Loading…
Du befindest dich hier: Home | Lifestyle

Lifestyle | 15.04.2019

So nicht!

In acht von zehn Klassen sitzt ein Mobbing-Opfer. Wie man als Eltern am besten reagiert, wie wichtig Prävention ist und wo Zivilcourage schon im Kleinen beginnt, erklärt Präventionsexperte Günther Ebenschweiger.

Bild 1904_ST_EM_Mobbing-1#1.jpg
© Shutterstock

Mobbing, Extremismus, Gewalt in der Familie – seit über 30 Jahren beschäftigt sich Günther Ebenschweiger mit dem Thema Prävention. Denn der Grazer, der zu den führenden Präventionsexperten Österreichs zählt, ist überzeugt: „Es gibt Wege, so früh zu handeln, dass Menschen erst gar nicht zu Opfern werden.“
In seiner 41-jährigen Laufbahn als Polizist hat er schon sehr früh viel familiäre Gewalt miterlebt. „Wir durften nur einschreiten, wenn eine strafbare Handlung vorlag, die mit einer Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr geahndet wurde.“ Diesen Zustand empfand er als nicht zufriedenstellend. Aus Eigeninitiative heraus habe er dann begonnen, sich mit dem Thema Prävention zu beschäftigen. Die Gründung des österreichischen Zentrums für Kriminalprävention, der Präventionskongress, Weiterbildungen und mehr folgten. „Was man als Polizist alles sieht, war oftmals schwer verdaulich. Jeder hatte seine eigene Strategie, damit umzugehen, und meine Strategie war: Ich würde gerne mithelfen, die Welt zu verbessern.“ Das war vor drei Jahrzehnten. Damals wie heute ist der Experte sich zu 100 Prozent sicher: „Prävention wirkt.“

STEIRERIN: Was ist das Ziel von Präventionsarbeit?
Günther Ebenschweiger: Mit Präventionsarbeit kann man viel bewirken. Es geht darum, dass Menschen nicht an der Seele oder am Körper verletzt werden sowie darum, Menschen zu helfen, die schon verletzt sind, aus der Opferrolle herauszukommen.

Viele wissen nicht, dass sich Prävention in drei Stufen einteilt. Können Sie das kurz genauer definieren?
Es gibt universelle, selektive und indizierte Prävention. Die universelle Prävention wendet sich an die gesamte Bevölkerung, um künftige Probleme zu verhindern. Bei Kindern geht es hier vor allem um Resilienz, Stärkung, Information und Ermutigung. Die selektive Prävention richtet sich an definierte Risikogruppen. Hierbei werden Prävention und Intervention miteinander verknüpft. Maßnahmen der indizierten Prävention richten sich an Personen mit manifestem Risikoverhalten. Zum Beispiel Kinder mit Gewalterfahrungen erleiden ein Trauma und nehmen das ins Erwachsensein mit. Das soll aufgearbeitet werden.

Thema Mobbing, da gibt es alarmierende Zahlen.
Mobbing war noch nie so schlimm wie heutzutage. Man geht davon aus, dass in acht von zehn Klassen ab der vierten  Klasse Volksschule mindestens ein Mobbing-Opfer sitzt. In diesem Bereich bin ich ununterbrochen im Einsatz. Wichtig ist zu wissen: Mobbing ist ein gruppendynamischer Prozess und hat immer mit einer Gruppe oder Klasse zu tun, nicht mit der Schule selbst. Viele verwechseln das.

Bild 1904_ST_EM_Mobbing-3.jpg
Präventionsexperte Günther Ebenschweiger, www.aktivpraeventiv.at © Thomas Luef

Was sind die Gründe für die steigenden Mobbing-Zahlen?
Hauptgründe für das heutige Mobbing liegen darin, dass Kinder in Familien weniger wahrgenommen werden. Das hat nichts mit dem sozialen Status zu tun. Kinder wachsen vielfach ohne die menschlichen Grundbedürfnisse wie Liebe, Anerkennung, Wertschätzung, Bindung auf. Ich habe Kinder kennengelernt, die nie in den Arm genommen werden.

Welche Auswirkungen kann Mobbing haben?
Mobbing hat mit Ausschließen zu tun und sozialer Ausschluss verursacht die gleichen Schmerzen wie ein Handbruch. Die Kinder haben tatsächlich Bauchschmerzen, Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Weinkrämpfe und Ängste. Das kann bis zu Suizidgedanken und Suizid gehen.

Wenn der Verdacht des Mobbings besteht, was sollte ich als Elternteil nicht machen?
Das „Opfer“ zur Gegenwehr auffordern, die Eltern des „Täters“ kontaktieren, mit „Opfer“ und „Täter“ gemeinsam über das Problem reden oder die Klasse auffordern, das Problem selbst zu lösen. In all diesen Fällen steht das „Opfer“ als „Petze“ da, was die ganze Situation nur schlimmer macht.

Wie sollte man dann reagieren?
Das Wichtigste ist Zuhören. Wenn die Kinder versuchen, das Erlebte zu erzählen, ist es falsch zu sagen: „Mach dir nichts draus“ oder „Ist nicht so schlimm, ist mir auch passiert.“ Durch dieses Abtun fühlen sich Kinder nicht ernst genommen und erzählen nichts mehr. Es wäre wichtig, dass die Eltern sich mit dem Kind in Ruhe zusammensetzen und fragen: „Wie geht’s dir? Was ist passiert? Wie lösen wir das gemeinsam?“

Und in der Klasse?
Mobbing ist pure Absicht und passiert nicht nebenbei. Die Mobber hören auch nicht auf, wenn man nichts tut. Da Mobbing ein gruppendynamisches Problem ist – auch jene, die eigentlich nichts tun, ermuntern die Mobber –, muss immer mit der ganzen Klasse gearbeitet werden. Ich als Experte komme, zum Beispiel, in die Klasse zu einem„Konflikttraining“, das nicht unmittelbar Mobbing, sondern die ganze Klasse, Menschenrechte, Petzen, Störungen, Spiele u. v. m. im Fokus hat. So kann ich mit den Kindern und Jugendlichen arbeiten, ohne dass „Täter“ und „Opfer“ vorgeführt werden. Zusätzlich gebe ich den Pädagogen Methoden mit und organisiere ergänzend Elternabende und Fortbildungen.

Kann ich mich auch als Privatperson bei Ihnen melden?
Natürlich.

Welche Rolle spielt Cybermobbing in dieser Thematik?
Mobbing-Opfer werden meist auch Opfer von Cybermobbing. Das geht Hand in Hand. Cybermobbing hat aber eine noch viel schlimmere Dimension als das Schulhofmobbing, weil es zeitlich und örtlich nicht begrenzt ist. Das geht 24 Stunden, rund um die Uhr.

Stichwort Zivilcourage – was verstehen Sie darunter?
Zivilcourage beginnt für mich schon mit ganz kleinen Gesten. Wenn ich das Gefühl habe, meine Nachbarin ist Opfer häuslicher Gewalt oder ein Kind quält sich mit einem Problem herum, reicht es nicht, nur einmal nachzufragen und wenn die betroffene Person gerade nicht reden will, das Ganze als erledigt abzutun. Zivilcourage hier wäre die Bereitschaft, klarzumachen, auch morgen, übermorgen und in Zukunft, wann immer Redebedarf besteht, da zu sein.