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Lifestyle | 18.09.2019

Zu offen für Einfaches

Populistische Bewegungen erfreuen sich enormer Wahlerfolge. Grobe Vereinfachungen, emotionale Appelle, bewusste Tabubrüche, klare Überzeichnungen – wie gefährlich ist das für unsere Demokratie?

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Schwarz-Weiß-Malerei, Freund-Feind-Schema, die Suche nach Schuldigen für eine tatsächliche oder angenommene Misere und schnelle Lösungen: Populisten heften sich gerne an die Brust, für das Volk zu sprechen, zumeist sind sie aber selbst Teil einer Elite. Sie finden derzeit verstärkt Gehör. „Populismus hat es immer schon in irgendeiner Form gegeben. Was allerdings schon auffällig ist: Nicht zuletzt unter dem Einfluss der Neuen Medien und den Möglichkeiten einer beschleunigten Kommunikation ist europa- und weltweit ein Vormarsch zu beobachten“, sagt Soziologin Katharina Scherke von der Karl-Franzens-Universität Graz. Die Sprache, der sich Populisten bedienen, gehorcht bestimmten Mustern – und die fruchten. Denn Sprache ist mächtig: „Durch den Sprachgebrauch verändern wir Wirklichkeit, indem wir beispielsweise Vorurteile aufbrechen, wir können sprachlich aber auch dazu beitragen, dass sich Vorurteile und Stereotype verfestigen“, sagt Constanze Spieß, Germanistin an der Karl-Franzens-Universität Graz, „wir ordnen sozialen Gruppen bestimmte Eigenschaften zu, dadurch werden sie überhaupt erst als Gruppen konstituiert.“ Ein populistischer Sprachgebrauch ist grundsätzlich in allen Parteien mehr oder weniger üblich, „komplexe Sachverhalte werden gerne vereinfacht dargestellt, um eine möglichst große Zustimmung im Wahlvolk zu erreichen“, sagt Spieß. Problematisch werde es, wenn bewusst und gezielt nur ganz bestimmte Inhalte kommuniziert und auf bestimmte soziale Gruppen bezogen werden. Rechtspopulistische Parteien gehen von einer homogenen Eigengruppe, dem Volk, aus, das einerseits einer Fremdgruppe – etwa den Migranten – und andererseits dem Establishment gegenübersteht. „Typisch populistisch sind bewusste Tabubrüche, die Aussagen werden anschließend zurückgenommen oder man beschwichtigt“, so Spieß. Sagbarkeitsgrenzen werden so verschoben.


Postdemokratie

Nicht selten gehen Gegenüberstellungen von „wir“ versus „die Fremden“ mit sprachlicher Gewalt einher, „wenn etwa pauschal von gewaltbereiten Muslimen gesprochen wird oder wenn gleich einer Elend bringenden Naturkatastrophe von einem Flüchtlingstsunami die Rede ist“, gibt die Germanistin zu bedenken. Gerade in Österreich sei aktuell festzustellen, dass ein rechtspopulistischer Sprachgebrauch Einzug in den breiten öffentlich-politischen Diskurs hält, „dadurch wird auch ein gewisser Alltagsrassismus wieder salonfähig gemacht“. Warum populistische Bewegungen gerade derartigen Zulauf erhalten, dafür gibt es sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle: Gerade in Zeiten fortschreitender Globalisierung, wirtschaftlicher Umschwünge und gesellschaftlichen Wandels kommt es zu Verlustängsten, erklärt Scherke. Nicht nur die Wirtschaft gerät ins Wanken, auch religiöse und andere Werte verändern sich, Geschlechterbeziehungen werden neu definiert, Familienmodelle neu organisiert, alles ist im Fluss. „Das erzeugt eine Verunsicherung. Es sind aber nicht in erster Linie die Einkommensschwachen, sondern vor allem der Mittelstand, der einen Statusverlust fürchtet“, so Scherke. Colin Crouch hat mit der Postdemokratie-These von sich reden gemacht: Das demokratische System wird sukzessive ausgehöhlt. Am Papier gibt es zwar noch Wahlen, aber es geht dabei mehr um Show. Die Strukturen werden mit zunehmender Politikverdrossenheit der Masse und dem Eindruck, dass die Elite es sich ohnehin richtet, inhaltsleer. Der kritische politische Diskurs einer mündigen Öffentlichkeit geht verloren – und damit auch Bürgerinnen und Bürger, die sich dessen bewusst sind, dass ihre Stimme zählt und auch etwas ändert.


Risiken und Chancen

Wie gefährlich ist diese Entwicklung für die Demokratie? „Sehr“, sagt Scherke. „Die Demokratie ist sicher keine perfekte Regierungsform, aber immer noch die Beste, die wir im Verlauf der Geschichte hatten – mit der Achtung der Menschenrechte und der Stimme jedes Einzelnen und mit Gestaltungsmöglichkeiten für viele.“ Um einer Aushöhlung Paroli bieten zu können, gehe es nicht allein darum, dass wir wählen können, sondern um eine fortlaufende Auseinandersetzung damit, warum und wen wir wählen, was versprochen und gehalten wird, inwieweit man selbst davon betroffen ist. „Bedeutsam ist eine Grundhaltung des Interesses am gesellschaftlichen Leben. Ich hoffe sehr darauf, dass sich die Zivilgesellschaft wieder der demokratischen Errungenschaften besinnt und diese nicht als selbstverständlich erachtet“, sagt Scherke. Die Bedeutung einer aktiven politischen Haltung müsse noch viel stärker vermittelt werden, nicht zuletzt auch durch Bildungseinrichtungen.