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Lifestyle | 16.03.2019

Race across Graz

Was sind schon 15 Kilometer täglicher Radweg zur Arbeit gegen 5.000, in einem Stück und fast ohne Schlaf? Die STEIRERIN trat mit dem Spitzensportler Christoph Strasser plaudernd in die Pedale.

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Mit Christoph Strasser um die Wette fahren? Aber nur für das Foto! © Marija Kanizaj

Einmal um die Erdkugel fährt Christoph Strasser pro Jahr mit dem Rad. Doch von den geleisteten 42.000 Kilometern sind es nur 5.000, die wirklich zählen. Beim Race Across America, das Strasser im Vorjahr zum fünften Mal gewonnen hat, fährt er jedes Jahr im Juni 4.940 Kilometer von Ocean Side an der Westküste nach Annapolis an der Ostküste. Knapp acht Tage lang, mit meist nur einer Stunde Schlaf, Drinks, die nur nach Kakao oder Vanille schmecken, und 15.000 verbrannten Kalorien pro Tag. Wir maßen uns an, ihn um eine kleine Stadtrundfahrt durch Graz zu bitten, um über sein aufregendes Leben zu plaudern.

In Graz begann 2009 seine Radkarriere. Als Fahrradbote neben seinem später abgebrochenen Studium der Umwelttechnik lernte er, sich im hektischen Straßenverkehr zu behaupten. Die Devise lautete: Je besser man fährt, desto mehr Geld schaut am Abend heraus. Mit Radfahren seinen Unterhalt zu verdienen, das war auch sein Lebensplan. Mit 16 hieß sein großes Vorbild Wolfgang Fasching, der seinerseits drei Mal das Race Across America gewonnen hatte. Dieses Abenteuer, das auch Strasser gefangen nahm, wurde 1982, seinem Geburtsjahr, von vier Amerikanern ins Leben gerufen – als Jux und Wette, wer es mit dem Rad wohl schneller von der Westküste zur Ostküste schafft. Heute sind rund 40 Teilnehmer am Start, die Spitzenfahrer werden weniger. Auf die Frage, ob es mit seinen Dauersiegen zu tun haben könne, winkt er bescheiden ab.        

Schließlich sei alles nur Teamwork, betont er. Elf Begleiter, darunter ein Arzt, sind in drei Fahrzeugen stets um ihn. Sie treiben ihn an, wenn der sprichwörtliche Saft ausgeht, spielen ihm seine Lieblingssongs vor, etwa Josef Haders „Topfpflanzen“, stellen ihm Quizfragen, wenn die Konzen­tration nachlässt, oder lesen ihm von seiner Facebook-Seite aufmunternde Posts vor, kurz: es ist Live-Radio, das dem Dauerradler zuteil wird. Als Extremsportler sieht er sich schon deshalb nicht, weil alles durchgeplant und auf Sicherheit getrimmt sei, betont er. Auch wenn er sich acht Tage am Stück verausgabe, lebe er den Rest des Jahres gesund. „Manche Leute behaupten, ich übertreibe, wenn ich sage, dass der Erfolg auf Teamleistung beruht“, sagt Strasser. „Ich bin wie ein Motor, der mit Treibstoff versorgt, dem die Richtung vorgegeben und der nicht zuletzt bei Laune gehalten werden muss.“ Je besser das im Team organisiert ist, desto eher tritt Erfolg ein. Gegen Wind, Wetter und Sturm muss Strasser dennoch alleine strampeln. 2018 sei das bisher einzige Jahr gewesen, in dem er nicht in ein Gewitter gekommen sei, erzählt er. Der Spruch „Das schlechte Wetter ist für alle gleich“ stimme beim RAAM nicht: Während sich der Vordermann durch Unwetter und Gegenwind strampelt, hat derjenige, der hundert Kilometer weiter hinten ist, womöglich bequemen Rückenwind.

