Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 19.06.2020

Tourismus – quo vadis?

Lust auf Urlaub? Tourismus-Experten im Talk über Reisen nach der Corona-Krise.

Bild 2006_ST_FR_Touristiker.jpg

Fotos: © Sabine Hoffmann, Jean van Luelik, Falkensteiner Hotels a Residences


Bild 1911_ST_FR_Sajben-2.jpg

Andrea Sajben
Geschäftsführerin M.A.S., Marketing-Consulting Andrea Sajben

STEIRERIN: Wie wird Corona das Reisen – zumindest kurzfristig – verändern?
Andrea Sajben: Aufgrund der derzeitigen Situation avanciert der Urlaub in Österreich zum beliebten Haupturlaubsziel. Sehnsuchtsorte sind dabei vor allem die unberührte Natur, Berge, Almen und Wälder sowie Seen als Alternative zur Auszeit am Meer. Der Wunsch nach Freiraum und individuellen Gestaltungsmöglichkeiten und die eigene Erholungsqualität werden immer wichtiger. Luxus bekommt gerade jetzt eine neue Bedeutung und wird als wertvolle Zeit mit der Familie sowie qualitative Me-Time definiert.

Wie können Hotels nun am besten auf die geänderten Umstände reagieren?
Wichtig ist nun, dass die Hoteliers schnell auf die neue Situation reagieren und sich in die Bedürfnisse und Wünsche ihrer Gäste hineinversetzen. Hierzu zählen einerseits natürlich infrastrukturelle Maßnahmen, andererseits aber auch die Evaluierung und Adaptierungen des Angebotes. Trends wie Gesundheitsorientierung, Nachhaltigkeit und Regionalität steigen weiter an. Die Gäste wünschen sich mehr denn je Individualität und persönlichen Freiraum, aber auch ein herzliches Ambiente und hohe Servicequalität. Dementsprechend ist es essenziell, dem Gast neue Möglichkeiten zu bieten. Wir haben mit unseren Kunden viele neue Signature-Maßnahmen erarbeitet, die den Nerv der Zeit treffen und Urlaub zum Erlebnis machen: von Yoga in der freien Natur über Selfcare-Aktivitäten bis hin zu trendigen Kulinarikkonzepten.

Wo liegen die größten Herausforderungen für die Hotelbranche?
Die Hoteliers haben nun die Aufgabe, ein Gleichgewicht zwischen Sicherheits- und Urlaubsgefühl zu schaffen. Grundlage dafür ist, dass sämtliche Standards konsequent umgesetzt werden und die Gäste unbeschwert anreisen können. Auf der anderen Seite dürfen diese Maßnahmen nicht als Einschränkungen empfunden werden, sondern das Urlaubserlebnis im besten Fall erweitern. Hierzu braucht es kreative Ansätze und Trendgespür.  
Ich sehe es als eine große Chance für die österreichische Hotellerie, zu zeigen, wie urlaubswert das eigene Land ist.


Bild 2006_ST_FR_Touristiker#1.jpg

Philip Borckenstein-Quirini
Geschäftsführer Thermalquelle Loipersdorf & Hotel Sonnreich

STEIRERIN: Wie groß war die Freude über die Wiedereröffnung – wenn auch die Umstände natürlich erschwerend sind?
Philip Borckenstein-Quirini: Die Freude war extrem groß. Wir wollen als Touristiker ja für unsere Gäste da sein, und das war uns die letzten Wochen nicht möglich. Jetzt können wir unseren Beruf endlich wieder ausleben und unsere Gäste glücklich machen. Die Herausforderung wird sicher sein, wie die Gäste auf die Situation reagieren werden. Wir bemerken bei den Buchungen im Hotel noch einen verhaltenen Start, sind aber davon überzeugt, dass sich das im Juli und August deutlich steigern wird.

