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Lifestyle | 21.11.2019

Let’s talk about Sex

Heiße Fragen rund um die schönste Nebensache der Welt: Die Antworten kommen von unserer Sexpertin Monika Wogrolly.

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© Shutterstock

Stichwort Polyamorie – kann man wirklich mehrere Menschen lieben?

Polyamorie ist ein auf mehrere Partner abstellendes Konzept der Liebe. Es kann eine Lebens- und Liebesform sein. Es ist grundsätzlich möglich, daran zu wachsen, denn eine polyamore Beziehungskultur kann sich nur aus Vertrauen und einem stabilen Selbstwertgefühl nähren. Polyamore Menschen betrachten die normative Liebe zu nur einer Person als widernatürlich, ja einschränkend. Ein Nachteil kann sein, dass dem Liebenden irgendwann die Energie knapp wird, sich zeitlich und emotional auf mehrere Personen zu splitten. Auch kann manchmal – muss aber nicht immer – Bindungsangst dahinter stecken.

Dreier – kann das gut gehen, und wenn ja, wie?

Eine der häufigsten Sexfantasien ist zweifellos der sogenannte „flotte Dreier“. Die Dreier-Beziehung kann in der Realität der wohl paradoxeste Ausgleichsregulator für Paarbeziehungen sein. Und das kann die Folge einer Dreieck-Beziehung sein: Ewig monogame oder asexuelle Paare schwingen sich zu neuen sexuellen Höhenflügen auf, sobald eine dritte Person ins Spiel kommt. Die Libido als sexuelle Energie schießt über, wenn „etwas Drittes“ im buchstäblichen Sinne auszustechen ist. Gelingen kann der Dreier, wenn vorher offen über Fantasien, Vorlieben und Wünsche miteinander gesprochen wird.

Verbessern Sextoys das Liebesleben?

In meiner sexualtherapeutischen Praxis rege ich manchmal die Beschäftigung mit Sexspielzeug  an, um die sexuelle Lust gleichsam wieder durch ein Hintertürchen zu entfachen. Das Sextoy an sich spielt dabei keine Hauptrolle. Es geht um einen spielerischen Umgang, der ruhig auch spontan, experimentell und humorvoll sein kann: So kommt womöglich wieder mehr Vielfalt und Leichtigkeit ins Sexleben, und Hemmschwellen können kreativ abgebaut werden. Wichtig ist, dass es nicht zum zwanghaften Einsatz kommt und beide dem gegenüber positiv eingestellt sind.

Ich will, er hat wieder mal keine Lust – was tun?

Ganz wichtig: Ihn nicht bedrängen und nicht nach dem „Alles oder nichts“- Prinzip den eigenen Selbstwert und die erotische Wirkung an seiner Libido messen. Sich langfristig in ihn einfühlen, erspüren, was ihm eine positive Initialzündung gibt. Statt an seinem Geschlechtsteil verzweifelt zu rubbeln und krampfhafte  Striptease-Acts hinzulegen, die am Ende buchstäblich in die Hose gehen, lieber unaufgeregt mit ihm reden und dann subtil mit Dirty Talk erst einmal verbalerotisch Signale setzen. Ihn in einer Alltagssituation erstaunen – aber, ganz wichtig, ohne Versagensängste oder Leistungsdruck. Es muss ja nicht an MIR liegen, vielleicht ist ER einfach nur müde! Dann trotzdem – ohne Frust – seine Nähe suchen, denn morgen ist auch noch ein Tag.

Was passiert bei einer langen „Durststrecke“ – kann man Sex verlernen oder seine Sexualität verlieren?

Sex verlernt man nicht, man entwöhnt sich. Sexuelle Durststrecken in der Partnerschaft können mit der Macht der Gewohnheit, aber auch mit zu viel Erwartungsdruck oder Bindungsangst zusammenhängen, sich langsam einschleichen und dann zum normalen Beziehungsmodus entwickeln. Es gibt Paare, die nach langer Durststrecke ihre Sexualität ganz und gar nicht verloren haben, sondern explosiv ausagieren – und die von Pärchentausch über Swingerclubs bis zu SM-Praktiken und Bondage alles mutmaßlich Versäumte heißhungrig nachholen. Andere Paare haben Sex zwar nicht verlernt, aber noch nie erlebt, zumindest nicht mit dem Partner. Immer mehr junge Paare bekennen sich offen dazu, vollkommen asexuell zu leben und zu lieben. Und heiraten nichtsdestotrotz.

