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Lifestyle | 05.10.2018

Zeit ist relativ

Verzweiflung. Angst. Wut. Hoffnung. Zuversicht. Die Diagnose Krebs löst eine Hochschaubahn der Gefühle aus. Psychologin Nina Bernhard über Wege und Mittel, wieder Orientierung zu finden.

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Die Diagnose ist ein Schock. „Sowohl für Betroffene als auch für Angehörige“, sagt Nina Bernhard. Sofort stehen Fragen wie „Was kommt jetzt auf mich zu? Muss ich sterben?“ im Raum. Orientierungslosigkeit ist eines der stärksten Gefühle in dieser Phase. „Alle Emotionen haben ihre Berechtigung, es gibt keine falschen Gefühle. Angst und Hoffnung existieren oft gleichzeitig. Es braucht Zeit, wieder Orientierung zu gewinnen“, sagt die Klinische und Gesundheitspsychologin der Krebshilfe Steiermark.

Das Warten ist für die meisten Patienten die größte Herausforderung – auf die nächsten Schritte, auf den Therapieplan, auf die Behandlungen. Bernhard zitiert Epiktet: Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern die Vorstellung von den Dingen. Unsere Fantasie geht zumeist vom Worst-Case-­Szenario aus. „Angst sollte man durch Wissen ersetzen, allerdings Google nicht zu sehr strapazieren. Das Arzt-Patienten-Gespräch  ist das Um und Auf.“ Immer wieder werden im Laufe der Behandlung Fragen auftauchen, man sollte sie sich notieren, um sie in Arztgesprächen zu stellen und fundierte Antworten zu erhalten. 

„Die Krebsdiagnose bedeutet zudem einen wahnsinnigen Vertrauensverlust in den Körper. Vielfach hat der Körper ja keinerlei Signale gesendet, dass etwas nicht stimmt. Dieses Vertrauen muss man erst langsam zurückgewinnen“, sagt Bernhard. Während die Erkrankten einen Kontrollverlust erleben, empfinden gerade die Familie und Freunde oftmals  Hilflosigkeit und stoßen selbst schnell an emotionale Grenzen. „Für Betroffene ist es aber zumeist schon eine große Hilfe, dass sie einfach als Ansprechpartner da sind.“ Dem Erkrankten sollten Angehörige nicht alles abnehmen wollen, „was er selbst erledigen kann, sollte er weiterhin tun, damit wird ein Stück Normalität erhalten, die Erkrankung stellt ja das ganze Leben auf den Kopf“, sagt die Expertin. Besser als eine gegenseitige Schonhaltung – der Betroffene will die Angehörigen nicht mit den Emotionen überfordern, die Angehörigen wollen den Betroffenen nicht mit Emotionen überfordern – ist ein möglichst offenes Gespräch. „Man kann sich die Sorge umeinander nicht ersparen, sie ist ja auch ein Zeichen für Nähe“, so Bernhard. 

 

Es gibt keine falschen Gefühle in dieser Lage,
alle Emotionen haben ihre Berechtigung.

Nina Bernhard

 

Das gilt im besonderen Maße für Kinder. Sie haben sensible Antennen für Veränderungen, man sollte ihnen die Erkrankung daher nicht verschweigen. „Sie stellen meist direkte Fragen und spüren sehr genau, was sie brauchen. Das heißt aber auch, dass sie sich zurückziehen, wenn sie genug Informationen bekommen haben.“ Das Stellen von Fragen sollte auf alle Fälle erlaubt sein, genauso ist es aber auch zulässig, nicht auf jede Frage eine Antwort zu haben. „Man muss auch nicht alles alleine durchstehen, sondern kann sich professionelle Hilfe holen. Ein Drittel der Krebspatienten nimmt psychoonkologische Unterstützung in Anspruch.“ Immer wieder geht es um die Suche nach einer Erklärung oder Ursache für den Krebs. Die Schuldfrage steht im Raum: Sind Persönlichkeitsmerkmale, ungelöste Konflikte oder Schicksalsschläge der Auslöser gewesen? Die Psychologin betont, dass es nach dem heutigen Wissensstand keine „Krebspersönlichkeit“ gibt. Stress kann sich aber sehr wohl emotional und körperlich auswirken. Die Zeit intensiver Gefühle lässt aber keine Nachteile für den Krankheitsverlauf erwarten.

Glaubenssätze von Angehörigen wie „Du musst jetzt stark sein“, „Du musst kämpfen“ oder „Du musst positiv denken“ erzeugen einen hohen Druck. „Es ist nicht immer möglich, stets positiv zu denken. Und es ist auch gar nicht notwendig“, so Bernhard. Ängste haben ihre Berechtigung und sind auch eine Kraft. Während der Therapie etabliert sich bei vielen ein Behandlungsalltag. In der Zeit des Wartens ist es durchaus sinnvoll, sich abzulenken und nach Möglichkeit Genusserfahrungen zu machen

Krebshilfe Steiermark

Das Beratungsteam der Österreichischen Krebshilfe Steiermark bietet individuelle Hilfe für Erkrankte und deren Angehörige. Die Mitarbeiter helfen, informieren und unterstützen kostenlos und anonym.

Tel.: 0316/47 44 33-0
[email protected]
www.krebshilfe.at


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