Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 18.04.2019

Ehre, was ist das?

Eine Frau wird Opfer von Rufmord und tötet am Ende den Peiniger. Heinrich Bölls „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hält dem Zuseher auch ein halbes Jahrhundert später noch den Spiegel vor.

Bild 1904_ST_EM_NextLiberty-2.jpg
© Thomas Luef

Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ ist die Geschichte einer selbstbewussten Frau, die wegen ihrer Freundschaft zu einem Straftäter von der Boulevardpresse erniedrigt und verunglimpft wird. Das wiederum treibt die Öffentlichkeit an, gegen die Frau zu hetzen, die, nachdem ihre schwerkranke Mutter stirbt, aus Wut und Verzweiflung den verantwortlichen Redakteur tötet. Heinrich Böll schrieb das Stück 1974, über die „Zeitung“ im Roman soll er gesagt haben: Ähnlichkeiten zur „Bild“-Zeitung seien weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich. Das Stück, das an Aktualität nicht verloren hat, läuft derzeit im Jugendtheater Next Liberty in Graz. Ein Gespräch mit der Dramaturgin, Dagmar Stehring, und der Hauptdarstellerin, Yvonne Klamant. 

STEIRERIN: Wie erarbeitet man einen solchen Stoff für Jugendliche?
Stehring: Mit dem Autor und Regisseur (Kristo Šagor, Anm.) haben wir uns auf Stoffsuche begeben und sind nach einigem Abwägen bei Katharina Blum gelandet, obwohl Böll kaum mehr gespielt wird. Wir stellen uns die Frage, wo man bei einem Klassiker wie diesem einhaken kann und inwiefern der Stoff inhaltlich Relevanz hat. Die Handlung und das Bühnenbild haben wir in der Zeit von 1974 belassen.

Wie wird für junge Zuseher der Gegenwartsbezug hergestellt?
Stehring: Ein aktueller Popsong im Stück beispielsweise nimmt Bezug auf die Gegenwart. Doch die Handlung und das, was zwischenmenschlich erzählt wird, ist unabhängig von der Zeit, in der das Stück spielt. Die Schüler spüren, was in der Handlung geschieht. Auch wenn, wie z. B. auch beim „Schüler Gerber“, gewisse Dinge so nicht mehr stattfinden, ist die Brisanz in solch klassischen Stoffen zeitlos.  
Klamant: In dem Stück geht es ja um mehrere Formen von Gewalt, der diese Figur ausgesetzt ist: der Staat, der Katharina in die Zange nimmt, Menschen, die schlecht über sie reden oder die Macht und Geld haben und sich über andere hinwegsetzen können. Ich denke schon, dass da Assoziationen zur Gegenwart vorhanden sind.

Wie haben Sie sich auf die Rolle der Katharina Blum vorbereitet?
Klamant: Eine „klassische“ Vorbereitungszeit gab es nicht. Innerhalb des sechswöchigen Probenprozesses habe ich mich durch das Spielen, das Ausprobieren meiner Figur genähert. Zu Beginn der Probenzeit wird nur das Textbuch gelesen. Dabei fängt man an, den Text zu erspüren und herauszufinden, was er sagen soll, welche Motivation die einzelnen Figuren haben und wie sie in Beziehung zueinander stehen – am Anfang weiß ich nie, wie die Figur am Ende sein wird, und auch nach der Premiere entwickelt sie sich weiter, da sie mir im Spielen neue Facetten von sich zeigt. Bei der Rollenfindung war es für mich herausfordernd, als Schauspielerin nicht zu emotional zu werden, da auf die Figur Katharina Blum von außen ständig massiv Druck ausgeübt, sie verhört und angeschrien wird, ihr die Worte im Mund verdreht werden und auch ihr nahestehende Menschen in Verruf geraten. Das ging mir in den Proben selbst oft sehr nah.

Welche Frau ist Katharina Blum,  wie leben Sie sie auf der Bühne?
Klamant: Bölls Katharina Blum hat sich aus einer schlechten Kindheit emanzipiert, sie fährt Volkswagen, hat ein sehr gutes Einkommen. Es gibt einen Moment, wo Skihüttenmusik erklingt und ich mir beim Tanzen alles von der Seele stoßen kann, das erleichtert unglaublich! Da kommt Luft rein, der Atem kann fließen, bevor es danach noch tiefer hineingeht.

Bild 1904_ST_EM_NextLiberty-4.jpg
© Thomas Luef

Ist der Mord nicht befreiend?
Klamant: Katharina sagt, sie habe den Redakteur ohne Reue und Bedauern erschossen, für mich fühlt es sich eher an, als wäre sie plötzlich in einem luftleeren Raum, losgelöst von konkreten Emotionen, in dem Schmerz, Trauer, Befreiung, Erleichterung, Glück, Wut gleichzeitig nebeneinander sein können.

Mit welchem Gefühl sollen junge Menschen aus dem Stück hinausgehen?
Klamant: Mein Anspruch ist der, eine gute Geschichte zu erzählen und zu bewegen. Wenn die Zuseher von bestimmten Momenten berührt sind, wäre es schön, wenn sie darüber auch redeten. Bei der Premiere habe ich gespürt, wie mich in stillen Phasen die Zuseher angeschaut haben und wissen wollten, was in der Frau wohl vorgeht.
Stehring: Die Herangehensweise und der Anspruch sollten keine anderen sein als beim Theater für Erwachsene. Da wie dort geht es um dieselben Themen, Konflikte und Fragestellungen. Für mich ist dieses Stück ein Aufruf zum Hinterfragen und Einmischen, der Untertitel dieser Erzählung lautet ja: Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann. Bölls Erzählung ist keine Verteidigung dessen, was passiert ist, im Vordergrund steht die Frage, was zu dieser Handlung geführt hat. Und letztlich geht es darum, zu fragen, wie man selbst gehandelt hätte. Die Gewalt, um die es hier geht, das ist nicht nur der Mord, es geht um Gewalten, die auf einen einwirken, und die sind heute nicht anders als zu Bölls Zeiten: Medien, Staat, Justiz, auch die Öffentlichkeit, die ungeprüft übernimmt, was ihnen von Medien vermittelt wird, und die das noch weiterträgt. 

Welche Themen gehörten Ihrer Meinung nach noch auf die Bühne?
Klamant: Das Zeitalter Internet, in dem Menschen in ihrer Kommunikation verarmen, oder wenn es immer schwieriger wird, sich in wirklichen menschlichen Beziehungen Konflikten auszusetzen.
Stehring: Da gibt es viel Stoff, gerade wenn es um gesellschaftliche und politische Entwicklungen geht, um einen achtsamen Umgang damit. Nächstes Jahr spielen wir eine Flüchtlingsgeschichte einer jüdischen Familie aus dem Zweiten Weltkrieg, die sehr gut zeigt, wohin sich ein System, eine Gesellschaft entwickeln kann. Die Inhalte eines Stückes lassen sich oft auf alle Lebensbereiche, sowohl politisch als auch privat, umlegen und letztlich bleiben Fragen wie: In welcher Welt möchten wir leben? Welchen Beitrag will ich dazu leisten?

Der Stoff ging mir in den Proben selbst oft sehr nah.

Yvonne Klamant,
Schauspielerin

Dieses Stück ist für mich ein Aufruf zum Hinterfragen und Einmischen.

Dagmar Stehring,
Dramaturgin