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Events | 09.03.2019

Frauenbilder Bilderfrauen

Marie Kreutzers Film „Der Boden unter den Füßen“ eröffnet die diesjährige Diagonale. Da und dort geht es um das Bild von und auf Frauen.

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© Chris Singer

Marie Kreutzers neuester Film, das seit der Berlinale viel gelobte Drama „Der Boden unter den Füßen“, wird am 19. März die Diagonale 2019 eröffnen: Der Film erzählt von der jungen und ehrgeizigen Unternehmensberaterin Lola (Valerie Pachner), deren Job ihr einziger Lebensinhalt ist. Das wird zunehmend zur Herausforderung, weil sie ihrer psychisch kranken Schwester Conny (Pia Hierzegger) einen Platz in ihrem straff organisierten Leben einräumen muss und sich in einer makellosen Fassade allmählich tiefe Risse auftun. Die STEIRERIN bat Marie Kreutzer und Pia Hierzegger zum Interview.

„Der Boden unter den Füßen“ ist ein sehr erwachsener Film. Welcher Zeitgeist schrieb das Drehbuch mit?
Kreutzer: Es geht einfach um das Heute. Mich hat interessiert, wie eine Unternehmensberaterin lebt und wie das so ist, wenn man plötzlich nicht mehr alles unter Kontrolle hat. Ich bin dabei stärker von der Figur ausgegangen und weniger vom Milieu oder der Gesellschaft. Natürlich, je länger man ein Thema erarbeitet, desto stärker merkt man, wie alles mit einem selbst zu tun hat, indem wir dauernd irgendwelchen Zielen hinterherrennen.

Wie sind Sie in diese Beraterwelt eingetaucht?
Kreutzer: Wenn man einen Film über eine Notaufnahme schreibt, hält man sich dort auf. Ein Unternehmensberater wird niemanden zu Kundengesprächen mitnehmen. Ich habe mit ehemaligen Beratern gesprochen, das Drehbuch wurde von verschiedenen Consultern gelesen. Manche Dialoge mussten wir gemeinsam erarbeiten, weil diese Sprache für mich stellenweise einer Fremdsprache glich.

Es gibt eine Szene, in der Lola in Elises Handtasche viele Pillenpackungen findet und fragt, ob diese alle nimmt. Wie realistisch ist diese Szene?
Kreuzer: Realistisch, wenn auch nicht spezifisch für dieses Milieu, sondern überall dort, wo viel Leistung verlangt wird. Elise sagt das ja im Film so passend: „Nach einigen Jahren wirst du merken: Wir kommen alle ins Minus.“

Lola, Conny, Elise (Lolas Chefin):  Ein Psychogramm der Frau von heute, ein Hin- und Herhetzen zwischen (beruflicher) Aufgabe und Selbstfindung? Müssen wir uns neu erfinden?
Hierzegger: Nein, ich glaube nicht. Vielmehr sind es die Verhältnisse, die Frauen zwingen, sich immer für oder gegen etwas entscheiden zu müssen und um Anerkennung zu buhlen. Als optimistischer Mensch habe ich das Gefühl, dass noch nie so viel über Selbstausbeutung gesprochen wurde, speziell bei Frauen. Was ich schon beobachte, ist, dass vor 10, 15 Jahren 20-Jährige gern behauptet haben, gleichberechtigt zu sein und dass eh alles passen würde. Sobald sie in Berufen waren, mussten sie feststellen, dass es sehr wohl Unterschiede gibt. Plötzlich wurden sie Feministinnen.
Kreutzer: Nicht so optimistisch kann man auch sagen, dass die Gefahr groß ist, dass man uns wieder viele Möglichkeiten und Rechte wegnimmt. Die aktuelle Politik in unserem Land geht ja eher in diese Richtung.

