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Lifestyle | 13.01.2020

Handel im Wandel

Die derzeitige globale Phase des Umbruchs spüren auch die heimischen Kaufleute – wie sie sich dafür rüsten, verrieten sie bei einer spannenden Round-Table-Diskussion.

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Round-Table unter dem Grazer Uhrturm mit Gerhard Kobinger, Roland Fink, Martin Wäg, Alexandra Reischl und Christoph Holzer (v. l.). © Thomas Luef

Onlineshop, stationäres Geschäft oder auf der Homepage aussuchen und dann vor Ort abholen? Am liebsten all das, und noch mehr! Die hohen Ansprüche der Kunden verlangen dem heimischen Handel derzeit einiges an Flexibilität ab. Wie man darauf reagiert, wo sich Stolperfallen, aber auch Chancen auftun und was die Zukunft bringen könnte, darüber sprachen wir mit Roland Fink (Geschäftsführer von niceshops), Christoph Holzer (Spar-Steiermark-Geschäftsführer), Gerhard Kobinger (Präsident der steirischen Apothekerkammer) sowie Kast­ner&Öhler-AG-Vorstand Martin Wäg.


© Thomas Luef

„Die Kunden haben hohe Ansprüche – die müssen wir erfüllen.“

Gerhard Kobinger, Apothekerkammer Steiermark

 

 

 

STEIRERIN: Nachhaltigkeit ist derzeit eines der aktuellesten Themen – aber beeinflussen Greta & Co auch tatsächlich die Kaufentscheidungen der Menschen?
Christoph Holzer: In unserem Bereich, dem Lebensmittelhandel, reflektieren die Kunden stark darauf. Vor allem Plastikverpackungen sind derzeit in der Kritik – wobei man dazusagen muss, dass die Betrachtung dieses Themas teilweise sehr kurzsichtig ausfällt. Das Plastiksackerlverbot sorgt zum Beispiel dafür, dass derzeit verstärkt Papiersäcke zum Einsatz kommen; bei einmaliger Nutzung sind diese aber keineswegs umweltfreundlicher!
Roland Fink: Tatsache ist, dass sich das Thema Nachhaltigkeit für uns Unternehmer wesentlich komplexer darstellt als für den Kunden. Ich sehe unsere Aufgabe darin, aufzuklären, aber auch darin, die richtigen Alternativen anzubieten. Unser Unternehmen hat zum Beispiel einen CO2-Ausstoß von 600 Tonnen pro Jahr, die wir aber kompensieren – das heißt, wir sind klimaneutral. Verpackungsfreie Lieferung und Retouren, all diese Themen interessieren die Kunden im Moment sehr.
Gerhard Kobinger: Für mich stellt sich schon die Frage, wie klimaschonend Lieferungen sein können.
Holzer: Ich denke, man muss zwischen regionalen und internationalen Onlineshops wie Amazon oder Zalando unterscheiden. Wenn man die Retouren und die Retouren-Vernichtung im globalen Onlinehandel betrachtet, dann ist das sicher nicht CO2-neutral.
Martin Wäg: Es ist schwer einzuschätzen, was vorteilhafter für die Umwelt ist: Ob jetzt zehn Menschen in ein Geschäft fahren oder zwei Lieferdienste zehn Adressen beliefern. Darin zeigt sich aber ganz gut die momentane Situation: Es herrscht ein hohes Bewusstsein, aber das Thema ist hochkomplex und es gibt auch viel Polemik. Faktum ist: Wir werden etwas ändern müssen, und jeder wird einen Beitrag leisten müssen – Firmen ebenso wie Konsumenten.

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Im Talk. © Thomas Luef

Hat das kleine Europa überhaupt eine Chance, tatsächlich etwas zu verändern?
Wäg: Wir werden als kleiner Kontinent wohl nicht die Welt retten können, aber es wird uns gut anstehen, unsere gesamte Innovationskraft in dieses Vorhaben zu stecken.
Fink: Das sehe ich auch so – man darf nicht den Kopf in den Sand stecken und denken, als Einzelner könnte man ohnehin nichts bewirken – sonst macht nämlich gar niemand etwas.
Holzer: Eines muss uns in Europa klar sein: Es ist schon unser Konsum, der zu den Arbeitsbedingungen in Indien oder anderen Schwellenländern und natürlich auch zu Verlagerungen von CO2-Emissionen führt.
Kobinger: Indien, China und Pakistan sind die Hotspots in der Arzneimittelproduktion – da kommt es auch immer wieder zu Rückholaktionen, weil die Medikamente Verunreinigungen aufweisen. Allerdings sind die Produktionskosten in Europa so hoch, dass die Firmen, die ja auch von öffentlichen Gesundheitsinstitutionen einen hohen Druck haben, niedrige Preise zu bieten, dieses Schlupfloch nutzen.
Holzer: Oft bin ich mir nicht sicher, ob die hohen Produktionstückkosten nicht nur ein vorgeschobenes Schlagwort sind. Mit zunehmender Digitalisierung und hochautomatisierten Fertigungsprozessen gehen ja viele Firmen davon aus, dass sie die Produktion wieder zurück nach Europa holen werden. Wichtig wäre in dem Zusammenhang eine gestärkte EU, die als Einheit auftreten kann. Derzeit stehen oft die nationalen Interessen im Vordergrund, und damit haben wir einen Wettbewerbsnachteil gegenüber Asien oder China.