Wie sehr könnten die geforderten Sicherheitsmaßnahmen die Gäste in ihrem Wohlfühlwunsch einschränken?
Kaum. Ich glaube, für den Gast wird das gewohnte Urlaubsfeeling möglich sein, da die neuen Regeln für die Gäste relativ unkompliziert sind. Auch der Mund-Nasen-Schutz ist zum Beispiel nur beim Betreten und Verlassen der Therme aufzusetzen. Da geht es eher um die Umsetzung im Background, die mit Aufwand für die Hoteliers und Freizeitanlagen­betreiber verbunden ist.
Alleine bei der Abstandsregelung in den Saunen könnten die Einschränkungen für den Gast spürbar sein, da kämpfen wir aber um eine Optimierung. Das Saunieren ist zum Glück für den Sommer nicht das Hauptthema, aber spätestens im Herbst wird das für viele Gäste wieder essenziell.

Einige Hotels haben beschlossen, aufgrund der Buchungslage erst Ende Juni oder im Juli zu öffnen. Wäre das für Sie eine Option gewesen?
Aus dem Bauch heraus entschieden hätte man sicher sagen können, dass es wirtschaftlich nicht rentabel ist, jetzt schon zu eröffnen. Aber man darf nicht vergessen, dass wir auch eine Verantwortung für die lokale Wirtschaft haben – da hängt vom Milchbauern bis zum Mode-Geschäft so viel mehr an einer Eröffnung. Da darf man nicht einfach nur die Rosinen für sich herauspicken. Es braucht schlichtweg Mut und gesunden Optimismus, dann wird der Neustart sicher funktionieren.


Bild 2006_W_ErichFalken.jpg

Erich Falkensteiner
Unternehmensgruppe FMTG

STEIRERIN: Wie wird Corona das Reisen verändern?
Erich Falkensteiner: Urlaub wird eine andere Wertigkeit erhalten und wieder ein kleiner „Luxus“ werden. All-inclusive-Pauschalurlaube in riesigen Bettenburgen am Mittelmeer wird es meiner Meinung nach so schnell nicht mehr geben. Die Menschen werden sich auf Urlaub im eigenen Land konzen­trieren und hier die Möglichkeiten ausschöpfen. Für die Hotellerie bedeutet das: In der Krise besteht derjenige, der flexibel ist und sich am schnellsten an die neue Situation anpasst.

Hotel-Buffets wird es wohl in naher Zukunft nicht mehr geben?
Das Buffet als solches wird nicht verschwinden, es wird nur überdacht werden müssen.  Wir haben es nun so geregelt, dass die Speisen am Buffet durch Plexiglaswände geschützt werden, der Gast sucht sich seine Speisen aus und erhält diese vom Personal angereicht.  Auch verstärktes Front-Cooking wird ein Thema werden. Zusätzlich ist es möglich, Speisen vorab zu portionieren und so dem Gast anzubieten.

Wie schätzen Sie die allgemeine Reise­lust der Gesellschaft ein?
Die Lust und Vorfreude ist ganz klar da. Die Leute wollen wieder raus, etwas anderes sehen und erleben. Das sehen wir auch deutlich anhand unserer Buchungslage.

Welche Hotelbetriebe sind im Vorteil?
Klar im Vorteil – im Vergleich zur Städtehotellerie – ist die Ferienhotellerie. Hier spielen der Outdoor-Faktor, die Region und die Möglichkeit, sich auch gerade mit Kindern ganz anders zu bewegen, eine zentrale Rolle. Und natürlich haben wir in der Ferienhotellerie, wie wir sie bei Falkensteiner seit 2019 fast ausschließlich betreiben, den Vorteil, dass die ÖsterreicherInnen nun einfach auf Urlaub im eigenen Land ausweichen können.

Werden Reiseziele in Österreich mehr in den Fokus rücken?
Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass die Menschen ihren nächsten Urlaub entweder in ihrem eigenen Land oder einem angrenzenden Nachbarland verbringen werden. Das Erkunden der eigenen Heimat, „seiner Wurzeln“, wird eine völlig neue Bedeutung bekommen. Wir spüren trotz Corona das Interesse und die Vorfreude auf Urlaub. Die Menschen haben jetzt Zeit und auch Lust, sich darüber Gedanken zu machen, was sie in ihrem Urlaub „danach“ erleben wollen. Und definitiv ist das subjektive Sicherheitsgefühl daheim momentan wesentlich höher als bei Reisen ins Ausland.