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Lifestyle | 14.10.2019

Hoch gepokert

Frauen bekommen über 40 Prozent weniger Pension, als Männer zur Verfügung haben. Sie verdienen pro Jahr rund 10.200 Euro weniger als Männer. Das ist jedes Jahr ein gebrauchtes Auto. Ist das gerecht?

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Auch wenn wir Frauen es nicht gern hören: Viele von uns sind finanziell unterversorgt. Fakt ist: Ab 15. Oktober arbeiten Frauen in der Steiermark gratis, das sind ganze 78 Tage. Im Schnitt verdienen Frauen in Österreich derzeit 10.278 Euro weniger im Jahr als Männer. Die Gründe: Sie arbeiten in schlechter bezahlten Berufen, haben geringere Aufstiegschancen, werden schlechter eingestuft oder arbeiten zugunsten der Familie Teilzeit, was sich nicht nur auf dem Gehalts-, sondern auch auf dem Pensionskonto niederschlägt. Wir sprachen mit Landesrätin Ursula Lackner, der Landtagsabgeordneten Helga Ahrer und Martina Grötschnig, die Frauen zum Thema Führung und Self Care coacht. 

STEIRERIN: Eine Freundin meiner Eltern arbeitete zeitlebens Teilzeit, ihr Mann verdiente gut. Allerdings wurde er mit 50 krank und starb zehn Jahre später, die Witwe blieb mit einer geringen Rente über. Und das, obwohl die Familie dem Mittelstand angehörte. Ist das ein trauriger Ausnahmefall oder die Regel?

Lackner: Das ist kein Klischee, sondern jeden Tag Realität. Egal ob biologisch oder von der Gesellschaft gesteuert: Viele Frauen fallen immer wieder in alte Rollen zurück. Da heißt es Bewusstsein schaffen und erkennen lernen, in welcher Rolle man sich gerade befindet. Dieses Thema hat auch viel mit Bildung zu tun und mit der Frage, inwieweit Frauen unterstützt wurden, Bildungsabschlüsse zu erreichen, oder wie es in der Familie vorgelebt wurde.

Kümmern sich Frauen zu wenig um ihre Finanzen?

Lackner (zeigt ein Buch mit dem Titel „Der Weg zur finanziellen Freiheit“ her): Wer von Ihnen hat dieses Buch daheim? (Alle verneinen.) Darin geht es um Themen, die Männer beschäftigen: Status quo der eigenen Finanzen, was will man mit seinem Geld erreichen und so weiter, und das mit einem Titelfoto, das Frauen garantiert nicht anspricht. Doch leider entspricht das den empirischen Ergebnissen, wonach sich nur wenige Frauen für finanzielle Belange interessieren, auch nicht für die eigenen. 

Warum haben Frauen in jungen Jahren das Pensionsthema nicht präsent?

Alle: Das interessiert in diesem Alter noch nicht.
Lackner: Ich habe mit 28 mein erstes Geld verdient. Da will man leben, arbeiten, sich selbst verwirklichen.
Grötschnig: Das Aufwachen kommt, wenn das erste Kind da ist. Davor haben Männer und Frauen nahezu die gleichen Chancen. Ist ein Kind da, stellt sich die Frage: Wer bleibt daheim? Das ist der Anfang und da reden wir noch lange nicht von Altersarmut. 

 

 

 

Die Gesprächsteilnehmer
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Landesrätin Ursula Lackner

hält es für wichtig, Frauen frühzeitig darauf aufmerksam zu machen, dass sie nach 30 Jahren Teilzeitarbeit Probleme haben könnten.

© Thomas Luef

 

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Martina Grötschnig (Coach)

weiß aus ihrer Praxis, dass Finanzen für viele Frauen ein sehr untergeordnetes Thema ist. Doch für ein gutes Leben gehört dazu, sich damit auseinanderzusetzen.

© Thomas Luef

 

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LAbg. Helga Ahrer

ist bei der ÖBB und weiß, was es heißt, in einer Männerdomäne zu arbeiten. Das würde sie anderen Frauen auch wünschen. Allein des Verdienstes wegen.

