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Lifestyle | 07.02.2019

Verzicht

Vier Redakteurinnen, vier unterschiedliche Wege zu fasten: Wir haben in einem Selbstversuch die Probe aufs Exempel gemacht und sind zu erstaunlichen Erkenntnissen gekommen.

Fotos Shutterstock, Marija Kanizaj, Stajan, Vibes Fitness, beigestellt

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Plastik

Elke Jauk-Offner

STEIRERIN-Redakteurin

 

Bereits am zweiten Tag bin ich gescheitert. Shit happens. Unter den acht Marken und 21 verschiedenen Sorten Toilettenpapier im Supermarkt fand sich keines ohne Plastikverpackung. Rat bei der Expertin entlastete mich: Ich war gleich bei einer Schwachstelle gelandet. Ein plastikfreier Einkauf von null auf hundert ist kein leichtes Unterfangen, wenn man das Vorhaben ohne großen Mehraufwand und Extrawege in den dichten Job- und Familienalltag integrieren will. Bei vielem waren meine Wahlmöglichkeiten deutlich reduziert, auf manches verzichtete ich ganz. Ich war streng mit mir, der Ehemann zog mit, die Tochter wachte mit Argusaugen über den Einkauf. Der Reduktionseffekt von heute auf morgen war eindrucksvoll. Es braucht Zeit und Recherche, dann lassen sich viele Alternativen finden. Mehr Budget? Ich denke, in Summe nein. Weil ich die Entscheidungen für oder gegen etwas viel bewusster getroffen habe. Der Verzicht hat einen echten Nachdenkprozess in Gang gesetzt, auch darüber, wie eigentlich Einweg-Glasflaschen und Konservendosen zu bewerten sind und wie viele Dinge man wirklich braucht. Ich habe nicht vor, Plastik dogmatisch aus meinem Leben zu verbannen, aber wir werden vieles beibehalten – Bambuszahnbürsten, Zahnpulver, Körperseife, eigene Gefäße für den Fischeinkauf am Bauernmarkt. Fühlt sich gut an. Nachahmung empfohlen!

Beatrix Altendorfer

Verpackungsfrei-Expertin

Beatrix Altendorfer hat die Plattform „Nachhaltig in Graz“ (www.nachhaltig-in-graz.at) gegründet 

 

STEIRERIN: Wie lässt sich ein Zero-Waste-Lifestyle am besten umsetzen?

Beatrix Altendorfer: Jeder von uns produziert pro Jahr durchschnittlich 37 Kilo Plastikmüll rein aus Verpackungen. Mit der Reduktion empfiehlt es sich bei Dingen anzufangen, die einen stören, aber auch dort, wo am einfachsten Fortschritte zu sehen sind. Alles auf einmal zu ändern, ist schwer möglich und frustriert eher. Küche und Bad sollten beim Umstieg parallel laufen, plastikfreie Alternativen erkundet, Einkaufswege danach geplant werden, das wird schnell zur Routine. Putzmittel lassen sich einfach selbst herstellen.

Für welche Verpackungsmaterialien sollte man sich alternativ entscheiden?

Die umweltfreundlichsten Verpackungen sind Papier, Mehrweg-Glas, aber auch Kunststoff – oder gar keine Verpackung, das lässt sich auf unseren Bauernmärkten gut umsetzen. Konservendosen sind sehr energieintensiv in der Herstellung. Bio-Kunststoff ist noch unausgereift und sollte im Restmüll entsorgt werden.

Wie motiviert man auch andere zum Umdenken?

Wenn man von der eigenen Umstellung positiv berichtet, nicht mit dem erhobenen Zeigefinger urteilt, ein positives Vorbild vorlebt. Ein müllreduziertes Leben macht froh. Man sollte immer wieder darüber reden, nachfragen, beispielsweise beim Einkauf, das bewirkt auch bei anderen etwas. 


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Zucker

Lissi Stoimaier

STEIRERIN-Redakteurin

 

Das war im wahrsten Sinne des Wortes kein Zuckerschlecken. Als bekennender Schokoholic ein Monat lang auf alles Süße – außer Obst – zu verzichten, war eine wirkliche Herausforderung für mich. Keine vom Weihnachtsfest übriggebliebenen Kekse mehr, keine Schoko beim Serienschauen am Abend und auch wenn es zur Endproduktion im Büro stressiger wurde, war die so geliebte Nervennahrung nicht erlaubt.   

Gut versteckt. Noch schwieriger, als auf offensichtlichen Zucker zu verzichten, war aber das Herausfiltern von all den versteckten Zuckerquellen. Genaues Hinschauen beim Einkaufen war also ein Muss. Dass in Ketchup, Cornflakes oder bestimmten Joghurts oft viel Zucker enthalten ist, ist schon länger bekannt. Dass aber auch im Lieblings-Hummus, beim Weckerl von der Brot-Theke und bei Essiggurkerl Zucker drinnen sein kann, überraschte dann doch. Und auch Tabu war das Glaserl Wein beim abendlichen Mädels-Tratsch, denn auch in alkoholischen Getränken versteckt sich oft Zucker. 

