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Lifestyle | 14.06.2019

So a wilds Wossa

In den Achtzigern lief seine Band Joy in den Hitparaden, man kannte sie bis Wladiwostok. In den Neunzigern wurde Fred Jaklitschs neuer Sound besinnlicher, die neue Band Seer klang nach Heimat. Über ein musikalisches Leben und eine Radfahrt, die ins Wasser fiel.

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In unserer monatlichen „Steirerin fährt Rad“-Geschichte treffen wir uns mit Menschen, die gern Radfahren und dafür das Auto auch mal stehen lassen. Doch manchmal kommt es anders. © Sandro Kumric

Gut, dann gehen wir diesmal mit Fred Jaklitsch von den Seern Radfahren. Er ist zwar um einen gefühlten Meter größer, was beim Radeln durchaus von Vorteil sein kann, aber das wird schon.

Von wegen. Im Ausseerland sind es nicht Körpergröße oder Muskelkraft, die über Gipfelsieg oder Niederlage entscheiden, sondern das Wetter. So auch beim vereinbarten Treffen. Wolken bis tief zum Grundlsee, wo Jaklitsch seit jeher lebt, Regen ohne Pause. Mit 18 habe es zwei Berufswünsche gegeben, erzählt er, Musiker oder Rennradfahrer. Musik war Trumpf und auch wir schieben das Rad zur Seite und bleiben im Trockenen mit Blick auf den See.
Der auch ein bisserl seiner ist. Seer durfte er seine Band in den Neunzigern nennen, weil er damals am See wohnte, wo er bald wieder hinziehen wird. Dorthin pilgern alle zwei Jahre rund 20.000 Menschen, wo im 2-Jahres-Rhythmus das Seer-Open-Air stattfindet, das nächste Mal voraussichtlich 2020. Jaklitsch ist heute einer der ganz Großen in der heimischen Musikbranche, und das nicht nur auf die Körpergröße bezogen.

Songs of Joy. Musik war schon früh sein Metier, die Gitarre – „mit zwei Hälsen, wie sie Jimmy Page von Led Zeppelin hatte“ lockte die Girls, mit dem Songwriting schrieb er sich als 20-jähriger kritischer Kopf so ziemlich alles von der Seele, dass ihn einmal sogar der Pfarrer zu Zurückhaltung ermahnte. Mit einer Tanzkombo bespielte er Bälle und Hochzeiten, das Geld zum Leben kam aus seinem Brotberuf, er war Lehrer. Der musikalische Erfolg kam, als er mit seinen Bandkollegen Manfred Temmel und Andreas Schweitzer auf den 1980er-Jahre-Synthiepop-Zug aufsprang. Joy hieß ihre Band, ihr Nummer 1-Hit hieß „Touch by Touch“, eine „6-Meter-Musi“ sei man gewesen, jeder der drei misst knapp zwei Meter, mit einer Haarpracht à la Dieter Bohlen. Doch der finanzielle Erfolg ließ auf sich warten. Jaklitsch erinnert sich an einen Abend, an dem er nach einem Auftritt mit seiner Tanzband mit dem Hut durch die Menge ging, um ein paar Schilling zu erbitten, am nächsten Tag wurde „Touch by Touch“ als Nummer 1 in der Ö3-Hitparade präsentiert. Wenige Wochen später waren die drei Hünen Stars und mussten sich bei Auftritten durch die Menge auf die Bühne schälen. Was jedoch fehlte, war ein gutes Händchen für Verträge und Finanzielles, erinnert sich Jaklitsch. So kam die Band, die ihre Hits wenige Jahre später bis im entfernten Asien spielte, ohne Geld aus Südkorea zurück, obwohl man dort vor 20.000 Menschen gespielt hatte. Die Frage nach zumindest einer Teilhabe an den Einnahmen aus einem Video, das dort gemacht wurde, beantwortete die Managerin mit Fingerzeig auf die Kalashnikov des Bodyguards.
Dafür war die Bandgeschichte umso anekdotenreicher. So war Joy in der damaligen DDR-Sendung „Ein Kessel Buntes“ zu Gast, die bis nach Wladiwostok gesendet wurde, was die drei Männer aus Aussee zu einem nicht unwichtigen Teil der „Peres-troika“ machte. Noch heute touren die Ex-Mitglieder Temmel und Schweitzer durch Russland und sind dort richtige Stars.

