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Lifestyle | 18.05.2019

Humorvoll?

Wie unser Gehirn auf die Art von Humor, die wir pflegen, reagiert. Warum Lachen nicht gesund ist. Welche Späße sich wie auf unsere Psyche auswirken. Humor aus Sicht der Wissenschaft.

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© Shutterstock

Lachen ist die beste Medizin? Die Biologische Psychologin Ilona Papousek vom Institut für Psychologie an der Karl-Franzens-Universität Graz winkt ab. „Das ist eigentlich ein großes Missverständnis. Nicht Lachen ist gesund, vielmehr geht es um ein heiteres Gemüt. Kurzfristige Erheiterung und die Aktivität des Lachens haben keinerlei gesundheitliche Effekte, die Wirkung ist völlig un-
spektakulär, es ist bloß eine motorische Tätigkeit.“ Das Sprichwort lässt sich vermutlich auf eine Sinn-Verknappung des Bibelzitates „Ein fröhliches Herz tut dem Leibe wohl, aber ein betrübtes Gemüt lässt das Gebein verdorren“ zurückführen, in dem schon viel mehr Realitätsnähe steckt.
Überschätzt wird darüber hinaus die Verbindung zwischen Lachen und Humor. „Nur 10 bis 15 Prozent der Situationen, in denen Lachen eine Rolle spielt, haben überhaupt mit Humor zu tun“, sagt die Wissenschaftlerin, „Lachen hat ja eine wichtige soziale Funktion. Es ist ein freundliches Signal an andere Menschen, eine Einladung an das Gegenüber, Kontakt aufzunehmen oder aufrechtzuerhalten.“ Rund sieben Prozent der Menschen unseres Kulturkreises sind allerdings von Gelotophobie betroffen, sie empfinden ein Lachen oder bereits ein Lächeln als Bedrohung. Humor ist im wissenschaftlichen Diskurs ein Randthema, es beschäftigen sich nur eine Handvoll Spezialisten auf hohem Niveau damit.

 

 

„Wohlwollender Humor hat
die günstigsten Auswirkungen
auf die psychische Gesundheit.“

- Ilona Papousek

 

 

Konsumieren vs. produzieren. Humor zu konsumieren – etwa in Form einer Film-Komödie oder eines Kabarettprogramms – unterscheidet sich deutlich davon, Humor zu produzieren. Als Konsument erfährt man Ablenkung von Alltagsbelastungen, Sorgen oder Schmerzen. „Mehr ist da allerdings nicht zu erwarten. Man tut sich mit positiven Erlebnissen einfach Gutes, und das ist ja auch schon fantastisch“, sagt die Gehirnforscherin, „eine intensive Erheiterung aktiviert das mesolimbische Belohnungssystem im Gehirn, diese Region ist mit einem euphorischen Gefühl verbunden.“
Weitaus mehr erreichen kann man durch selbstproduzierten Humor. Ein fröhliches Gemüt zeichnet sich dadurch aus, dass man das Leben leichter und Dinge des Alltags mit Humor nehmen kann. Missgeschicke oder unvorhergesehene Zwischenfälle und ärgerliche Ereignisse sind unter dieser Voraussetzung schnell aus einer anderen, humorvollen Blickrichtung zu sehen und zu bewerten, „so gewinnt man Abstand, die empfundene Belastung wird deutlich kleiner“, sagt Papousek.
Diese Fähigkeit kann man unter professioneller Anleitung auch gezielt trainieren, bis sie zur Gewohnheit wird – das Gehirn ist empfänglich für solche Veränderungen. Mit neurowissenschaftlichen Methoden lassen sich die Auswirkungen von Humortrainings mess- und sichtbar machen: „Hirnmasse kann sich vergrößern, es kann auch mehr Hirnmasse für diese Funktion verwendet werden, Verbindungen können effizienter, Nervenleitungen schneller werden“, sagt Papousek.

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Belohnung. Die Humorproduktion ist etwas Hochkomplexes, viele Teile des Gehirns sind daran beteiligt. Dabei unterscheidet man auf der einen Seite wohlwollenden Humor, der zum Ziel hat, gemeinsam mit anderen zu lachen. Auf der anderen Seite hat man es mit dunklem Humor zu tun, der zumeist ein Opfer im Blick hat: Man lacht über andere Menschen, man lacht auf Kosten anderer, man lacht sie oder auch sich selbst aus. Die meisten klassischen Witze, Sarkasmus und Zynismus sind Beispiele dafür.
Tatsächlich empfinden Menschen mit einer Vorliebe für positiven Humor die Freude und das Lachen anderer als etwas Belohnendes, ihr Gehirn reagiert auch verstärkt darauf, wie Papousek im Rahmen des Universitätsschwerpunktes „Gehirn und Verhalten“ he-rausgefunden hat. Die Freunde dunklen Humors lassen dagegen soziale Signale der Traurigkeit stärker an sich heran: Lacht man bevorzugt auf Kosten anderer, öffnet sich im Gehirn ein Wahrnehmungstor, das das Leid der Umgebung als Belohnung klassifiziert. „Besser nachvollziehbar wird die Aussage, wenn man sich beispielsweise das Verhalten von Kindern vor Augen führt. Sie haben oft weniger Hemmungen, andere auszulachen. Ja, vielmehr noch kann es in manchen Fällen wirklich ihr Ziel sein, jemand anderen zum Weinen zu bringen“, so Papousek.

Bewältigung. Wohlwollender Humor hat die günstigsten Auswirkungen auf die psychische Gesundheit, weil er direkt mit erfolgreichen Bewältigungsstrategien von belastenden Situationen einhergeht – man gewinnt den nötigen Abstand durch einen leichtfüßigeren Umgang. Wohingegen dunkle Formen von Humor begünstigen können, dass man sich selbst eher im Wege steht, wenn man auf Kosten anderer agiert. „Es hilft nicht, die Situation zu bewältigen, wenn man im Gefühlszustand verharrt, an den Gedanken festhält und keine andere Perspektive einnehmen kann.“ Eine Person kann durchaus zwischen den Arten von Humor switchen, das kann von Stimmungen und Situationen abhängen. Grundsätzlich ist der jeweilige Zugang als Persönlichkeitsmerkmal aber doch relativ stabil.