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Lifestyle | 10.11.2017

Lust auf Trödeln?

Der Second-Hand-Einkauf als Gesamterlebnis: Hierzulande hat sich eine neue Flohmarktkultur etabliert. Vintage hat Wert, macht Spaß und schafft nebenbei Plattformen zum sozialen Austausch.

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Überzeugte Lendviertlerinnen mit hoher Flohmarktaffinität: Organsationsduo Maria Reiner und Gabi Medan.

Text Elke Jauk-Offner   Fotos Thomas Luef

 

Das temporäre Freiluft-Wohnzimmer ist mit Trödel  eingerichtet, das Musikcafé Prenner sorgt für eine Nachmittagsdosis Punk und Rock, François Déodorant schmettert seine mitreißenden Liebeserklärungen, im improvisierten Outdoor-Beautysalon kann man sich verschönern lassen – und das alles zwischen Hunderten von gebrauchten Kleidern. Auf dem ersten Kleiderflohmarkt am Grazer Lendplatz, den Maria Reiner und Gabi Medan aus der Taufe gehoben haben, tummelten sich Käufer und Verkäufer quer durch Altersklassen und soziale Schichten.

Second Hand hat längst neue Kundenkreise erreicht, die Flohmarktkultur erfährt eine intensive Belebung, Ausgedientes kommt auch hierzulande neuerdings ganz schön hipp daher. Qualität ist zum Maßstab geworden, Wertigkeiten bleiben dennoch höchst individuell. Das Angebot reicht vom supergünstigen Designerteil, das aus dem Schrank verbannt worden ist, bis zum handgefertigten Unikat, das für den eigenen Gebrauch doch keinen Gefallen mehr findet.  

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Trödeln in Graz.

Dahinter steht für die Veranstalterinnen noch mehr: Sie wollen Menschen näher zusammenbringen, öffentlichen Raum erobern, Utopien ein Stück weit in die Realität holen. Beim Kleiderflohmarkt am Lendplatz gab es auch „soziale Tische“: Andere übernahmen die Standgebühr für jene, die es sich nicht leisten konnten, die Waren kamen durch Kleiderspenden zustande. „So eine Veranstaltung ist ein gelunges soziokulturelles Projekt, sie erreicht alle Zielgruppen, bringt viele andere Menschen ins Viertel, fördert die Kommunikation. Hier wechseln mehr als nur Dinge die Besitzer, es sind auch Ideen und Weltanschauungen“, sagen Reiner und Medan.

Und: „Gerade in Zeiten einer Wegwerfgesellschaft dienen Flohmärkte darüber hinaus dem Gedanken der Wiederverwertung und Nachhaltigkeit.“ Andere Länder und Städte sind der Murmetropole da voraus, wissen die zwei zu berichten. Von New York über Amsterdam bis München ist es gang und gebe, beispielsweise ausrangierte Möbel einfach vor die Türe zu stellen – erst wenn sie innerhalb von ein paar Tagen nicht abgeholt werden, landen sie im Müll. Dazu kommt es zumeist aber gar nicht.

Auch für die Murmetropole gehen  Medan und Reiner, die über den Verein Stadtteilprojekt Annenviertel auch immer wieder den Annenstraßenflohmarkt auf die Beine stellen, die Ideen nicht aus: „Es gäbe noch viele Plätze, die bespielt werden wollen. Öffentlichen Raum nutzen zu dürfen, sollte eigentlich selbstverständlich sein – natürlich ist ein verantwortungsvoller und behutsamer Umgang mit dem Raum wesentlich. Wir stoßen hier allerdings immer wieder auf Hürden. Aktuell sind wir auch auf der Suche nach einer  passenden Indoor-Flohmarkt-Möglichkeit.“

Flohmarkt am Lendplatz in Graz
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Kleiderflohmarkt mit sozialen Tischen, Beauty-Lounge und musikalischer Umrahmung auf dem der Grazer Lendplatz.
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Kleiderflohmarkt mit sozialen Tischen, Beauty-Lounge und musikalischer Umrahmung auf dem der Grazer Lendplatz.
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Kleiderflohmarkt mit sozialen Tischen, Beauty-Lounge und musikalischer Umrahmung auf dem der Grazer Lendplatz.