 

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Vorbereitung aufs gemeinsame Radeln. Nur: Im Ausseerland gibt das Wetter den Ton an. © Sandro Kumric

Heimat mit neuem Sound. Mitte der 1990er-Jahre, als der US-Rap kam, als die lustige Eurobeat-Welle abebbte und die Boygroups jünger wurden, war es für Jaklitsch Zeit, seine musikalische Zukunft neu zu überdenken. Seinen Lehrerjob hat er an den Nagel gehängt, auch wenn sein Direktor diese „musikalischen Blödheiten“ in absehbarer Zeit zu Ende wähnte. Jaklitsch zog sich mit seiner Frau in ein altes Holzhaus zurück, durch deren Balken der Wind pfiff, und begann, neue musikalische Pläne zu schmieden. Mundart sollte die neue Songsprache werden, im Studio wurde herumgeprobt, die noch heute zur Band gehörenden Sängerinnen Sabine Holzinger und Astrid Wirtenberger wurden kontaktiert. Sabine „Sassy“ war anfangs nur schwer zu begeistern, Jaklitsch eröffnete ihr erst im Auto zum Auftritt, dass sie statt der vereinbarten zwei Songs doch bitte alle singen möge. Sie sang, Jaklitsch jubelte, seine Sturheit ist legendär. Man bewunderte die damals recht populären Ausseer Hardbradler, selbst fristete Jaklitsch mit seiner neuen Band zum zweiten Mal ein karges musikalisches Dasein, mitleidig belächelt etwa vom DJ in einer recht leeren niederösterreichischen Großraumdisco, in der man gespielt hatte, oder umgeben von einer Rinderherde, das Publikum bei einem Auftritt im Zillertal. Der Erfolg kam langsam, aber stetig. „Über’n See“ hieß das Debütalbum, es erschien 1996, mit „Wilds Wossa“ schuf Jaklitsch eine Hymne dieses noch recht jungen Musikgenres, 2001 folgte mit „Guats Gfühl“ erstmals Gold und eine Platzierung in den Austria Top 40. Heute sind die Open Airs am Grundlsee sofort ausgebucht.

Seer klingen nach Seer. In eine musikalische Kategorie eingeordnet will Jaklitsch seine Songs nicht wissen. Er ist zufrieden, wenn sie unverkennbar nach Seer klingen, wenn sie Zeitgeist versprühen und von Menschen erinnert werden. Das schönste Kompliment sei, wenn Menschen seine Lieder bei persönlichen Anlässen, bei Hochzeiten oder Begräbnissen, dabei haben wollten. Den Heimatbegriff will er dabei nicht so aufgeblasen wissen, wie es in der Branche sonst gern geschieht, für Jaklitsch ist Heimat Geborenheit, ein Ankommen, sein zu können, wie man sich fühlt.
Im Herbst erscheint die neue CD, in der Jaklitsch seinen Sound wieder verändern wird. Nach 400 Liedern gehe kopieren nicht mehr, betont er, man müsse sich stets neu erfinden. Politische Botschaften haben in seinen Liedern aber keinen Platz, wenn sich der Bandleader auch als durchaus politischen Menschen beschreibt. Eine politische Meinung müsse man sich selbst bilden, ist er überzeugt, und da passe das Medium Bühne nicht.

 

Man nannte uns damals wegen
unserer fast zwei Meter
Körpergröße die 6-Meter-Musi.

– Fred Jaklitsch


1. Juni Leoben Sporthalle 20 h

21. Juni Graz. Messegelände Freiluftarena 20 h

Karten bei Ö-Ticket

Fankreuzfahrt vom 5.–12. Oktober im Östlichen Mittelmeer.
Karten und Infos bei GEO Reisen oder auf

www.dieseer.at

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© Sandro Kumric