nicht beleidigend ist.
Tränen sind … das Öl, damit der Motor funktioniert.
Das beste Buch ist …Winter in Maine“ – Gérard Donovan
Der schönste Ort … Karpathos
Mir geht der Schmäh aus, wenn … ich ungerecht behandelt werde.
Was ich an mir mag … meine Diplomatie
Was ich nicht an mir mag … meine Diplomatie (lacht)


Thomas Stipsits

… Jahrgang 1983, wuchs in Leoben auf, die Ferien verbrachte er in Stinatz, wo sein Papa herkommt. Nach der Matura wollte er Religionspädagogik studieren, wagte aber doch sofort einen Start als Kabarettist. Aktuell ist er im Kinofilm „Baumschlager“ zu sehen, ab 2018 wieder bei „Die Vorstadtweiber“ und „Tatort“; quasi Stammgast ist er bei der ORF-Show „Was gibt es Neues?“. Er tritt sowohl mit Soloprogrammen als auch beispielsweise mit Manuel Rubey auf („Gott & Söhne“); kürzlich erschien sein erstes Buch „Das Glück hat einen Vogel“ (ueberreuter). Thomas Stipsits lebt mit seiner Frau Katharina Straßer und Sohn Emil, 3 Jahre, in Wien und im Südburgenland.

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