© Thomas Luef

In der Regel bleibt die Frau bei den Kindern und verzichtet so auf eigenes Geld. Welche Möglichkeiten gibt es, sich abzusichern? Pensionssplitting?

Lackner: Das hat leider bei uns noch keine Tradition, nur etwa zwei Prozent der Bevölkerung nehmen das in Anspruch. In der Schweiz ist das schon super geregelt, sogar gesetzlich. Sobald man heiratet, wird automatisch ein Teil der Pension vom Konto des Mannes auf das der Frau gutgeschrieben. Bei uns ist man immer noch Bittstellerin, wenn man solche Maßnahmen fordert. 
Ahrer: Ich finde, wir müssen bei den Rollenbildern ansetzen. Was bei uns läuft, würde im nordischen Raum nicht gehen. Dort geht man nach dem Mutterschutz gleich wieder arbeiten, und das, ohne wie bei uns als Rabenmutter bezeichnet zu werden. Wir dürfen nicht vergessen, dass bei uns viele Frauen in Partnerschaften arbeiten müssen, weil das Geld nicht reicht. Das Leben – und auch die Elternschaft – ist nicht immer planbar. Als Frauen-Landesvorsitzende der ÖGB erfahre ich immer wieder, was es bedeutet, wenn Frauen in einer Notsituation landen, weil der Partner weggefallen ist. Erst dann wird nachgedacht. Leider ist es bei uns nach wie vor so, dass die Frau die Dazuverdienerrolle spielt.

Die Tradition ist die eine Sache, es ist aber auch eine andere Sache problematisch: Warum reden wir von Mutter-Kind-Pass? Warum ist so vieles rund um die Betreuungsarbeit Frauensache?

Lackner: Erst einmal möchte ich festhalten, dass die Männer ihre Vaterrolle bereits gut ausleben, sie nehmen am Schwangerschaftsturnen teil, sind bei der Geburt dabei. Und ja, es sollte Eltern-Kind-Pass heißen. Auch wenn sich durch solche Umbezeichnungen die Gesellschaft nicht verändert, ist es ein Anfang, Dinge größer zu denken, sobald Männer und Frauen gleichermaßen berücksichtigt sind. Damit können auch Männer Rollen einnehmen, die sonst automatisch Frauen umgehängt werden.
Grötschnig: Bilder schaffen Wirklichkeit. Das beginnt in der Bilderbuchlandschaft, in Schulbüchern, wo noch immer traditionelle Rollen der Frauen abgebildet sind. Und es wird oft zum Problem, wenn in Youtube--Videos, Blogs Bilder transportiert werden, die in eine klare Richtung gehen: schön sein. Frauen werden nach wie vor als Zielgruppe der Mode- und Beautyindustrie angesprochen. Die Themen Selbstverwirklichung und Geld verdienen und was damit verbunden ist, was es letztlich dazu braucht, wird nicht vermittelt.
Ahrer: Dieses stereotype Denken ist auf dem Land tägliche Praxis, wo viele Frauen aus ihren traditionellen Rollen gar nicht herauskommen. In meiner Region gibt es noch immer keine Ganztageskindergärten für Kinder ab dem ersten Lebensjahr. Für mich beginnt die Rolle der Mutter, des Vaters ja schon vor der Geburt des Kindes. Wir müssen Frauen bildhafter beibringen, was es heißt, nicht arbeiten zu gehen. Wir müssen ihnen sagen, dass sie sich mit den 10.278 Euro, die sie pro Jahr weniger als Männer verdienen, ein Auto kaufen könnten. Da müssen wir Frauen in ihrem Selbstbewusstsein stärken. Frauen wissen oft nicht, was sie können, Mädchen noch weniger. Aber wenn ich einem jungen Lehrmädchen sage, sie soll an die Pension denken, wird sie mich auslachen.
Ahrer: Wenn ich bei uns durch die Lehrwerkstatt gehe, gratuliere ich jedem Mädchen, dass es sich einen technischen Beruf ausgesucht hat. Frauen trauen sich zu wenig zu. Ich bin ja auch Mediatorin und mache Selbstbewusstseinstrainings. Wenn es um Bewerbungen geht, fällt immer eines auf: Ein Mann checkt bei einer Stellenausschreibung als Erstes das angebotene Gehalt und eine Frau schaut, was vom angeforderten Profil sie nicht kann. In meinen Trainings lasse ich die Frauen ihren Tagesverlauf notieren, vom Aufstehen, Jausenrichten, Kinderbringen bis zum Schlafengehen. Sie stellen dann selbst fest, dass sie sehr wohl Managementtalent besitzen, Team- und Krisenmanagementfähigkeiten. Viele Frauen sind erstaunt, was sie täglich leisten.
Grötschnig: Ich begleite Frauen, unter anderem solche, die vor einer Führungsposition stehen, sich aber nicht drübertrauen. Es geht um eigene Bilder und Werte, die oftmals mit dem Glaubenssatz verbunden sind, dass erst dann etwas wert ist, wenn es hart und schwer erreicht wurde. Das Thema Finanzen gehört dabei dazu, das kommt oft sogar zum Schluss. Doch auch wenn man sich nicht gern darum kümmert, Geld  ist eine wichtige Basis zum Verwirklichen der eigenen Vorstellungen. Es ist ein erster Schritt, herauszufinden, was ich will und was nicht passt. Damit geht man ganz anders in Bewerbungsgespräche oder Gehaltsverhandlungen. Letztlich transportiere ich dieses Verhalten und Herangehen auch in die nächste Generation.