Welche Strategien verfolgen Sie mit Ihren jeweiligen Unternehmen, um in den heiß umkämpften Märkten zu bestehen?
Fink: Es ist nun einmal so, dass sich die Welt ändert. Wir verkaufen unsere Produkte mittlerweile europaweit – und da gibt es Segmente, wo wir durchaus stärker sind als der Marktführer; zum Beispiel beim Versand von Naturkosmetik oder bei 3D-Druckern. Das liegt an der Tiefe des Sortiments – wir erreichen bei diesen Produkten eine hohe Spezialisierung und bieten viel Service. Damit hat man auch gegen die ganz Großen Chancen.


© Thomas Luef

„Vertrauen und Beratung sind das A und O im
stationären Handel.“

Martin Wäg, Kastner & Öhler

 

 

Wie wichtig ist den Konsumenten die Herkunft der Produkte?
Fink: Wir haben vor zwei Jahren eine Befragung in den verschiedenen Ländern gemacht. Das Ergebnis: Die Leute haben erklärt, sie würden eher Produkte aus ihrem Heimatland kaufen, weil diese die besten wären. Die echte Kaufentscheidung fällt dann aber oft anders aus. Dann zählen Produktqualität und Preis.
Holzer: In Befragungen sind die Konsumenten oft sehr nachhaltig und regional, am Regal sieht die Entscheidung dann aber ganz anders aus.
Kobinger: Für mich ist die Frage, wie sehr sich die Bevölkerung wirklich damit auseinandersetzt, was ihre Kaufentscheidung bedeutet. Das geht vom ökologischen Fußabdruck bis hin zu heimischen Arbeitsplätzen, die verloren gehen.

Online oder stationär oder beides nebeneinander – wohin geht die Reise?
Wäg: Service und Beratung sind gerade in unserem Bereich wichtige Aspekte. Und man darf ja nicht vergessen: Der Mensch ist ein soziales Wesen, das Einkaufengehen ist ein haptisches, sinnli­ches zwischenmenschliches Erlebnis. Zugleich hat aber auch der Onlinehandel in manchen Aspekten Stärken, die man stationär nicht erreichen kann: große Auswahl, rund um die Uhr geöffnet …
Kobinger: Bequemlichkeit und Preis sind oft die Argumente, um online einzukaufen. Im Gesundheitsbereich spielt aber auch die Beratung eine große Rolle. Man kann sich seine Kopfwehtabletten natürlich auch schicken lassen – aber die Aufklärung über Wechselwirkungen, Dosierung oder Ähnliches hat der Onlinehandel nun einmal nicht im Angebot. Auch Datenschutz ist in meinem Bereich sehr wichtig. Aber ich bin mir sicher: Stationäre Apotheken wird es immer geben.
Holzer: Im Foodbereich bewegt sich der Onlinehandel derzeit bei zirka einem Prozent – und es macht damit auch fast niemand Gewinne. In anderen Ländern sieht das schon ganz anders aus. Das liegt an der österreichischen Topografie, aber auch an der hohen Dichte an Lebensmittelhändlern. Spannend in unserem Bereich wird auch die Abwicklung der sogenannten „Last Mile“. Das muss sich an die Lebensrealität der Kunden anpassen. Vielleicht ist das eine Abholbox, wo der Kunde unabhängig von Öffnungs- und Lieferzeiten den für ihn fertig zusammengestellten Einkauf abholen kann. Aber: Gerade die junge Generation will sich bestimmte Dinge liefern lassen. Das hat auch die Industrie erkannt, die den Zwischenhändler so ausschaltet: Pampers beispielsweise liefert mittlerweile in einem Abosystem die passende Windel. Fazit: Es wird aus meiner Sicht in Zukunft alles parallel existieren.
Fink: Das Einkaufserlebnis wie bei Kastner & Öhler wird man künftig auch mit Virtual Reality nicht nachbauen können. Andererseits gibt es aber auch viele Segmente, die einfach kein Erlebnis bieten – wie zum Beispiel der wöchentliche Klopapierkauf. Da muss man darüber nachdenken, was der Kunde will, und ihm das bieten. Beispiel: „Flaschenpost“ ist ein deutsches Start-up, das in Städten innerhalb von zwei Stunden die gewünschten Getränke liefert und Leergut abholt. Innerhalb von einem Jahr konnten die einen Marktanteil von 40 Prozent erreichen! Die Frage für mich ist mittlerweile nicht mehr „Online oder stationär?“, das Match heißt in Zukunft „Industrie gegen Handel“. Manche Sortimente bekommen wir gar nicht mehr in den Handel, weil die Industrie die Kunden direkt beliefert.