Wollen Männer anders Sex als Frauen?

Ja und nein. Auch Frauen haben ihre geheimen Lieblingsfantasien und Stellungen. Sozialisations- und erziehungsbedingt schweigt eine Frau darüber aber tendenziell häufiger als ein Mann. SIE hält die wahre Begierde oft sogar vor sich selbst geheim, weil das dem emanzipierten starken Alltags-Ich zu sehr widerstrebt. So berichtete eine 30-Jährige in ihrer Paartherapie, am meisten Lust zu empfinden, wenn sie sich vorstellte, von ihrem „vom Training verschwitzten Mann“ von hinten genommen zu werden. Nachdem ihr das peinlich war, hatte sie mit ihrem Ehemann Blümchensex in der Missionarsstellung und die heiße Nummer spielte sich im Kopfkino der Frau, nicht in Wirklichkeit ab. Hier war sie gut beraten, diese Fantasie mit ihrem Mann zu teilen, anstatt auf die Ekstase zu verzichten.

Wie hat sich die Sexualität in den letzten 30 Jahren verändert?

Mit einem Begriff von Sigmund Freud leben wir heute in einer Gesellschaft mit der wachsenden Fähigkeit zur Sublimierung: Das macht möglich, sexuelle Energie in leidenschaftlichen Elan für die berufliche Selbstverwirklichung zu verwandeln. Wie in der Gesellschaft überhaupt, ist auch für Jugendliche die ursprüngliche Bedeutung der Sexualität zurückgegangen. Sie ist durch das Internet nun längst kein Mysterium mehr. Viele junge Menschen binden sich heute durch den Rückgang christlich-abendländischer Werte sexuell jedoch noch stärker an traditionelle Liebesbeziehungen in einer festen Partnerschaft mit Werten wie Beständigkeit und Treue als in vorigen Generationen. Durch die Kultur der Singles ist Sex zu haben kein Gütesiegel mehr und auch Asexualität sozial akzeptiert.

Wie sage ich, was ich mir wünsche?

Wenn es schwerfällt, den Wunsch auszusprechen, ist eine Möglichkeit, den Partner auf eine heiße Spur zu führen oder ihm auch anders die geheimsten Wünsche nonverbal und taktil zu vermitteln. Wichtig: sich selbst dabei ernst zu nehmen, sich nicht zu belächeln oder den erotischen Wunsch­traum zu bagatellisieren. Jede Fantasie und jeden Wunsch dagegen als Bereicherung betrachten und dem Partner wie etwas Kostbares anvertrauen: Denn es gibt nichts Wertvolleres in der Liebe, als sich dem Geliebten vollkommen anzuvertrauen und ihn in die intimsten Winkel der Seele zu entführen.

Fühlt sich der Orgasmus für Männer anders an?

Wissenschaftlichen Studien zufolge ist die Qualität des Orgasmus nicht vom Geschlecht abhängig, sondern vielmehr von psychologischen und situativen Faktoren. Wichtig ist ausgiebiges Küssen und Kuscheln, dabei wird das Bindungshormon Oxytocin produziert, das auch das Orgasmuserlebnis intensiviert. Während der sexuellen Erregung sind die Gehirnaktivitäten bei Männer und Frauen durchaus unterschiedlich. Das Orgasmus-Erlebnis wird aber von Männer und Frauen sehr ähnlich beschrieben, und während des sexuellen Höhepunktes sind die neuronalen Aktivitäten auch nahezu gleich. Anschließend setzt bei Männern und Frauen häufig gleichermaßen Müdigkeit ein.

Monika Wogrolly…

 

…ist ­Philosophin, Psychotherapeutin, Paartherapeutin und Sexualtherapeutin. Was sie in ihrem Berufsalltag in Klinik und Praxis erfährt, ist Basis ihrer Beratungen, Coachings und Therapien. Zuletzt erschien ihr Buch „Die Beziehungsformel. Endlich glücklich lieben“ (Verlag Ueberreuter ­Sachbuch).

 

 

Fotos: Arman Rastegar, Shutterstock