 

 

Untersuchungen zeigen,
dass sich Frauen kaum für
finanzielle Belange interessieren.

– Ursula Lackner, Landesrätin

Wäre Finanzbildung nicht ein Fach für die Schulen, wie es die Finanzdienstleister immer wieder anregen?

Lackner: Ja, junge Menschen müssen wissen, was es bedeutet, wenn sie ihr erstes Geld bekommen. Wir haben über die Schuldnerberatung ein Projekt ins Leben gerufen, wo in Workshops erklärt wird, wie viel das Leben im Monat kostet, was Vertragsfähigkeit heißt, wo man Verantwortung übernimmt sowohl für Leben als auch für Finanzen. Oder was es bedeutet, ein Auto, eine Wohnung zu kaufen und längerfristig Schulden machen zu müssen. Wir haben in der Steiermark zudem flächendeckend Frauen- und Mädchenberatungsstellen, doch wenn Frauen dort hinkommen, ist oft schon etwas passiert. Wir setzen auch auf Bildungs- und Berufsorientierung, im Idealfall schon im Elementarbereich. Mit 13, 14 ist es oft zu spät. Wir wollen Mädchen Mut machen, auch beruflich in eine Richtung zu gehen, die nicht gerade weiblich konnotiert ist. Weil sie besser bezahlt sind.
Grötschnig: Das mit der Schuldnerberatung finde ich gut, dort werden junge Männer und Frauen gleichermaßen angesprochen und Barrieren wie Hürden über Geschlechtergrenzen hinweg besprochen. Das ist neutral.
Ahrer: Aktuell haben wir in der Pension eine Schere von 42,3 Prozent, das bekommen Männer mehr Pension. Wir fordern deshalb schon längere Zeit eine andere Bewertung der Arbeit. Nicht nur die Erwerbsarbeit gehört entlohnt, auch die unbezahlte Arbeit, die Pflege naher Angehöriger, die Kinderbetreuung. Wenn eine Frau nach der Kinderpause einsteigt, gilt es, sie weiterzuqualifizieren, die Digitalisierung macht nicht Halt. Besserqualifizierung heißt auch bessere Kollektivverträge, eine bessere Entlohnung, einen besseren Durchrechnungszeitraum. Die gesetzliche Anrechnung der Karenzzeiten ist super, beim Papamonat würde ich mir wünschen, dass das gesamte Gehalt bezahlt wird, mit 700 Euro kommt man nicht weit. Es sind uns schon viele Dinge gelungen. Die alten Rollenbilder gibt es leider noch immer.

Tendenziell verlassen mehr gut gebildete Frauen die ländlichen Regionen als Männer.

