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Lifestyle | 22.07.2019

Ring Sisters

Die Suche nach dem Jungbrunnen ist fast so alt wie die Menschheit selbst. Die Forschung läuft auf Hochtouren. Derzeit im Fokus: Spermidin. Die Ring-Schwestern betreiben einen Food-Blog dazu.

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Spermidin-Expertinnen: Ärztin Anna Grötschnig und Molekularbiologin Julia Ring. © Marija Kanizaj

Ja, daran lässt sich nicht rütteln. Spermidin heißt deshalb so, weil es in der Samenflüssigkeit verschiedener Säugetiere in einer besonders hohen Konzentration vorkommt. Es wird vermutet, dass Spermidin hier das Erbmaterial schützen soll, um die Gesundheit der Nachkommen zu gewährleisten.
„Die Substanz findet sich allerdings in allen Zellen unseres Körpers und übernimmt wichtige Aufgaben in den Prozessen, die die Zellen vor altersbedingten Schädigungen schützen“, erklären Julia Ring und Anna Grötschnig, die als „The Ring-Sisters“ vor eineinhalb Jahren den Food-Blog „Ring’s health kitchen“ gestartet haben. „Wir nehmen Spermidin nämlich zu einem großen Teil auch über die Nahrung auf“, erklären die Schwestern.

Das hat Frank Madeo in seinem Forschungsteam am Institut für molekulare Biowissenschaften an der Universität Graz nachgewiesen. In seiner Arbeitsgruppe forscht auch Molekularbiologin Julia Ring, und zwar zum Thema „Zelltod und Altern“. Sie arbeitet dafür mit Fruchtfliegen, die Alzheimer haben, und Bäckerhefe-Zellen, die alle Eigenschaften einer kranken Nervenzelle aufweisen. „Ich beschäftige mich mit zellulären und molekularen Faktoren, die zu neurodegenerativen Erkrankungen wie Alzheimer führen. Das ist Grundlagenforschung, wie und warum eine Zelle überhaupt stirbt und wie man diesen Prozess verlangsamen oder verhindern kann.“ Anna Grötschnig arbeitet als Ärztin auf der Geriatrie im Klinikum Klagenfurt, „wir sind also mit Altersforschung und Altersmedizin beschäftigt“. Die beiden Kärntnerinnen waren für das Studium nach Graz gekommen.

Die Entdeckung der lebensverlängernden Wirkungsweise von Spermidin im Grazer Labor vor rund zehn Jahren hat für große Resonanz in der Wissenschaft gesorgt, es konnte nachgewiesen werden, dass die Einnahme das Leben und die Gesundheitsspanne von Hefe, Fruchtfliege und Maus verlängert.

Gesund alt werden. In der sogenannten Bruneck-Studie mit 829 Probanden aus der Südtiroler Stadt über einen Versuchtszeitraum von 20 Jahren konnte  im Vorjahr gezeigt werden, dass auch beim Menschen eine spermidinreiche Ernährung die Gesundheit länger erhält. Die Bewohner hatten eine Reihe von Angaben zu Essgewohnheiten, Lebensstilfaktoren und körperlichen Aktivitäten gemacht, die Wissenschaftler berechneten da­raus den Einfluss auf Krankheiten und Langlebigkeit. „Jene, die sich sehr spermidinreich ernährt hatten, lebten im Durchschnitt um rund fünf Jahre länger und hatten weniger alters-assoziierte Leiden wie Herz-Kreislauf-­Erkrankungen.“

Die Ring-Schwestern betonen: „Es geht nicht allein darum, das Leben zu verlängern, sondern länger fit zu leben und damit ein qualitativ hochwertiges Altern zu erleben.“ Global gesehen ernähren sich übrigens Süditaliener und Japaner besonders spermidinreich, Amerikaner dagegen spermidinarm.

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Gesund und lecker. © Marija Kanizaj

Wirkungsweise. Die Substanz ist ein Schlüsselwirkstoff für den Autophagie-Prozess, ergab die Forschung an der Grazer Universität. Das ist eine Art Müllentsorgung der Zellen, die auch beim Intervallfasten eingeleitet wird. Spermidin ist damit ein sogenanntes Fastenmimetikum, „das bedeutet, es ahmt das Fasten nach. Der Körper greift in diesem Prozess auf eigene Ressourcen zurück, räumt beschädigte Zellen auf und verjüngt sich so selbst, indem die Zellen fitter sind.“ Produziert wird Spermidin von unserem Körper selbst: „Das geschieht vor allem auch durch ganz bestimmte Arten von Darmbakterien“, sagt die dreifache Mutter Julia Ring, „aber den Hauptteil nehmen wir durch die Nahrung auf.“

Die Substanz ist in unterschiedlichen Konzentrationen in Nahrungsmitteln enthalten. In tierischen Produkten ist der Anteil geringer, am größten ist das Vorkommen in der Leber, auch in frischen Milchprodukten findet sich wenig, allerdings gilt: „Ein gealterter Käse enthält eine große Menge an Spermidin, weil die Bakterien es im Reifungsprozess erzeugt haben.“ Man kann sich also offenbar gewissermaßen selbst verjüngen, wenn man sich andere Alterungsprozesse zunutze macht. Vor allem pflanzliche Produkte sind spermidinreich, dazu zählen Weizenkeimschrot beispielsweise, Samen, Nüsse, Kerne, Äpfel, Erbsen, Brokkoli oder Karfiol.

 

Es geht nicht allein darum,
das Leben zu verlängern,
sondern möglichst gesund zu altern.

Julia Ring

 

Kochen war für die Ring-Schwestern schon immer ein Thema, das Naheverhältnis zur Produktion von Lebensmitteln auch, schon die Mutter der beiden stammte von einem Bauernhof. Anna Grötschnig lebt heute selbst auf einem Biobauernhof in Moosburg – mit ihrem Mann, ihren zwei Kindern, sieben Kühen, zwanzig Schafen, zwei Schweinen, sechs Hühnern, fünf Enten, drei Bienenvölkern und einer Katze.

Die Schwestern stellen in ihrem Food-Blog alte und neue Rezepte vor, die spermidinreich sind beziehungsweise entsprechend angereichert wurden. Es sind vor allem heimische Variationen, von Polenta mit Weizenkeimen über Eierspeise mit Brokkoli bis hin zu Salattopping und Kuchen. „Wir wollen einfach andere darin unterstützen und Inspiration bieten, damit es einfacher wird, Spermidin in den täglichen Speiseplan mit aufzunehmen. „Bei der Studie mit den Bewohnern aus Bruneck hat man übrigens eruiert, dass die Haupt-Spermidinquellen Vollkornbrot, Müsli, Salat, Kartoffel, Äpfel und Birnen waren, also eigentlich ganz alltägliche, regionale Lebensmittel.“

Zukunftsmusik. Die Forschung läuft weiter auf Hochtouren, etwa wie sich Spermidin auf verschiedene Organsysteme auswirkt. Ein positiver Effekt auf die Regeneration des Herzmuskels wurde bereits im Tierversuch bestätigt. In Bezug auf Demenz läuft derzeit eine Pilotstudie in Berlin. „Wie viel man überhaupt mit externer Zufuhr bewirken kann, das ist alles erst  Gegenstand der Forschung“, sagen die Schwestern. Derzeit stehe fest: „Eine spermidinreiche Kost wirkt dem Alterungsprozess im Körper entgegen, was eventuell zu einer Lebensverlängerung, aber sicher zu einer ,Gesundheits-Verlängerung‘ im Alter führt.“