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Lifestyle | 08.04.2019

Mutigen Schrittes entgegentreten

Zivilcourage ist keine Selbstverständlichkeit: Menschen verhalten sich in Notsituationen anderen gegenüber oft nicht prosozial. Welche Barrieren gibt es, was behindert und was fördert sie?

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© Shutterstock

Zwei Frauen geraten auf offener Straße in einen lautstarken Streit. Die eine greift die andere verbal an, beschimpft sie und droht ihr mit Gewalt. Wie reagieren Passantinnen und Passanten? Dieses kontrollierte Feld­experiment hat das Austrian Institute of Technology im Vorjahr mit zwei Schauspielerinnen in Wiener Parks durchgeführt, um zu erforschen, wa­rum Menschen zivilcouragiert handeln und welche Barrieren es gibt. Die Ergebnisse zeigen, dass Passanten erst spät oder gar nicht eingreifen. Situationen werden oft unterschätzt, insbesondere nur die Androhung von körperlicher Gewalt wird häufig nicht als Gefahr wahrgenommen. Menschen fühlen sich darüber hinaus umso weniger zum Handeln verantwortlich, wenn Täter und Opfer einander kennen.

Zivilcourage erfordert, Ängste zu überwinden und über sich hinauszuwachsen.  © Shutterstock


Konsequenzen

Mut kann man nicht kaufen, heißt es. Wann kommt Zivilcourage denn überhaupt zum Tragen? Sabine Haring-Mosbacher vom Institut für Soziologie an der Karl-Franzens-Universität Graz verweist auf vier wesentliche Charakteristika: Es gibt eine Form von Konflikt, das kann auch ein Wertekonflikt sein. Es braucht ein gewisses Maß an Öffentlichkeit. Greift man ein, nimmt man das Risiko nachteiliger Konsequenzen in Kauf. Und: Es existiert ein Machtungleichgewicht, „dieses kann entweder objektiv vorhanden sein oder aber auch nur subjektiv so empfunden werden“, sagt die Soziologin. Das Wort Zivilcourage taucht übrigens zum ersten Mal 1835 in Frankreich auf. Es meint in seiner ursprünglichen Bedeutung den Mut des Einzelnen zum eigenen Urteil und erfährt dann eine Begriffsverschiebung hin zum staatsbürgerlichen Mut. Wenn man beispielsweise beobachtet, dass jemand physisch angegriffen wird, ist die Zivilcourage des Einzelnen gefragt. Sie muss von kollektiver Zivilcourage unterscheiden werden, betont Haring-Mosbacher. Letztere meint, dass ganze Gruppen gemeinsam auftreten und sich gegen ein Unrecht wehren. „Bei einem Fall auf der Individualebene muss man innerhalb kürzester Zeit entscheiden, ob man eingreift oder nicht. In anderen Situationen zivilgesellschaftlichen Handelns hat man jedoch viel mehr Zeit, vorher zu überlegen und Risiken abzuwägen.“ Aber was bringt uns überhaupt dazu, zivilcouragiert zu handeln? „Mut ist eine Emotion, etwas, das dem Menschen innewohnt. Allerdings tendiert er auch dazu, Konflike zu vermeiden. Emotionsforscher Randall Collins spricht hier von einer Konfrontationsanspannung“, so die Wissenschaftlerin. Auf der emotionalen Ebene spielt Mitgegfühl eine große Rolle, auf der kognitiven Ebene sind es vor allem Gerechtigkeitsvorstellungen.

 

Weghören, schweigen, die Augen verschließen ist oft einfacher, aber nicht prosozial. © Shutterstock

 

Werte versus Handlungen

Wie es um die Kultur der Zivilcourage hierzulande bestellt ist, lässt sich laut der Wissenschaftlerin nicht so leicht sagen beziehungsweise empirisch messen.  „Wenn wir Werte abfragen, fragen wir ja Einstellungen ab, das hat nicht notwendigerweise mit konkreten Handlungsabsichten zu tun. Da tut sich oft eine Diskrepanz auf, das verdeutlicht schon ein Beispiel aus der Familiensoziologie: Treue wird als höchster Wert in einer Beziehung angegeben, trotzdem wissen wir, dass rund 50 Prozent der Menschen fremdgehen.“ Aus ethischen Gründen wird auch zunehmend diskutiert, in welcher Art Feldexperimente beziehungsweise teilnehmende Beobachtung zulässig sind. „Medial werden derzeit Fälle mit schweren körperlichen Verletzungen im öffentlichen Raum stärker betont. So kann der Eindruck entstehen, dass es gefährlicher geworden ist, Zivilcourage zu zeigen.“ Einen Einfluss auf eine Entscheidung für oder gegen eine entsprechende Handlung hat auch die Zahl derjenigen, die einen Vorfall mitbekommt: Je mehr Menschen es sind, desto weniger wird eingegriffen. In der Psychologie spricht  man bei diesem Phänomen vom sogenannten Bystander-Effekt, weitere Zuschauer verringern die Wahrscheinlichkeit, zu handeln. „Wird man alleine Zeuge einer Situation, fühlt man sich direkt verantwortlich. Sind jedoch andere anwesend, wird die Verantwortung diffuser, man wartet ab.“  Für eine Handlungsabsicht wesentlich sind immer auch die zu erwartenden rechtlichen Konsequenzen. In autoritären oder totalitären Systemen sind die Nachteile, die man für ein Handeln in Kauf nimmt – etwa wenn man eine andere politische Meinung vertritt oder sich für eine ausgegrenzte Gruppe einsetzt – wesentlich schwerwiegender als in demokratischen Gesellschaften.

„Individualisierung und Zivilcourage sind kein Widerspruch. Es geht ja um persönliche Prinzipien.“, Sabine Haring-Mosbacher © Shutterstock

 

Individualisierung

Ist man heute aber nicht überhaupt oft sich selbst der Nächste? „Individualisierung und Zivilcourage widersprechen sich überhaupt nicht. Denn gerade im Zuge der Betonung des Individuums geht es ja auch darum, in Situationen selbstständig zu urteilen, zur eigenen Meinung zu stehen und diese nachdrücklich zu vertreten.“ Was aber messbar abnimmt, so die Soziologin, ist die Teilnahme an Freiwilligenarbeit, an Engagement in organisierten Formen. Gerade viele junge Menschen wollen sich nicht in organisatorische Zwänge pressen lassen, etwa die Übernahme von politischen Ämtern oder die Mitarbeit in NGOs.