Fazit: Es gab viele Momente, in denen ich meinen süßen inneren Schweinehund bekämpfen musste, aber ich war schlussendlich siegreich. Außerdem nahm der Zuckergusto nach einigen Tagen schon merklich ab. Und auch sonst verbesserte sich das Körpergefühl deutlich. Zuckerverzicht ist von meiner Seite aus also auf jeden Fall empfehlenswert. Fortsetzung folgt garantiert.

Katrin Nerad

Fitness- und Abnehmexpertin

Katrin Nerad, Geschäftsführerin Vibes Fitness Graz:

 

STEIRERIN: Wie schädlich ist erhöhter Zuckerkonsum?

Katrin Nerad: Vorab ist enorm wichtig zu wissen, von welchem Zucker wir sprechen. Die „guten Zucker“ (langkettige Kohlenhydrate) sind z. B. in stärkehaltigem Gemüse, Vollkornreis, Kartoffel usw. enthalten. Die „bösen Zucker“ (kurzkettige Kohlenhydrate, Haushaltszucker, Fructose, Glukose …) – von denen in Folge die Rede ist – sollten nicht viel mehr als 10 % unserer täglichen Kalorienzufuhr ausmachen. Zu viel „böser Zucker“ bedeutet eine Dauerbelastung für die Bauchspeicheldrüse und den Stoffwechsel. Die Folge können Übergewicht sowie Typ-2-Diabetes sein. Das Suchtverhalten, das Zucker auslöst, kann zu Konzentrationsstörungen führen.

Gibt es guten Zucker? Stichwort: Fruchtzucker.

Ob etwas mit Fruchtzucker oder einem anderen Zucker gesüßt ist, ist relativ egal. Ist z. B. der Tee mit Fruchtzucker gesüßt, wurden alle anderen Stoffe der Frucht außer dem Zucker entfernt und wir haben wieder ganz normalen Zucker.

Soll man überhaupt gänzlich auf Zucker verzichten?

Da der Körper Energie braucht, ist Zucker wichtig für uns. Hier meine ich Mehrfachzucker (komplexe Kohlenhydrate). Kurzkettiger Zucker ist in Form von Obst erlaubt.

Welche Alternative gibt es für den Zuckergusto?

Normalerweise hört das Zuckerverlangen schon nach wenigen Tagen Ernährungsumstellung auf. Der Zuckergusto kommt meist nur, wenn der Blutzucker schnell sinkt. Trockenfrüchte, insbesondere Datteln, sind gute Alternativen.

 


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Konsum

Yvonne Hölzl

STEIRERIN-Redakteurin

 

Kürzlich wurde ich angelacht. Ein charismatisches Lächeln in herrlichem Rot und in schlanken Kurven geformt. Pumps! Nach langem Abwiegen des Kontostandes konnte ich freudig feststellen: leistbar! Nun, ich habe freundlich zurückgelächelt und bin weitergegangen. Warum? Konsumfasten! Dann, am nächsten Tag im Büro, schallt es von links: „Yvonne, ich zeige dir im Sale ein paar tolle Teile!“ Bumm. Die waren wirklich toll. Brauchen? Na ja, nicht zwingend, aber … Wäre dieses ABER nicht, dann hätte ich mir schon viel Geld erspart. Und das Zauberwort „Sale“ macht den Konsumverzicht ürbigens auch nicht einfacher. Dazu kommen die ganzen Instagram-Influencer, die ihren Followern täglich zeigen, welche Produkte sie unbedingt brauchen (Memo an mich: Social-Media-Fasten sollte Hand in Hand mit Konsumfasten gehen) und der eine oder andere Moderiese präsentiert wöchentlich die neue Kollektion. Ich leide! Erfolg konnte ich dennoch verzeichnen: Inzwischen habe ich auf ein Paar Overknee-Stiefel, einen Lippenstift in Coral und diese verführerischen roten Pumps verzichtet. Warum ich das alles brauche, fragte ich mich mit schielendem Blick auf den Suchtexperten. Für das Gefühl, als Belohnung und nicht zuletzt weil ich leben und nicht bloß existieren möchte, bilde ich mir ein. Und natürlich geht mir auch ohne rote Pumps nichts ab!

Roswitha Baumgartner

VIVID – Fachstelle für Suchtprävention

 

Roswitha Baumgartner von VIVID – Fachstelle für Suchtprävention:

 

STEIRERIN: Warum kann übermäßiger Konsum krank machen?

Roswitha Baumgartner: Kaufen und Konsumieren macht viele Menschen glücklich. Doch für manche wird Einkaufen zum Zwang. Ihr Leben wird von Gedanken ans Kaufen bestimmt. Sie haben ein süchtiges Kaufverhalten entwickelt und rutschen häufig in die Schuldenfalle.