Spaßfaktor & Stylingtipps

Die hat Susanna Ahvonen bereits gefunden: In ihrem Yoga-Studio unweit des Kaiser-Josef-Platzes in Graz lädt sie zwei Mal im Jahr unter dem Titel „1st Class – Second Hand“ zur Schnäppchenjagd mit Stil ein. Entwickelt hat sich die Veranstaltung aus einem Freundinnentreff im privaten Rahmen bei Michaela Polz-Hofer. Hier fanden textile Fehlentscheidungen glückliche neue Besitzerinnen. Über die gemeinsame Freundin Krisztina Zeitlmann, Inhaberin von Lost Soles, wurde die Idee dann örtlich transferiert und professionalisiert. Designermode, Schuhe, Taschen, Accessoires – fündig wird man von der aussortierten Balanciaga-Bag bis hin zu den bislang im Schrank verstaubten Prada-Pumps. „Jede von uns hat so eine Kiste zu Hause: Teile, die einst sehr teuer waren, aber jetzt nicht mehr passen oder gefallen, von denen man sich aber schwer trennen kann. Wenn es für jemand anderen passt und der sich darüber freut – perfekt.“ Anprobiert wird durchaus auch gleich vor Publikum: „Das ist superlustig. Zur Frage, ob einem das steht, bekommt man 30 Meinungen und zusätzliche Stylingstipps“, schmunzelt Ahvonen, „uns geht es vor allem um die Freude an Mode und Design, um das Zusammenkommen und Freundinnen-Treffen, um sich inspirieren zu lassen. Viele Persönlichkeiten treffen hier aufeinander.“ Die Architektin ist zudem für die Creative Industries Styria für das Format „Design in the City“ als Kuratorin tätig. Der nächste Markt mit allerlei schönen Dingen wird im Frühjahr noch vor Ostern über die Bühne gehen.

„Man tauscht Dinge, Ideen
und Weltanschauungen.“

Maria Reiner, Organisatorin

„Powern“ über Second Hand

Als Power-Plattform nutzen die „Grazer Wunderweiber“ das Thema Second Hand. Die Facebook-Gruppe wurde vor zweieinhalb Jahren gegründet und zählt mittlerweile 3000 Mitglieder aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen. „Gestartet bin ich mit 30 Freundinnen, um uns gegenseitig  mit Kontakten, Tipps und Informationen zu unterstützen, um Familie und Job bestmöglich managen zu können. Persönliche Empfehlungen sind in allen Bereichen sehr wichtig, Männer haben auch ihre Seilschaften, diese Kraft gilt es zu nützen. Das ,Powern‘ funktioniert auch über unsere Secondhand-Plattform“, konstatiert Wunderweiber-Gründerin und Juristin Sonja Weinländer, die die Facebook-Gruppe sowie den Ableger Wunderweiber Second Hand mit Musikwissenschafterin Ulla Offenbeck managt.
Am 12. November laden die beiden nun zum 2nd-Hand-Flohmarkt und Advent-Pop-up-Markt der Grazer Wunderweiber ins Mangolds in Graz ein. „Hier werden neben Produkten und Dienstleistungen gebrauchte Sachen in High-Quality angeboten. Second Hand ist einfach cool geworden. Auch Society-Ladies tauschen mittlerweile Abendkleider, niemand geniert sich deswegen mehr. Wir erleichtern uns Frauen damit einfach den Alltag und sparen zudem Ressourcen, das kommt wiederum der Umwelt zugute“, sagt Offenbeck. Second Hand in einer homogenen Gruppe schaffe darüber hinaus ein anderes Vertrauen in angebotene Waren, der Austausch wird leichter und Dinge bekommen so ein zweites und drittes Leben, das Sinn stiftet und Freude macht.

Trödeln im Yogastudio
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Second-Hand-Stände im Yogastudio: Ideengeberin Michaela Polz-Hofer und Gastgeberin Susanna Ahvonen.
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Second-Hand-Stände im Yogastudio: Ideengeberin Michaela Polz-Hofer und Gastgeberin Susanna Ahvonen.

Flohmarktnews

Maria Reiner (Managerie) und Gabi Medan (Samen Köller) sind vor allem im Lendviertel aktiv. Aktuelles:
www.managerie.at

Susanne Ahvonen lädt zwei Mal im Jahr zum Second-Hand-Event in ihr Yogastudio YoDa in Graz. Infos:
info@yodastudio.at

Das deutsche Konzept des Schwester­herz-Mädchenflohmarktes macht immer wieder in Graz Station. Termine:
www.schwesterherz.de

Die FB-Gruppe Grazer Wunderweiber wird von Sonja Weinländer und Ulla Offenbeck gemanagt. Sie organsisieren den 2nd-Hand-Flohmarkt und Advent-Pop-up-Markt:
12.11., 11 bis 17 Uhr, Mangolds • Griesgasse 11 • Graz

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Ganzheitliche Netzwerkpower: die Grazer Wunderweiber Sonja Weinländer und Ulla Offenbeck.
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