Lackner: Frauen gehen dort weg, wo es keine Angebote gibt. Sie kommen aber zurück, wenn das wieder der Fall ist. Für Gemeinden sind Betreuungseinrichtungen, aber auch Spielplätze oder familienfreundlicher Wohnbau wichtige Faktoren, ob man als Familie dorthin zurückkehren will. Die Gemeinden wissen auch, dass sie nur dann reüssieren, wenn sie eine Infra-struktur schaffen. Man darf nicht vergessen, dass auch Betreuungseinrichtungen Arbeitsplätze bedeuten.

 

Frauen, die nichts fordern,
werden beim Wort genommen:
Sie bekommen auch nichts.

– Helga Ahrer, Politikerin

In ländlichen Regionen wird Kinderbetreuung oft nur bis Mittag angeboten. Das schließt für Frauen aus, ganztägig arbeiten zu gehen.

Lackner: Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Einrichtungen, die länger geöffnet sind, ab 17 Uhr nicht beansprucht werden. Letztlich entscheidet die Gemeinde als Träger, wie lange sie die Einrichtungen geöffnet hält. Und hier wird schon nach Bedarf entschieden. Letztlich entsteht für die Gemeinden auch Zugzwang. Frauen gehen dorthin, wo das Angebot stimmt. Die Gemeinden wissen das.
Ahrer: Frauen sind mehr bereit, längere Anfahrtswege auf sich zu nehmen, sie nutzen auch öfter als Männer Öffentliche Verkehrsmittel. Im ländlichen Raum ist viel passiert, es gibt bessere Busverbindungen, Ruf- oder Sammeltaxis, Fahrradkonzepte. Doch die Beschäftigung endet, wo keine Mobilität gegeben ist.
Grötschnig: Kinderbetreuung muss weg vom reinen Frauenthema, es gehören familienfreundliche Angebote geschaffen für Männer, die immer öfter weniger arbeiten wollen, um sich mehr um die Kinder zu kümmern. Wenn wir über Frauen reden, hört es sich immer nach „Opfergruppe“ an, selbst stumpft man ja auch ab, immer Diskussionen um halbe-halbe, Vereinbarkeit … Wir müssen junge Frauen anders adressierenen, neue Angebote forcieren, und nicht als Opfergruppe, auf die man schauen muss. 

Wenn wir über Gleichstellung reden, bleibt die Auseinandersetzung mit dem Partner nicht aus. Was empfehlen Sie jenen Frauen, die nach einem anstrengenden Tag einfach zu müde sind, sich mit dem Lebenspartner die Details über die Arbeitsaufteilung im Familienleben auszustreiten?

Grötschnig: Ich rate nicht gern, das kommt nicht gut an, auch wenn es ein noch so gut gemeinter fachlicher Rat ist. Ich stelle Frauen vor die Frage, wie sie sich ihren perfekten Tag vorstellen, ohne Hürden. Mit dieser Vision arbeiten wir weiter und brechen alles, was im Alltag passiert, herunter. Ich frage, was es braucht, welche Gespräche mit dem Partner, Vorgesetzten, wie es um Auszeiten bestellt ist. Es geht darum, optimistisch und handlungsfit in die Zukunft zu blicken, das ist gerade in Zeiten, in denen Soziale Medien Scheinwelten vorgaukeln, wichtig.
Lackner: Vor hundert Jahren durften wir das erste Mal wählen, heute haben wir in Sachen Gleichstellung vieles auf der Habenseite. Chancengerechtigkeit bedeutet für jede/n etwas anderes. Wir sind gefordert, genauer hinzuschauen, zu sensibilisieren und nicht mit der Angstkeule zu arbeiten. Es ist legitim, Frauen darauf aufmerksam zu machen, dass sie nach 30 Jahren Teilzeitarbeit ein Problem haben könnten. Wir müssen auch Bildungsinhalte ändern, damit gewisse Dinge und überholte Bilder, die zu Hause verankert sind, nicht mehr weitergegeben werden. Die Schulen haben da eine wichtige Aufgabe. Es gibt noch viele Ungerechtigkeiten. Zudem haben wir gerade bei diesem Thema eine politische Stimmung, die uns Frauen stark herausfordert.

Wir müssen endlich
aufhören, junge Frauen als
Opfergruppe zu behandeln.

– Martina Grötschnig, Coach