Wie kann man dieser Suchtfalle entgehen?

Wir können uns dem Konsumieren nicht entziehen, denn wir sind gezwungen, lebenswichtige Dinge zu kaufen. Also müssen wir einen Weg finden, „kompetent“ einzukaufen.

Wie erlangt man diese Konsumkompetenz?

Konsumkompetenz im Sinne der Suchtvorbeugung besitzen Menschen dann, wenn sie wissen, welche tatsächlichen Bedürfnisse hinter ihren Konsumwünschen stehen. Manche Menschen kaufen, um dem Alltag zu entfliehen, sich zu entspannen oder sich wertvoll zu fühlen. Wenn wir uns dessen bewusst sind, dann können wir nach Problemlösungsmöglichkeiten suchen.

Haben Sie noch ein paar Tipps zur Vorbeugung?

Legen Sie einen monatlichen Betrag für nicht lebensnotwendigen Konsum fest und machen Sie eine Liste, wann Sie sich etwas leisten. Meiden Sie Einkaufszentren oder Online--Shops, vor allem bargeldlosen Zahlungsverkehr und hinterfragen Sie Werbebotschaften kritisch.


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Social Media

Daniela Müller

STEIRERIN-Chefredakteurin

 

Mit Facebook oder Instagram verhält es sich bei mir ähnlich wie mit Schokolade. Wenn’s mal langweilig ist, nascht man einfach dahin. Und ärgert sich im Anschluss. In der digitalen Bilderwelt von Facebook und Co. folgt dem Scrollen durch schöne Reisefotos und noch schönere Menschen, die nie Falten haben, nicht selten Frust. Alles ist perfekt. Mich als unperfekte Person nervt so etwas. Also mache ich eine abgespeckte Form von Digital Detox: Ich halte mich vier Wochen von Social Media fern. Als Erstes lösche ich die Apps von meinem Smartphone, was das Ganze schon weniger userfreundlich macht. Bis auf einen anfänglichen Impuls, ein Foto von Silvester posten zu wollen, fällt mir der Verzicht leicht. Eigentlich entlastet er mich sogar. Im Bus schaue ich, statt auf das Smartphone zu starren, aus dem Fenster (unglaublich, wie viel gerade gebaut wird), am Abend, wenn das Kind sein Fernsehprogramm schaut, lese ich ausführlicher als sonst Zeitung (schön, wenn Informationen nicht nur als 5-Sekunden--Häppchen daherkommen). Nach fast vier Wochen Face-book-Absenz kann ich sagen: Ich mag die Vorstellung, auf Social Media mit Menschen vernetzt zu sein, die man selten bis gar nicht trifft. Dennoch werde ich meine digitale Präsenz zurückschrauben. Aus dem einfachen Grund: Ich versäume nichts. Das fällt mir bestimmt leichter, als auf Schokolade zu verzichten.

Matthias Jax

Digitalexperte

Der Digitalexperte Matthias Jax vom Österreichischen

Institut für angewandte Telekommunikation:

 

STEIRERIN: Was ist von Digital Detox zu halten?

Jax: Der Begriff Digital Wellbeing trifft es besser. Statt zu Verzicht würde ich zum Reduzieren der Online-Zeiten raten. Dabei hilft es oft, Hürden einzubauen, etwa eine App zu deinstallieren, um über die Website einsteigen zu müssen.

Was macht die Faszination von Social Media aus?

Es ist nachgewiesen, dass die Herzerl und Likes, die man auf der schönen Bilderwelt von Social Media bekommt, Endorphine ausschütten. Social Media lebt davon, die Schönheit des Lebens darzustellen – und wer postet schon hässliche Urlaubsbilder? Dass diese digitale Selbstinszenierung übertrieben und zugespitzt auf schöne Momente ist, damit muss man umgehen lernen und verstehen, dass dies oft nicht der Realität entspricht. Gerade Jugendliche sind fasziniert von ihren Idolen auf Instagram, ohne zu wissen, wie viele Arbeit, Zeit und Geld diese in die tägliche Inszenierung stecken.

Gibt es von Ihrer Seite Ratschläge zur Nutzungsdauer?

Nein, das ist vom Alter abhängig oder davon, wie man Social Media nutzt. Man sollte dennoch sein Verhalten hinterfragen: Gelingt es mir, ohne Weiteres das Handy abzuschalten, ist mir ohne langweilig? Eltern unterschätzen bei diesem Thema oft ihre Vorbildwirkung. Bei Social Media gilt: Jugendliche wachsen in einer komplett anderen Medienrealität auf. Also gilt sowohl für 16- als auch 50-Jährige: Jeder kann hier von jedem lernen. Auch Erwachsene müssen sich auf diese Realität einstellen.