Zwei Mal schied Strasser aus, weil sein Körper die Temperaturunterschiede nicht mitgemacht hatte. Während beim Start in Oceanside eher frische Temperaturen herrschen, kann das Thermometer nach hundert Kilometern in der Wüste auf 45 Grad Celsius klettern und am Abend, in den Rocky Mountains, auf null Grad fallen. „Erst die trockene, heiße Luft, dann die feuchte, eiskalte, das ist fürchterlich für die Atmung“, erklärt Strasser. Der Team­arzt kontrolliert stets den Zustand und die Ernährung, ordnet an, wie viel Strasser trinken sollte, in der Regel ist das ein Liter Elektrolytgetränk – pro Stunde! Zu essen gibt es das ganze Rennen über nichts („davon träume ich nur, von richtigem amerikanischem Fastfood“), Strasser trinkt lediglich Flüssignahrung.

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© Marija Kanizaj

So wie er seine Vanille- und Kakao-Drinks schon nach wenigen Tagen satt hat, schmeckt ihm das Training, das nur aus Radfahren besteht, nicht immer. Im Winter trainiert er mittlerweile lieber auf dem Hometrainer, jeden Tag fünf bis sieben Stunden, während denen er Skirennen schaut oder Mails beantwortet. Strasser beschäftigt auch einen Trainer, denn: „Irgendwann kommt der Punkt, wo man einen anderen Profi braucht, der einen unterstützt und einen Blick von außen hat.“ Denn letztlich ist ein gutes Training die Basis für den Erfolg: „Wenn ich sieben Stunden am Tag trainiere, taugt mir das nicht besonders. Aber im Rennen geht es mir nur dann gut, wenn ich meine Hausaufgaben gemacht habe.“ Nicht zuletzt geht es beim Training darum, die letzten Prozente herauszukitzeln: Die Steigerung der Leistungsfähigkeit von 95 auf 100 Prozent sei so viel Arbeit wie die von null auf 95. „Es ist immer schwieriger, sich von 33 auf 32 Minuten zu verbessern als von einer Stunde auf 59 Minuten.“

Was, wenn beim Rennen gar nichts mehr geht? „Das entscheide nicht ich“, sagt Strasser schmunzelnd. Meistens werde ich von meiner Crew überzeugt, dass noch etwas gehen müsse beziehungsweise es noch nicht Zeit für eine Pause sei. „Manchmal bettle ich bei den Crewmitgliedern darum“, erzählt der Spitzensportler, „ich bin da wie ein kleines Kind, das einfach zum Papa geht, wenn die Mama Nein gesagt hat.“ Er wird mit Kaffee und lauter Musik wach gehalten, und wenn gar nichts mehr geht, legt sich Strasser für 20 Minuten zum Powernap ins Begleitfahrzeug, er kann sogar weiterdösen, wenn die Kleidung gewechselt werden muss; auch das macht die Crew.

Die Emotionen sind beim Rennen durch die USA ständige Begleiter. Während der letzten ein, zwei Tage komme schon vor, dass einem die Freudentränen über das Gesicht laufen in Anbetracht des nahenden Zieles. Das Ziel selbst ist für Strasser immer wieder ein Ärgernis, aus verständlichem Grund: Das Rennen ist in Annapolis an der Ostküste zu Ende. Während bei der Stadteinfahrt die Zeitmessung gestoppt wird, muss er noch 20 Kilometer durch die Stadt fahren, um zum eigentlichen Ziel zu kommen, wo allerdings nur eine Handvoll Menschen warten. Sein Siegerlächeln auf den Fotos ist dementsprechend gezwungen, „und eigentlich ist man ohnehin zu müde, um sich zu freuen“. Preisgeld gibt es übrigens keines.

Strassers Traum, vom Radfahren leben zu können, hat sich dennoch übererfüllt. Seit einem Jahr ist Lebensgefährtin Sabine mit an Bord, sie betreut mit ihm die Sponsoren, den Webshop und organisiert Strassers Vorträge, die ein für ihn sehr wichtiges Thema beinhalten: dass Erfolg letztlich das Ergebnis der täglichen Anstrengungen, der Höhepunkte und Rückschläge ist. Radfahren ist und bleibt sein Leben, als Radfahrer möchte er auch in Pension gehen und sich die schöne Gegend der USA auch einmal ohne Radstress anschauen. Was er sich im täglichen Umgang im Straßenverkehr wünschen würde: mehr Rücksicht für- und aufeinander.

Vorträge

21.03. Weiz, Garten der Generationen
22.03. Tamsweg, Gasthaus Gambswirt
29.03. Leibnitz, Kulturzentrum
06.04. Voitsberger Gesundheitstage

www.christophstrasser.at