Sie ließen nach der Ernennung der aktuellen Regierung T-Shirts mit dem Spruch „This is not my government“ drucken. Was kritisieren Sie daran?
Kreutzer: Es ist nicht nur ein österreichisches Phänomen, dass Frauenrechte beschnitten werden, etwa wenn jetzt wieder über das Recht auf Abtreibung diskutiert wird. Eigentlich ist das ein Wahnsinn.
Hierzegger: Einerseits wird uns gerade wieder eingeredet, wie schön es für eine Frau ist, wenn sie bei ihren Kindern bleiben kann, um genau von dieser Seite erklärt zu bekommen, wie gleichberechtigt alles ist. Dabei muss man sich nur das Frauenvolksbegehren anschauen, was alles noch nicht erfüllt ist.

Frau Kreutzer, fand ihre politische Aktion Gehör?
Kreutzer: Mir war wichtig, einen Ausdruck zu finden für meine Unzufriedenheit, dass so viele Leute ein solches T-Shirt wollten, war nicht geplant. Ich kam dabei mit vielen anderen unzufriedenen Leuten ins Gespräch und habe viel Gemeinschaftsgefühl erlebt. Auf der Berlinale, wo ich das T-Shirt trug, bekam ich als Rückmeldung, das sei mutig. Nur leben wir in einem freien Land, da sollte freie Meinungsäußerung nicht als mutig gelten, im Gegenteil: Mich schockiert, wie viele Kulturschaffende sich politisch nicht mehr äußern wollen, weil sie Angst haben, Schaden nehmen zu können.
Hierzegger: Wir haben am 8. März im Theater im Bahnhof eine Show, in Kooperation mit dem Schauspielhaus Graz: Österreich, wir müssen reden. Dabei versuchen wir, gerade Frauen einzuladen, die nicht nur aus dem linken Spektrum kommen. Unser Ziel ist es, keine zwei Fraktionen zu schaffen, die sich beschimpfen, sondern zu schauen, was man gemeinsam verbessern kann. Ich äußere mich politisch, wenn ich das Gefühl habe, etwas beitragen zu können oder dass Grenzen überschritten werden, wenn etwa der Innenminister meint, die Politik komme vor dem Recht.

Zurück zum Film: Frau Hierzegger, Ihre Frauenrolle im Film ist sehr verloren. Wie ging es Ihnen damit?
Hierzegger: Weil ich am Vorabend den Filmpreis moderiert habe, war ich beim Casting sehr müde. Umso überraschter war ich, als Marie sagte, sie wolle mich für die Rolle. Zum ersten Mal in meinem Leben bekam ich ein bisserl Angst, weil ich es als Anmaßung empfand, zu wissen, wie man so einen Menschen spielt.

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Seit Jahren ein gut eingespieltes Team: Marie Kreutzer und Pia Hierzegger. © Chris Singer

Wie gelang es?
Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich in dieser Umgebung agieren würde, habe recherchiert und mit Ärzten und Ärztinnen wie Michael Lehofer und Claudia Reiner-Lawugger gesprochen. Die Baumgartner Höhe hat auch einiges zur Stimmung beigetragen.

Wie ist es Valerie Pachner gegangen, die Lola verkörpert?
Kreutzer: Sie hat mir erzählt, dass sie wochenlang enorm verspannt war. Diese Härte der Frauen ist schon bemerkenswert. Sie müssen agieren wie Männer, wenn nicht sogar stärker sein, und vor allem die von Männern gemachten Verhaltensregeln akzeptieren und dementsprechend reagieren.

