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Lifestyle | 20.08.2019

Scootern und Radeln

Die Vorständin der Holding Graz düst am liebsten mit ihrem E-Scooter durch die Stadt. Eine Rad-Scooter-Fahrt und ein Gespräch, warum Menschen in der Stadt kein eigenes Auto brauchen.

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© Sabine Hoffmann

Mit dem Rad ist Barbara Muhr, Vorständin der Holding Graz und dort verantwortlich für Mobilität und Freizeit, so gut wie nie unterwegs. Dafür mit ihrem E-Scooter. „Ich muss immer lachen, wenn mir Leute zurufen, wie sportlich ich denn sei“, sagt sie, zischt ihr Scooter mit immerhin bis zu 25 km/h mit ihr durch die Stadt. Ohne Schweiß und Anstrengung allerdings. Mit dem Produkt Ride&Roll will die Holding Graz Menschen zum Umstieg auf Öffentliche Verkehrsmittel bewegen. Zur Jahreskarte kauft man sich einfach einen Scooter dazu, mit oder ohne Elektroantrieb, zusammenklappbar und nur neun Kilo schwer, den man auch in die Öffis mitnehmen kann. 

 

Mobilität findet nicht so sehr auf der
Straße, sondern eher im Kopf statt.

Barbara Muhr

 

Öffis sind Frauensache. Der Verkehrsclub Österreich hat es im Vorjahr erhoben: Würden Männer das gleiche Mobilitätsverhalten an den Tag legen wie Frauen, dann gäbe es weniger Staus auf den Straßen und Österreich wäre seinen Klimazielen einen großen Schritt näher. Während 68 Prozent aller Wienerinnen regelmäßig Öffis bzw. andere Verkehrsmittel als das Auto nutzen, sind es nur 34 Prozent der Steirerinnen – wohlgemerkt: Nicht überall in den ländlichen Regionen gibt es alternative Mobilitätsangebote oder die Wege mit dem Rad sind zu weit. Mobilität ist für die Holding Graz-Vorständin in erster Linie Kopfsache: „Verkehr findet auf der Straße statt, Mobilität im Kopf“, sagt sie. „Als ich jung war, war der Führerschein so etwas wie die zweite Matura oder oft noch wichtiger.“ Wenn auch „45-plus-Männer mit Anzügen“ schwer vom eigenen Auto abzubringen seien, käme nun eine Generation nach, die zumindest in urbanen Gegenden schon freiwillig auf ein eigenes Auto verzichte. Genau auf diese Zielgruppe müsse man die Angebote ausrichten, weniger auf Menschen, die aus Status- oder Bequemlichkeitsgründen ohnehin nie auf das Auto verzichten wollen. Eine weitere neue Zielgruppe seien junge Senioren, die nach Pensionseintritt oft aus Kostengründen ihr Auto verkaufen. Die Öffentlichen Verkehrsmittel gratis anzubieten, sieht Muhr als keine gute Lösung an. „Erfahrungen aus anderen Städten zeigen, dass der Umstieg vom Pkw auf den Öffentlichen Verkehr bei Einführung eines Nulltarifs viel geringer ist, als wenn man das ÖV-Angebot verbessert“, sagt sie, „abgesehen davon haben wir in Graz ohnehin die günstigste Jahreskarte in Österreich. Mit einem Preis von 265 Euro sind das pro Tag 70 Cent.“

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In unserer monatlichen „Steirerin fährt Rad“-Geschichte treffen wir uns mit Menschen, die gern Radfahren und dafür das Auto auch mal stehen lassen. © Sabine Hoffmann

Drama Shared Space. Beruflich reist Muhr viel und sieht sich gerne in nordischen Städten um, was die alternative Mobilitätsformen betrifft. Amsterdam, Kopenhagen, Göteborg, dort funktioniert der Radverkehr prima. Warum? Dort habe man Mobilität im Kopf anders abgespeichert. Etwa in Kopenhagen, wo statt Autoschlangen Trauben von Radfahrern vor den Ampeln warteten, die alle gemeinsam losfahren, ohne ein Chaos auszulösen. „Wenn man unseren Shared Space am Sonnenfelsplatz anschaut: In Paris ist die gesamte Champs Elysees Shared Space! In unserer Gesellschaft haben halt Autofahrer Vorrang.“

Das Meer, bitte! Barbara Muhr ist durch und durch Stadtmensch. „Für mich beginnt die Obersteiermark schon in Gösting“, sagt sie und schmunzelt. Berge und Skifahren ist nicht das Ihre, Skier oder Anorak besitzt sie gar nicht, Lebensqualität bedeutet für sie, keine festen Schuhe anziehen zu müssen. „Aufs Land zu fahren, heißt für mich, nach Mallorca zu fliegen, wo ich eine kleine Wohnung habe. Ich bin sowieso im falschen Land geboren“, erklärt die Vorständin. Sie braucht das Meer, sommers wie winters. Oder große Städte, in denen sie manchmal auch gegen ihren Willen landet. Wie neulich, als die passionierte Tennisspielerin ihr Wochenende in Muggia verbrachte und vom Anruf und der Einladung überrascht wurde, Dominik Thiems Finale in Paris beiwohnen zu können. „Ich flog bequem von Venedig nach Paris, allerdings habe ich beim Buchen des Rückflugs nicht ganz aufgepasst und kam über Amsterdam nach Graz retour.“ Kein Problem für die Macherin. Sie nutzte die Zeit in Europas Radfahrhauptstadt zum Shoppen. Flexibilität ist eben alles, sei es beim Öffentlichen Verkehr oder beim Reisen.

Nichts aufheben. Entschleunigung findet sie in ihrer Freizeit („ich kann mich in 36 Stunden super erholen“) und dazu zählt sie alle Momente, in denen sie frei ist und tun kann, was sie möchte. Ein Bereich ist das Hospiz, wo sie seit rund zehn Jahren als Botschafterin tätig und für PR und Fundraising verantwortlich ist. Sobald sie das Berufsleben hinter sich gelassen hat, möchte sie die Hospiz-Basisausbildung machen. Gelernt hat die Laudatorin für die Kategorie „Die Kämpferin“ der STEIRERIN AWARDS daraus schon heute viel. „Wir müssen einfach mehr im Hier und Jetzt leben und nichts aufschieben. Das hat die Kämpferin Katarina Posch sehr eindrucksvoll zum Ausdruck gebracht.“

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© Sabine Hoffmann