© Thomas Luef

„Alles ändert sich so rasant – Business-Pläne machen wir nur mehr für die Bank.“

Roland Fink, niceshops

 

 

Wie wird sich der Markt in ihren verschiedenen Bereichen entwickeln?
Holzer: Ich glaube, wir werden in Österreich auch in zehn Jahren maximal einen Online-Anteil von drei Prozent im Foodbereich haben. Unter der Woche lässt man sich den täglichen Einkauf liefern, am Freitag oder Samstag will man Einkaufen, und das mit allen Sinnen genießen. Ich sehe die Chance in einer Kombination aus online und stationär. Ein Gegeneinander wird nicht funktionieren.
Fink: Wir leben in einer hochspannenden Zeit. Derzeit verändert sich die Welt so schnell wie nie zuvor – es ist für uns einfach nicht vorstellbar, was da in Zukunft kommt und was sich durchsetzen wird. Themen wie künstliche Intelligenz oder Autonomes Fahren werden die Branchen stark verändern, aber wie genau, das kann derzeit niemand sagen. Businesspläne, die wir heute schreiben, sind hauptsächlich für die Banken, nicht für uns selbst – wir sind froh, wenn wir die nächsten sechs Monate planen können.
Kobinger: Uns fehlen leider auch aktuell valide Zahlen – was in Österreich an Arnzeimitteln online bestellt wird, kommt großteils aus dem Ausland, wie Holland, Tschechien oder Deutschland. Wir schätzen, dass der Onlinehandel mit Medikamenten zirka zehn Prozent vom Gesamtumsatz der frei verkäuflichen Arzneimitteln ausmacht, und dass dieser Anteil sicher noch steigen wird. Jobs werden sich verlagern, aber ein reiner Onlinehandel ist in meinem Bereich eigentlich nicht vorstellbar. Apotheken wird es wohl immer geben – denn wenn man mitten in der Nacht Zahnschmerzen bekommt oder das Kind fiebert, hilft keine Versandapotheke. Aber Faktum ist: Wir müssen uns alle anstrengen, die Kunden haben nun einmal Ansprüche, auf die wir eingehen müssen.
Wäg: In unseren Segmenten rechnen wir damit, dass der Online-Anteil auf mehr als 30 Prozent steigen wird. Derzeit liegt er bei uns bei fünf Prozent. Sehr gut genutzt wird unser „Klick & Collect“-­Angebot. Das zeigt: Die Kunden wollen gustieren und sich vorinformieren – und dann ins Geschäft zu gehen und das gewählte Stück abholen. Denn eines ist schon klar: Online ist nur so lange praktisch, bis man es retourschicken muss – das erspart man sich bei „Klick & Collect“. Es wird wohl immer mehr Nebeneinander geben. Ich glaube aber nicht, dass einige wenige Shops den Markt komplett beherrschen werden – der Mensch wünscht sich Wahlmöglichkeiten, Spezialisierungen. Und die Marke des Unternehmens spielt eine große Rolle. Wenn dieses Unternehmen angreifbar ist, dann vertraut man ihm; das ist den Konsumenten sehr wichtig.
Kobinger: Interessant, dass „Klick & Collect“ bei Ihnen funktioniert – wir haben so ein System unter dem Namen „ApoDirekt“ vor fünf Jahren ausprobiert, das hat leider überhaupt nicht funktioniert. Offenbar waren wir zu früh dran.


© Thomas Luef

„Online gegen stationär funktioniert nicht. Es braucht ein Miteinander.“

Christoph Holzer, Spar Steiermark