Wie sehen Sie das Frauenbild in der Gesellschaft jetzt, Anfang des 21. Jahrhunderts, 100 Jahre nach Einführung des Wahlrechts?
Kreutzer: Allein die Tatsache, dass ich das immer gefragt werde, zeigt, wo wir stehen. Wie oft höre ich, dass wir eh so tolle Regisseurinnen in Österreich hätten. Die Tatsache, dass wir die alle aufzählen können, die Männer, die von diesem Beruf leben können, aber nicht, sagt doch schon alles. Wir müssen weiter über das Thema reden, aber auch mit den Männern. Die sind schließlich nicht unsere Feinde. Die Gleichberechtigung sollte doch in unser aller Interesse sein.
Hierzegger: Ich wäre glücklich, dürfte ich noch erleben, dass sich Frauen benehmen dürfen, wie sie wollen, dass wir gleichberechtigt sind und nicht mehr darüber reden müssen. Es ist wahnsinnig anstrengend, dauernd erklären zu müssen, was falsch läuft – ähnlich wie die Aufklärung eines Kriminalfalls, nur dass alle Fakten schon auf dem Tisch liegen. Die Strukturen bestehen, weil gewisse Männer ihre Macht nicht verlieren wollen. Und die wird niemand aufgeben wollen, sofern er nicht dazu gezwungen wird.

 

Wenn eine Frau gleich viel verdienen
will wie ein Mann, ist sie Feministin. Punkt.

Marie Kreutzer

 

Sorgt Sie die gesellschaftliche Entwicklung?
Kreutzer: Doch, ich mache mir Sorgen um jene jungen Frauen und Männer, die schon jetzt die Nase voll von diesem Thema haben, die es aber letztlich umsetzen und fortführen müssten. Es ist schockierend, wie in vielen jungen Familien die Geschlech­terrollen so verteilt sind wie vor hundert Jahren.
Hierzegger: Ein bisserl was geht schon weiter, mal zwei Schritte vor, mal einer zurück. Gewisse Standards, hoffe ich, können nicht mehr zerstört werden.
Kreutzer: Was mich oft aufregt, ist, wie das Wort Feministin verwendet wird, als wäre es ein Schimpfwort. Feminismus bedeutet einfach, dass Frauen gleich viel wert sind wie Männer. Wenn eine Frau gleich viel verdienen will wie ein Mann, ist sie Feministin, Punkt.

Gibt es eigentlich auch in Österreich Harvey Weinsteins?
Kreutzer: Ich denke, viele Frauen in unserer Branche hatten Weinstein-ähnliche Erlebnisse. Zwischen Belästigung und Bademantel-Szenen gibt es ja viel Spielraum.
Hierzegger: Hierzulande hat man eher zu Regisseuren Kontakt. Und dabei lernt man schon früh, dass man sich mit ihnen gut stellen sollte. Ich muss aber dazusagen, dass mir diese Abhängigkeit unter 30 selbst auch nicht so bewusst war …
Kreutzer: … mir auch nicht.
Hierzegger: Wenn dich jemand als Schauspielerin gut findet, fühlst du dich halt geschmeichelt. Bis man die Mechanismen durchschaut, ist es oft zu spät. Heute habe ich das Gefühl, auf vernünftigere Leute zu treffen, zudem finde ich, dass junge Männer heute integrer sind und nicht so viel Unterschied zwischen Männern und Frauen machen. Dinge rund um Metoo sind anzusprechen, gerade um jungen Frauen zu zeigen, dass sie nicht alles mitmachen müssen.
Kreutzer: Problematisch finde ich, wenn in Medien Gewaltdelikte verharmlosend formuliert werden oder sogar die Frau, die Gewalt anklagt, infrage gestellt wird. Es mag sein, dass in Einzelfällen Männer zu Unrecht beschuldigt werden. Aber es gibt sicher keine Frau, die sich hinstellt und gern sagt: Ich wurde vergewaltigt.

Was würden Sie Ihrer Tochter mitgeben wollen?
Hierzegger: Eine gute Jause.
Kreutzer: Ja, aber die kommt bei meiner meistens zurück. Ich habe da kein Konzept, aber umso öfter ein Schuldgefühl, wenn ich weg bin. Ich denke, das, was ich meiner Tochter vorlebe, ist wertvoll. Am wichtigsten ist, dass sie weiß, dass wir sie lieben.